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„Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen“ — Teil 2

Das ist das Erste, was mir an Erinnerung hochkommt, wenn ich an die Ereignisse vor vier Jahren denke. Ich sollte etwas weiter vorne anfangen. Ungefähr zwei Tage vorher. Und ich sollte mich vorstellen.

Ich heiße William Wayfarer. Sohn eines amerikanischen Soldaten. 32 Jahre alt. Ex-Düsseldorfer, Neo-Stuttgarter. Ich bin selbstständig. Freier Autor. Doch als freischaffender Schriftsteller kommt man kaum über die Runden, wenn man nicht den Bestseller landet, auf den alle hoffen. Ein, zwei Kolumnen hier, ein paar Lesungen dort, unregelmäßiges Erscheinen in Anthologien, das alles bringt etwas Geld, aber zum Leben ist es mehr als knapp. Doch das war nie das Problem, ich befand mich seit vielen Jahren in festen und gut verdienenden Händen. Wir waren stillschweigend überein gekommen: Ich steuerte den kleineren Anteil bei. Eben bis vor 2 Tagen.

Plötzlich war ich wieder Single. Aber bevor ich die Vorzüge des Single-Daseins auskosten konnte, musste ich sehen, dass die Rahmenbedingungen gegeben waren. Ich brauchte einen Platz zum Schlafen und ich brauchte Geld.

Zwei Koffer in den Händen und nass bis auf die Haut stand ich vor dem Haus, in das ich aufgenommen zu werden hoffte. Ein schmuckes, kleines Einfamilienhäuschen am Stadtrand der schwäbischen Metropole, im Sommerrain.

Wenn die Sonne schien, stachen die roten Fensterklappen aus dem Himmelblau des Hauses hervor. Man hörte dann die Hühner, die meine Schwester und ihre Familie hinter dem Haus hielten, und man hörte die Kinder spielen und lachen.

Doch an diesem Tag schien die Sonne nicht. Es goss wie aus Eimern, die Hühner waren in ihren Käfigen und die Kinder waren im Haus. Die Spielsachen lagen einsam herum. Wasser sammelte sich in den Sitzflächen der Dreiräder.

Bei Sara Zuflucht zu finden war ein Akt der Verzweiflung gewesen. Seit ich mit Linda hierher gezogen war, hatten sich meine Freunde überall auf der Welt niedergelassen, nur nicht in Stuttgart. Bis auf meine Schwester. Und Sam. Ich hoffte, ihn später noch zu sehen, vielleicht kam ich ja bei ihm unter. Jetzt musste ich erst mal raus aus dem Regen.

Die Tür wurde geöffnet und ich stand vor dem jüngsten Spross der Familie. Emma sah mich mit ihren kleinen blauen Augen überrascht an. Sie musste gerade mit Wasserfarben gemalt und dabei vollen Körpereinsatz gezeigt haben, denn sie war über und über beschmiert mit bunten Klecksen. Dann sprang sie mich, ungeachtet meiner Nässe und ihrer Farbe, mit einem freudigen Quietschen an und hing an meinen Hüften. Ich verzog das Gesicht. Die Freude war überhaupt nicht meinerseits. Sie ließ sich wieder herabgleiten, packte meine Handgelenke und zog mich ins Haus.

„Mama! Onkel Willi ist da!“

Das kleine Mädchen, dessen blonde Haare so kurz geschnitten waren wie die eines Jungen, ließ mir kaum Zeit, meine Koffer abzustellen.

„Komm! Mama will dich bestimmt sehen.“

Das konnte ich mir kaum vorstellen. Meine Schwester wollte mich nicht oft sehen. Und wenn sie mich sehen wollte, dann niemals aus freudigem Grund. Emma zog mich geradewegs in das kleine Arbeitszimmer ihrer Mutter. Sara saß an ihrem Rechner und drehte sich erst um, als Emma an ihrem Ärmel zupfte. Sie schien Wasserfarbe und ähnliches gewohnt zu sein, denn sie bemerkte den kleinen gelben Daumenabdruck, der jetzt an ihrem Ärmel prangte, gar nicht. Ich war im Türrahmen stehen geblieben. Einerseits, weil meine Schwester es auf den Tod nicht ausstehen konnte, wenn jemand ihr Arbeitszimmer betrat, und andererseits, weil ich gleich ein Erdbeben erwartete und bei denen kriecht man entweder unter Tische oder bleibt im Türrahmen stehen.

Das Arbeitszimmer war das Heiligtum meiner Schwester. Arbeitszimmer nannte sie es auch nur, weil es der Raum war, in dem sie arbeitete. Ansonsten hatte das Zimmer keine Ähnlichkeit mit herkömmlichen Büros. Wände und Decke waren voll mit Fotos von ihren Kindern, mit Bildern, die ihre Kinder gemalt hatten, Zeitungsausschnitten, die etwas mit der Familie oder Bekannten zu tun hatten, Sprüchen, die ihr gefielen, und vielem mehr.

