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„Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen“ — Teil 3

Es war zwar erst früher Abend, aber schon komplett verraucht in der Bar. Das deli öffnete von Donnerstag bis Sonntag den Raucherbereich. Ich war mit den Nerven fertig, die Sache mit Linda und meiner Schwester hatte mich aufgeregt, und nun musste ich anderen Menschen beim Rauchen zusehen. In solchen Momenten verdränge ich, dass ich eigentlich nicht rauche. Was für ein Klischee. Ein ziemlich hochgewachsener Kerl mit bleichem Gesicht, dunklen Augenringen und langen, zotteligen, schwarzen Haaren saß am Tresen und zündete sich an dem glühenden Rest seines Stummels eine frische Zigarette an. Ich setzte mich neben ihn.

„Hey, entschuldige, hast du ´ne Kippe für mich?“

Langsam drehte sich der Typ zu mir um und schaute mich an. Es vergingen einige Momente und ich fragte mich schon, ob er mich überhaupt verstanden hatte. Ich wollte weiter, da zog er aus den Tiefen seines Mantels eine zerknautschte Packung, die er mir anbot. Black Death Filter. Noch so ein Klischee. Dabei sah er mich die ganze Zeit an. Ich bedankte mich und bemerkte dann, dass die Packung leer war.

„Du, die Packung ist leer.“

Der junge Mann starrte mich immer noch mit seinen müden Augen an.

„Ist schon in Ordnung, danke.“

Ich wollte aufstehen, aber der Typ hob die Hand und bedeutete mir, sitzen zu bleiben. Dann legte er die leere Packung auf den Tisch und zog eine neue Schachtel hervor. Er riss die Plastikfolie auf und streckte mir dann die neue offene Packung und seine rechte Hand hin.

„Ich werde Alex genannt. Bediene dich und nimm dir, soviel dir beliebt.“

Mit überkreuzten Händen schüttelte ich seine Rechte und zog mir eine Zigarette aus der Schachtel.

„Ich heiße Will, danke für die Kippe.“

Alex drehte sich wieder zur Bar und hatte mich anscheinend schon vergessen.

Bei einer Dame, deren Zähne und Finger so gelb waren wie Katzenurin im Schnee, holte ich mir Feuer und setzte mich dann an den letzten freien Tisch in der Mitte des Raumes. Die Plätze im Freien waren komplett belegt gewesen.

Mein erstes Bier war schon fast leer, als Sam in der Tür erschien und zielstrebig auf mich zukam. Er hängte seine Jacke gerade über den Stuhl, da stand die junge Bedienung neben ihm und fragte, was er trinken wolle. Nachdem er sich sein erstes und ich mir mein zweites Bier bestellt hatte, verschwand sie hinter den Tresen. Sam sah ihr nach.

„Ziemlich junges Ding.“

„Mhm, dachte ich auch schon.“

Er sah mich an.

„Hey Goofy.“

Unsere Hände schüttelten sich.

„Donald. Wie geht’s dir?“

Sam lehnte sich in seinem Stuhl zurück und hob die Arme über den Kopf.

„Och du, ich kannnich klagen. Der Onlinestore läuft gut, kam grad ne neue Serie auffen Markt und ich hab in meiner Wohnung kistenweise Sammelkarten von Charakteren, die man hier noch nichmal kennt. Jetzt mussich ein, zwei Monate warten, bis die Kids die Läden leer gekauft ham, dann kannich Packs online stellen. Die gehen dann schneller weg wie warme Semmeln“

„Als.“

Sam war schon ein paar Jahre länger in Stuttgart und hatte sich schnell an dialektale Eigenheiten gewöhnt, ich verbessere ihn dennoch jedes Mal. Und jedes Mal bekomme ich die gleiche Reaktion.

„Als Maul.“

Sam hatte eine Marktlücke entdeckt. Er kaufte Sammelkarten in Massen direkt in Japan und verkaufte sie hier über seinen Laden im Internet weiter. Wir dachten alle, dass das mal wieder eine dieser unmöglichen Ideen werden würde, die er am laufenden Band hatte und die nie funktionierten. Wir befürchteten, dass er nach dem Hype von Pokemon auf den Karten sitzen bleiben würde. Doch nach Pokemon kam Digimon und Yu-gi-oh und mittlerweile hatte Sam seinen kleinen Laden im Internet etabliert. Er wurde langsam ein bisschen größenwahnsinnig und sah sich nach Räumen für einen echten Laden um.

