Von Schuld und Sühne


Leben ist die Kunst, die richtigen Entscheidungen zu treffen: Glückliche, große, dumme, gewagte oder schlaue Entscheidungen. Und eine Entscheidung traf auch ein junger Wiener am Morgen des 2. Juli 2014 als er unseren lieben Freund Ronny im Treppenhaus des Kreuzberger Excelsior Hochhauses mit insgesamt 67 Messerstichen abschlachtete.

Die Zeitungen mit den vier Buchstaben haben schon zur Genüge über diesen Fall berichtet. Und ich habe mir acht Monate gut überlegt, ob ich selbst dazu etwas beitragen will: Wir waren über zwei Jahre mit Ronny befreundet. Wir mochten ihn und seine Freunde sehr. Keinesfalls waren wir aber Teil seines engsten Zirkels und insofern kommt anderen da sicher eine gewichtigere Stimme zu.

Warum ich heute, acht Monate nach Ronnys Tod, über diesen Fall schreibe, ist simpel: der Täter — wie gesagt, ein junger Wiener — steht zur Zeit in Berlin vor Gericht und die einschlägigen Zeitungen sind wieder ebenso voll von ganzseitigen Artikeln wie in jenen Sommertagen letzten Jahres als der Wahnsinn noch frisch war und man noch gar nichts wusste.

Im englischen Sprachraum benutzt man gerne das Wort “Random” für eine solch absurde Todesart, die so vielen Menschen so viel Unglück bereitet hat. Denn Ronny und sein Mörder kannten sich nicht und wären in einem anderen Kontext einfach aneinander vorbei gegangen und hätten ihre Leben weitergelebt.

An diesem Donnerstag Morgen muss aber ein emotional schwer angeschlagener 24-jähriger Wiener in Berlin angekommen sein, fest entschlossen, seine Fernbeziehung in Kreuzberg für sich zurückzugewinnen. Dass er im Treppenhaus allerdings nun dem neuen Freund seiner Ex gegenüberstand, der eigentlich gerade auf dem Weg zur Uni war, kostete unserem Freund Ronny sein junges Leben. Der Mörder: verließ Berlin nach der Tat umgehend und postete unterwegs die Statusmeldung “Shit” auf seine Facebook Wall. Wenige Tage später wurde er in Wien von einem Sondereinsatzkommando festgenommen.

„Ich wollte ihn nicht töten. Ich hatte das nicht geplant“, sagte der Täter bei der Verhandlung, die heute in Berlin stattfand und legte ein volles Geständnis ab. Man ist geneigt ihm zu glauben. Denn gleich, was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der in einer solchen Orgie der Gewalt, einen fast Gleichaltrigen aus dem Leben riss: ein Opfer ist der junge Wiener auf eine andere Art und Weise ebenso.

Was sich in den letzten acht Monaten für mich aber als besonders schwer erträgliche Eigenart der Todesart Mord gezeigt hat, ist, dass ein solches Kapitalverbrechen fast zu einer Art Gemeingut wird. Der Tod eines Freundes wird automatisch Public Property, wenn die Welt, Morgenpost, B.Z., die Bild und die gesamte Wiener Presse schneller und besser informiert sind, als man selbst. Im Freundeskreis herrschte noch weitgehende Ratlosigkeit, während man Fakten primär über geteilte Springer-Links erfuhr. Ein besonders windiger Journalist hatte Ronnys Foto wenige Tage nach seinem Tod von seiner Facebook Page geklaut und in die Zeitung gesetzt.

Eine in solchen Fällen irgendwie verständliche aber dennoch kaltherzige Sensationsgier macht das tieftraurige Ende eines geliebten und beliebten Menschen noch unwirklicher: das Presse-Flächenbombardement zeigt Absperrbänder, Polizisten, Tatorte, Gerichtseingänge, den Täter mit verfremdeten Gesichtskonturen und dergleichen mehr. Das eigentliche Opfer stirbt dabei förmlich noch einmal. Die Privatsphäre gebietet es natürlich, kein Gesicht zu zeigen. Aber eben deshalb mutiert der Mord an einem lebenden Menschen zu etwas, das wie eine Episode aus Tatort wirkt. Hat man tausendmal gesehen, blättert man weiter.

Ich hätte Ronny drei Tage nach seinem Tod mit Freunden zum Kochen getroffen. Wir hatten den Termin ein paarmal verschoben und diesmal sollte es endlich soweit sein: wir waren alle Korea-Fans, kulturell wie kulinarisch. Und wir freuten uns, mit den Jungs mal wieder einen Abend zu verbringen und koreanisch zu kochen.

Dass alles anders kommen sollte, dass wir Ronny nie mehr wieder sehen sollten, hätte ich mir im Traum nie vorstellen können. Denkbar ist, dass auch der Mörder an diesem Donnerstag-Morgen etwas getan hat, was er sich nie zugetraut hätte. Grundsätzlich ist das aber auch völlig zweitrangig. Denn Schuld und Sühne sind nicht mehr zu ermitteln und nicht aufzuwiegen. Der Tod unseres Freundes Ronny kennt nur Opfer, den Täter mit eingeschlossen. Wer “Good guy” und wer “bad guy” ist, spielt keinerlei Rolle mehr, holt niemanden zurück und ist unwichtig. Denn beide Dimensionen kann man hier nicht anlegen, wenn es faktisch nur Verlierer gibt.

Wenn man aus diesem riesengroßen Scheiß irgendwas mitnehmen kann, dann vermutlich, dass es keinen großen Plan gibt. Dass man leider einfach sterben kann, weil ein Mensch 800 km weiter durchdreht und sich zum Handeln entschließt. Das Credo: Schaut lieber zweimal nach, ob ein Auto kommt, wenn ihr oder eure Lieben über die Straße gehen. Ruft im Zweifel die Polizei statt Held zu spielen. Und falls es zwackt, geht lieber zum Arzt. Wir alle glauben, dass wir unsterblich sind. Und dann kreuzen sich zwei Schicksalsstränge auf so absurd bizarre Weise, dass an Wirklichkeit nie wieder zu denken ist.

Und noch etwas geht mir heute durch den Kopf. Nämlich, dass es nicht um “den Mord im Excelsior-Haus” geht, der auflagenstark neben dem Horoskop der Woche und den News von Justin Bieber durch die Boulevardpresse getragen wird, sondern um einen jungen Mann, der leider nicht erwachsen werden durfte. Und das ist die eigentliche Tragik, die im Management dieses Verbrechens mittlerweile vollkommen untergeht.

Acht Monate danach möchte ich das Gedenken an Ronny eben nicht den unsäglichen und bald wieder versiegenden Boulevard-Artikeln aus dem Gerichtssaal opfern. Die Erinnerung an diesen jungen, kreativen, verrückten Kerl, bei dem wir im Sommer 2012 zur Untermiete wohnten, als wir nach Berlin zogen. Der Typ, der mehrfach in Nordkorea war, und faszinierende Diashows darüber bei Freunden gemacht hat. Ein junger Mann, der schnell ein guter Freund war, obwohl man sich nur kurz kannte und unregelmäßig sah. Ein Junge mit einem riesengroßen Herzen und einer großen Zukunft, die er nie antreten konnte.

Solltet ihr wider Erwarten doch noch an den alten Mann auf der Wolke glauben, dann gebt ihm unbekannterweise bitte heute Abend eine Empfehlung für Ronny mit. Der war nämlich ein Guter. Und er hätte heute Abend eigentlich hier sein sollen.