An einem Abend, an dem wir uns etwas besser verstanden als sonst und sie etwas redseliger war, erzählte sie mir, dass alles, was in diesem Zimmer hing, jedes kleinste Schnipselchen, eine Erinnerung an eine Erinnerung aus ihrem Leben war. Wenn sie die Eintrittskarte des „Madame Tussauds“ sah, dann erinnerte sie sich an die Schulfahrt vor vielen, vielen Jahren. Ihre erste Erfahrung mit einem Jungen, einem Engländer, und die ganzen Fotos, die sie aus dem Bus geschossen hatte und auf denen man später nur die Reflektion des Blitzlichtes auf der Scheibe erkennen konnte.

Von dieser Reise hatte sie mir eine Postkarte geschickt, ausdrücklich an ihren kleinen Bruder adressiert. Ich kann mich genau erinnern, es war eine überdimensionale Postkarte in der Form der bekannten roten Doppeldeckerbusse. Diese Karte hing drei Jahre lang in meinem Zimmer, dann musste sie einem Poster von Arnold Schwarzenegger weichen.

So hatte alles in dem Zimmer eine Bedeutung für meine Schwester.

Am nächsten Morgen verlor sie kein Wort mehr über die nächtliche Unterhaltung.

Sara schaute über ihre Schulter, sah mich, stöhnte entnervt, schob den Stuhl zurück, stand auf und stellte sich vor mich.

„Was willst du?“

Ihre Begrüßungen waren schon seit Jahren eisig, aber diesmal hörte sie sich noch ein paar Grade frostiger an. Als ob sie ahnen könnte, was nun kommen würde.

„Emma meinte, du willst mich bestimmt sehen.“

Emma war schon längst an mir vorbeigeschlüpft, um wieder malen zu gehen.

„Nein.“

Gut, einerseits war ich erleichtert, dass sie überhaupt mit mir sprach, andererseits ist es nie ein schönes Gefühl, wenn die eigene Schwester ihren Bruder nicht sehen will. Ich musste es so schnell wie möglich über die Bühne bringen.

„Wie geht’s dir?“

„Ich kann mich nicht beklagen.“

Schweigen. Sara fragte nie, wie es einem geht. Das hielt sie für überflüssige Höflichkeit.

„Ja, mir geht es eigentlich auch ganz gut, danke der Nachfrage.“

„Sag schon, wieso bist du hier?“

Im Grunde hatte sie Recht: Ich kam nur zu meiner Schwester, wenn ich Probleme hatte. Ich wollte protestieren, doch ich sah in ihren Augen, dass wir das schon viel zu oft durchgespielt hatten. Und jedes Mal hatte sie das Spiel gewonnen. Zumindest, soweit ich mich erinnerte.

„Linda hat mich verlassen.“

„Weise Entscheidung.“

„Ihr Sekretär ist bei uns eingezogen.“

Sie schnaubte verächtlich durch die Nase und schüttelte den Kopf.

Ich wartete. Vielleicht kam sie ja selbst auf die Idee, weshalb ich hier war.

„Und warum bist du hier?“

Schade.

Ich holte tief Luft und sah meine Schwester fest an.

„Ich brauche einen Platz zum Schlafen, nur für kurze Zeit, bis ich einen Job und eine Wohnung finde, höchstens ein oder zwei Wochen; versprochen!“

Schweigen. Schweigen war bei Sara nie gut.

„Will, ich kenne deine ‚ein oder zwei Wochen‘. Daraus werden schnell ein oder zwei Monate.“

Sie hatte Recht.

„Du bist unfähig, Treppen leise hoch oder runter zu gehen. Du kommst zu den unmöglichsten Zeiten nach Hause. Du verteilst deine Bestseller blätterweise im ganzen Haus. Du schließt immer die Fenster und sperrst dadurch die Katzen aus.“

„Bestseller“ spuckte sie fast schon zynisch aus. Die Aussicht auf Unterkunft konnte ich hier vergessen. Und verteidigen konnte ich mich auch nicht, sie hatte immer noch Recht.

Sie atmete tief ein, machte den Mund auf, verharrte und schloss ihn wieder. Dann ließ sie die Luft aus der Nase entgleiten.

„Im Erdgeschoss ist ein Zimmer frei, da kannst du rein.“

Ich strahlte meine Schwester an. Im Grunde ihres Herzens war sie doch ein Engel.

„Hör zu! Du bist leise, wenn du nach Hause kommst! Du benutzt mein Auto nicht! Kein Alkohol im Haus! Keine Frauen, und erst recht keine Männer! Und du bleibst nur so lange wie nötig!“

Gut, sie war ein strenger Engel, aber dennoch ein Engel. Ich bedankte mich und wollte mein neues Reich beziehen.

„Und bevor ich’s vergesse: Deine Wäsche wirst du alleine und nicht hier im Haus waschen!“

Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen

Der Debütroman von Fabian Neidhardt. In einzelnen Kapiteln und mit Autorenkommentar.

    Fabian Neidhardt

    Written by

    Language Ambassador für Medium Deutsch. Straßenpoet, Sprecher & Botschafter des Lächelns.

    Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen

    Der Debütroman von Fabian Neidhardt. In einzelnen Kapiteln und mit Autorenkommentar.