„Schön, das freut mich. Und was macht die Liebe?“

„Alles wie immer, die Acht-Wochen-Regel is eben richtig ausgefeilt.“

Vor vielen Jahren saßen wir im Heu der Scheune von Daniels Vater. Wir rauchten unsere ersten Zigaretten, tranken unseren ersten Korn und tauschten die Weisheiten aus, die wir in unserem langen Leben schon gesammelt hatten. Wir waren alle zwischen 15 und 17 Jahre alt. Marie war die Jüngste. Dann kamen Sam und ich. Danach Katrin. Maries Bruder Daniel war der Älteste. Wir hatten unseren eigenen Disney-Club gegründet. Daniel war Mickey, Katrin war Minni, ich war Goofy, Sam war Donald, und Marie war Daisy. Die Scheune unser Clubhaus. Wir diskutierten über alle Themen, die wichtig für die Welt waren. Welches Mädchen aus der Schule am hübschesten war. Was für Erfahrungen wir schon mit solchen Wesen gemacht hatten, wer wohl als erstes seine Jungfräulichkeit verlieren würde und was ‚blasen‘ eigentlich genau war. Natürlich auch unsere ausgefeilte Acht-Wochen-Regel. Daniels und Maries Eltern waren geschieden. Meine ebenso. Sam hatte anscheinend nicht einmal einen Vater. Nur Katrins Eltern waren noch zusammen, aber die waren sowieso seltsam. Wir fünf kamen zu einem Ergebnis: Beziehungen, besonders lange Beziehungen, können nicht funktionieren. Also waren wir nach vielen Diskussionen zum Schluss gekommen: Mit einem Partner kann man nicht länger als acht Wochen zusammen sein. In der Zeit hat man alles erlebt, was man mit einem Partner erleben kann und die Probleme haben noch nicht angefangen. Mittlerweile sind fast zwei Jahrzehnte vergangen, Mickey und Minni haben geheiratet, von Daisy hört man seit langem nichts mehr, ich war bis vor Kurzem fünf Jahre mit derselben Frau zusammen gewesen. Nur Donald hielt noch an der Acht-Wochen-Regel fest.

„Du bist verrückt.“

„Wieso denn? Ich bin glücklich! Wie geht’s dir denn?“

„Linda hat mich rausgeworfen. Mit mir Schluss gemacht.“

„Ach Scheiße. Das tut mir leid.“

Er sah betrübt in sein Glas, dann strahlte er mich freudig an.

„Dann isses ja gerade die richtige Zeit für die Acht-Wochen-Regel!“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich habe grade andere Sorgen als eine Freundin. Ich brauche eine Wohnung und muss Geld verdienen.“

Sam sah mich fragend an.

„Wo schläfssu heute Nacht?“

„Bei Sara.“

„Was? Bei Sara? Bei deiner Schwester Sara? Wie hassu das geschafft? Ich dachte, sie hat dich aufm Kieker?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Blut ist dicker als Wasser. Aber könnte ich bei dir eine Weile bleiben?“

Sam verzog das Gesicht und kratzte sich im Nacken.

„Ich hab doch eben erst wieder ne Ladung Karten bekommen, meine Wohnung is voll. Aber sag mal, sollich dir nen Job besorgen?“

Erschrocken sah ich auf. Durch seine ganzen Versuche, Geschäfte zu machen, hatte Sam ziemlich viele Kontakte
gesammelt. Doch die meisten dieser Kontakte waren mir nicht geheuer und auch nicht gerade gesund. Ein Wunder, dass Sam noch nicht bei den Fischen gelandet war.

„Nein Sam, vergiss es. Ich will nichts mit deinen Geschäften zu tun haben.“

Gekränkt sah er mich an.

