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„Das Leben ist ein Erdbeben und ich stehe neben dem Türrahmen“ — Teil 6

Ich kam nicht zu spät. Pünktlich stand ich vor der Ballettschule, zusammen mit anderen Männern und Frauen, die ihre Kinder abholten.

Als ich mit Penny zusammen war, hatte sie an Kinder gedacht. So ein kleiner William mit schwarzen Haaren und den dunklen Augen von ihr, das wäre schon super, dachte sie. Jemand, dem man die ganze Weisheit weitergeben kann. Nur um dann zu resignieren, weil die eigenen Kinder wie man selbst reagiert, als man jung war und keinen Ratschlag annehmen wollte. Und man merkt, dass man den alten Menschen, von denen man behauptete, man würde einmal ganz anders werden, sehr ähnelt. Also redete ich ihr die Kinder aus. Und so kam es, dass in unserer Wohnung nur Katzen in einer Wiege gespielt haben. Penny liebte Katzen. Für sie waren sie ein Ausgleich für Kinder. Bei ihr war immer Tag der offenen Tür für Katzen. Sie hatte ein eigenes Zimmer für sie, mit Katzenbäumen, vielen Stoffmäusen, Katzengras und einer alten Wiege, in der die Jungen immer lagen. In jeder Tür ihrer Wohnung war eine Katzenklappe eingebaut. Selbst im Schlafzimmer. Und so hatten wir beim Sex oft Beobachter.

Die Türen der Schule öffneten sich. Eine Traube kleiner Mädchen strömte heraus und verteilte sich wie kleine flinke Ufos, die jetzt mit Getöse am Mutterschiff andockten. Es fing an zu nieseln. Die Mutterschiffe, die mit mir warteten, wurden weniger und bald stand ich alleine im Regen. Ein Onkelschiff in einem Sturm. Und die Mannschaft stand kurz vor einer Meuterei.

Im Umkleideraum lagen noch die Sachen meiner Nichten und so schritt ich in den großen Saal. Auf der gegenüberliegenden Seite in einer Ecke waren Emma, Violet und die Frau mit dem schönen Gesicht. Emma sah auf und rannte auf mich zu.

„Onkel Willi, Lila hat sich verletzt.“

Als Emma mit dem Sprechen angefangen hatte, hatte sie Probleme mit dem Namen ihrer Schwester. Sara konnte sie noch aussprechen, Martin hatte sie schnell auf Tin abgekürzt. Doch Violet konnte sie sich nicht merken. Und nachdem sie sich eine Zeitlang abgemüht hatte, Violet auszusprechen, meinte Martin im Vorbeigehen:

Sag doch einfach Lila.“

Bis heute nennt Emma ihre Schwester so.

Emma packte meine Hand und zog mich zu Violet und ihrer Lehrerin. Mit schmerzverzerrtem Gesicht saß Violet auf dem Boden und bevor ich etwas sagen konnte, beruhigte mich die Lehrerin.

„Es ist nichts Schlimmes, nur eine kleine Zerrung, denke ich. Sie hat sich ein bisschen übernommen. Gehen Sie mit ihr zum Arzt, der verschreibt ihr eine Salbe.“

Ich nickte und sah in Violets Gesicht. Sie hatte die Augen ihrer Mutter. Aber schöne, schulterlange dunkle Locken.

Vor zwei Jahren und mit Martins Hilfe hatte sie sich erfolgreich gegen das Abschneiden der Haare gewehrt und Sara musste klein beigeben. Emma dagegen war mit ihrem Kurzhaarschnitt zufrieden.

„Alles in Ordnung?“

Violet schniefte.

„Ich will nach Hause.“

„Natürlich, kannst du laufen?“

„Weiß nicht.“

Ich betete, dass ich das Mädchen nicht tragen müsste. Emma sprang dazwischen.

„Ich helfe dir! Komm!“

Sie packte Violets Hände und half ihr auf die Beine. Dann hängte sich die Größere bei der Kleineren ein und so humpelten sie aus dem Saal.

Die Lehrerin und ich standen auf. Gemeinsam gingen wir Richtung Ausgang.

„Kinder sind schon etwas Schönes, nicht?“

„Kann sein, aber es sind nicht meine.“

„Ich weiß. Als Violet sich verletzt hatte, fragte ich, wann ihre Mutter sie denn abholen kommt. Emma hat dann von Ihnen erzählt. Auch von ihrer Schmutzaktion.“

Sie lachte. Auch ich lächelte unbeholfen. Aber ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte.

„Dennoch ist es schön, dass Sie sich um die Kleinen kümmern.“

Ich konnte es ja wohl vergessen, dass ich diese Frau etwas besser kennenlernen würde. Nach dem, was Emma alles rausposaunt hatte.

„Wie lang passen Sie auf die Kinder auf?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Wahrscheinlich zwei Wochen, bis meine Schwester eben wieder im Land ist.“

Wir standen nun vor ihrer Lehrerumkleidekabine.