„Hey Goofy, wieso denn nich? Schau mal, das mit den Karten läuft doch auch super.“

„Ja, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn. Wie viele Ideen hast du denn schon gehabt, die gerade so nicht zur Katastrophe geworden sind? Erinnerst du dich an unser Clubhaus? Du hast irgendetwas darin zusammengemischt und dann damit die Scheune in Brand gesetzt. Keiner weiß, was du gemixt hast, aber an der Stelle wächst bis heute nichts.“

Sam versuchte, etwas einzuwenden, aber ich zog meinen rechten Ärmel hoch und zeigte ihm eine sieben Zentimeter lange Narbe am Unterarm, die er nur zu gut kannte.

„Soll ich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen und dir erzählen, woher die kommt?“

Er schüttelte den Kopf und wollte wieder reden, doch ich ließ mich nicht unterbrechen.

„Oder erinnerst du dich an das Auto von Daniel, in das du irgendeine neue Bremsmethode eingebaut hast und dann gegen die Wand gefahren bist?“

„Da war nur n Kabel lose! Sonst hätt’s funktio…“

„Das ist mir egal. Deine Ideen sind meistens gefährlich oder verboten. Es ist purer Zufall, dass das mit den Karten so gut klappt. Aber ich glaube nicht, dass du das Glück hast, für mich auch einen guten Job zu finden.“

Sam zuckte mit den Schultern.

„In Ordnung, dann eben nich.“

Ein paar Stunden und einige Bier später schlenderten wir aus der Bar Richtung Stadtrand. Nachtbusse sind in Stuttgart sehr selten, also gingen wir zu Fuß. Sam wohnte zwar in Cannstatt, begleitete mich aber bis zu Saras Haus.

In den Unebenheiten der Straße hatte sich das Wasser gesammelt. Immer, wenn ich versuchte, einen großen Schritt über eine Pfütze zu machen, tappte ich direkt in die nächste noch Größere. Als wir vor Saras Haus standen und ich Sam dazu ermahnte, leise zu sein, lachte er nur noch lauter.

„Sam, Schnauze! Du kennst meine Schwester, die bringt mich um.“

„Goofy, ich glaub, ich geh noch mal in die Bar. Die Kleine hat mir gefallen.“

„Hast du nicht gerade eine Freundin?“

Schwankend versuchte ich, gerade vor ihm zu stehen, doch das war gar nicht so leicht. Mir kam es vor, als würde ich immer neben den Boden treten, statt darauf.

„Das sin jetzt schon sieben Wochen, das reicht.“

Einerseits fing ich an zu lachen, anderseits empfand ich Mitleid mit diesem Mädchen, von dem ich nicht einmal den Namen kannte.

„Hey Donald!“

Sam war schon im Lichtkegel der nächsten Laterne, als er sich noch mal umdrehte.

„Wie heißt sie?“

„Keine Ahnung, das willich ja jetz rausfinden.“

Ich brauchte einen Augenblick bis ich verstand, dass wir von zwei verschiedenen Menschen redeten.

„Nein, nicht die in der Bar, sondern deine Noch-Freundin.“

„Aso, die. Sofie.“

Er drehte sich um, ging zwei Schritte weiter, drehte sich dann wieder um und riss die Hand in den Himmel.

„Nein, daswar die davor. Die jetzige heißt Lea. Gute Nacht, Goofy!“

Er hielt sich an dem Laternenpfosten fest, winkte mir zu und ging dann weiter.

Mit vollkommen durchnässten und dreckigen Schuhen stand ich vor der Haustür meiner Schwester und versuchte, im Dunkeln und im angetrunkenen Zustand das Loch für den Schlüssel zu finden. Vier oder fünf Mal ist das Licht des Bewegungsmelders ausgegangen, bis ich bemerkte, dass ich den falschen Schlüssel in der Hand hielt. Ich schlurfte in mein Zimmer und meine Schuhe hinterließen dreckige Abdrücke auf dem Teppich.

Weiterlesen? Auf mokita.de kannst du den gesamten Roman lesen. Als kostenlose PDF, als eBook oder als gedruckte Ausgabe. Die Autorenkommentare gibt es aber erstmal nur hier.