„Dann sehen wir uns sicher noch mal.“

Sie zwinkerte und schloss die Tür. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es schien, als ab ob der Vogel die Nase noch einmal in den Wind bekommen hatte und doch noch nicht abstürzte. Mit einem guten Gefühl stellte ich mich wieder in den Regen, bis meine Nichten sich umgezogen hatten und herauskamen.

Als wir zu Hause ankamen, waren wir alle nass bis auf die Knochen. Emma und Violet verschwanden im Badezimmer und warfen mir zwei Handtücher heraus. Nachdem ich trocken und umgezogen war, sah ich mir noch mal die Liste an. Ich sollte schauen, ob alle Kinder ihre Hausaufgaben machten. Da die Mädels immer noch im Bad tollten, klopfte ich an Martins Zimmertür. Mit Martin kam ich hier im Haus noch am besten klar. Das mochte an seinen 16 Jahren und an seiner Größe liegen, so dass ich ihn mehr als Mensch und weniger als Kind wahrnahm. Ich könnte ja sagen, Martins Zimmer war ein typisches Jungenzimmer, und gut wäre es. Doch so leicht ist das nicht. Ich weiß nämlich nicht, wie ein normales Jungenzimmer aussieht. Und ich glaube, es ist nicht so eingerichtet wie Martins. Saras Einfluss machte sich in allen Bereichen bemerkbar. Es ist nicht so, dass Martin mit Puppen gespielt hat. Trotzdem war sein Zimmer anders. Es hingen keine Poster von Männern in seinem Zimmer, denn Sara hasste Männer. Es hingen aber auch keine Poster von Frauen in seinem Zimmer, denn Sara sagte, das sei entwürdigend. Martins Zimmer war mit Schwammtechnik in Gelb gestrichen. Die ganzen Steckdosen und Schalter hatte er in Eigenregie ausgebaut und blau angesprüht. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet. Ein Bett in einer Ecke. In der anderen eine Schrankschreibtischkombination und ein Stuhl dazu. Seine Gitarre hing an einer Halterung an der Wand. In dem gleichen Blau, in dem die Steckdosen angesprüht waren, hatte er auf alle Wände Songtexte geschrieben. In angenehmer Größe, so dass er auf seinem Stuhl in der Mitte des Zimmers sitzen und alles lesen konnte. So saß er oft da, schloss die Augen, drehte sich, öffnete sie wieder und spielte den Song, den er als erstes sah.

Ich erkannte das Intro von ‚Hotel California‘, als ich klopfte und er mich hereinbat. Still setzte ich mich auf sein Bett und wartete, bis er aufhören würde zu spielen. Doch Martin dachte gar nicht daran aufzuhören, sondern setzte zur Strophe an. Und so sang ich mit ihm. Die erste Strophe konnte ich noch aus dem Kopf, den Refrain sowieso. Bei der zweiten musste ich dann zur Wand schauen. Martin sah mich an; Er spielte und sang aus dem Kopf. Als ich in Martins Alter war, konnte ich dieses und viele andere Lieder auch auswendig. Sänger und Musiker waren bei Mädchen immer beliebt. Nach einem Solo und Outro, bei dem ich Martin mit einem einfachen Percussion-Rhythmus begleitete, lachte er mich an. Ich gab ihm einen Solo-Applaus.

„Super!“

„Danke für die Unterstützung. Wusstest du, dass das Solo im Original auf zwölfsaitigen Gitarren gespielt wird?“

Ich schüttelte den Kopf. Das war mir neu.

„Ist so. Aber kaum einer hat so eine Gitarre, deswegen klingt es dann oft nicht so wie im Original.“

Er legte die Gitarre neben mich aufs Bett und sah mich an.

„Warum bist du eigentlich gekommen?“

„Ich soll schauen, dass ihr eure Hausaufgaben macht.“

„Nein, ich meinte eigentlich, warum bist du überhaupt hier? Warum wohnst du bei uns?“

„Ach so, Linda hat mit mir Schluss gemacht. Ihr Sekretär ist bei uns eingezogen und ich musste ausziehen.“

„Hm. Und wie geht’s dir?“

„Eigentlich ganz gut.“

„Wie lange warst du mit ihr zusammen?“

„Fünf Jahre.“

Martin pfiff anerkennend durch die Zähne.

„Das ist scheißlang.“

Er hatte Recht. Fünf Jahre waren wirklich scheißlang.

„Mir geht’s ja schon schlecht, wenn ich in ein Mädchen verliebt bin und sie mir dann einen Korb gibt, bevor wir zusammen sind. Wie schlimm muss das nach fünf Jahren sein?“

Ich musste mir selbst eingestehen, dass mich die Trennung von Linda kaum berührte.

„Weißt du, Martin, am Anfang bist du verliebt. Und das ist ein richtig krasses und schönes Gefühl.“

Martin nickte.

„Aber bei Linda und mir ist dieses krasse Gefühl irgendwann verloren gegangen. Und dann setzte so etwas wie Alltagstrott ein. Und man sagt ja, Liebe zeichnet sich nicht durch ihre Intensität, sondern durch ihre Dauer aus. Die ersten drei Jahre waren echt schön. Doch irgendwann ist wirklich alles zum Alltag geworden.”

Selbst der Sex in Umkleidekabinen, dachte ich.

„Und zusammen waren wir dann plötzlich nur aus Notwendigkeit. Weißt du, ich passte ein bisschen auf das Haus auf und nebenher schrieb ich. Und sie brachte den Hauptteil des Geldes. Morgens und abends aßen wir gemeinsam, nachts schliefen wir manchmal miteinander, aber da wir uns jeden Tag sahen, wurde es zum Alltäglichen. Und dann, als das mit ihrem Sekretär herauskam und ich die Wohnung verlassen musste, waren meine größte Sorgen Geld und eine Unterkunft. Weil ihr Geld, das ich ausgab, auch alltäglich und normal geworden war, verstehst du?“

Er nickte und ich wusste trotzdem nicht, ob er es verstanden hatte. Im Nachhinein war es auch egal, denn im Grunde hatte ich mir den Vortrag eher selbst gehalten.

„Und deswegen bin ich hier.“

„Tut mir Leid.“

„Schon gut. Vielleicht ist es besser so. Jetzt sag mal, hast du deine Hausaufgaben gemacht?“

Martin verdrehte die Augen.

Ich sagte ihm Bescheid, dass ich am Abend noch aus dem Haus gehen würde, dann kümmerte ich mich um die beiden Kleinen. Ich kontrollierte die Hausaufgaben der beiden, so schnell es ging. Genauso wenig, wie ich mich für Kinder interessierte, wollte ich mich mit deren Hausaufgaben herumschlagen. Ich hatte mich nicht mal mit meinen eigenen gerne auseinandergesetzt. Danach ließ ich sie die Schlafanzüge anziehen, Zähne putzen und ins Bett schlüpfen. Emma und Violet teilten sich ein Zimmer. Im Bett sah ich mir Violets Bein noch mal an. Ihr rechter Oberschenkel war etwas blau und etwas dicker, soweit ich das als Laie feststellen konnte.

„Morgen nach der Schule gehen wir zum Arzt, in Ordnung? Gut, dann schlaft mal schön und ich schaue noch bei Onkel Sam vorbei.“

„Liest du uns noch eine Geschichte vor?“

Die zwei Seelen in meiner Brust kämpften kurz miteinander und eine gewann. Und zwar diejenige, die mich an Emmas Bett sitzen und mich ein Grimm-Märchen vorlesen ließ. Vielleicht würden die Gören bei ihrer Mum ein gutes Wort für mich einlegen. Dann könnte ich bei Problemen noch öfter vorbeischauen.

In meinen eigenen jungen Jahren wurde mir aus einem sehr ähnlichen Buch vorgelesen. Die Geschichte, die mir am meisten verhasst war, hieß ‚Der Froschkönig‘. Sie hatte mir nie gefallen, bis ich mit 12 Jahren eine Geschichte las, die ‚Der eiserne Heinrich‘ hieß. Und ich merkte, dass dies die „ungeschnittene“ Version des ‚Froschkönigs‘ war. Doch genau dieser eiserne Heinrich imponierte mir und seitdem dachte ich oft an ihn.

Ich schloss das Buch und erinnerte mich daran, wie meine Mutter mich nach der Geschichte auf die Stirn geküsst hatte. Ich beließ es bei der Erinnerung.

„Gute Nacht, ihr zwei.“

„Weckst du uns morgen früh?“

Was?

„Wann soll ich euch denn wecken?“

„Um sechs Uhr.“

Um sechs? Ich sollte um sechs aufstehen? Dann war ich ja vielleicht drei Stunden im Bett!

„Könnt ihr nicht alleine aufstehen?“

„Aufstehen schon, aber du musst uns Frühstück machen. Das steht auf der Liste, die Mama dir gemacht hat.“

Ich resignierte.

„Ja, ich wecke euch um sechs. Jetzt aber Licht aus und schlafen.“

Ich sah noch kurz bei Martin vorbei.

„Du gehst auch bald ins Bett, in Ordnung?“

Er blickte nicht einmal auf.

„Ich bin noch bei Sam, aber ich komme bald wieder. Ich wecke dich morgen um sechs.“

Er drehte sich mit seinem Stuhl um.

„Bist du dann um sechs schon wach, oder noch?“

Ich lächelte und schloss die Tür. Dann öffnete ich sie wieder.

„Tin, kann ich dein Fahrrad haben?“


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