Bananen in einem Supermarkt. Bild: Steve Hopson

Das Aussterben der Banane

Über die Co-Evolution von Mensch und Umwelt

Kai Schmidt
Dec 25, 2016 · 6 min read

Von KAI SCHMIDT

Die Banane ist ausgestorben. Eine Erkenntnis die wenig glaubhaft erscheint, wenn man bedenkt, dass in jedem Supermarkt diese Südfrucht zu erschwinglichen Preisen erhältlich ist. Doch in der Tat ist die Banane ausgestorben, zumindest die Sorte, welche bis in die 1960 Jahre hinein den Markt dominierte.

Die Gros Michel eignete sich hervorragend für den Export in Länder außerhalb der Tropen. Sie war so robust, dass man sie einfach in Bündeln in Containern verschiffen konnte und ihr Geschmack wird als cremig, vollmundig und süß beschrieben. Geschmacklich soll sie der Nachfolgesorte Cavendish, die wir heute in unseren Supermärkten finden, weit überlegen gewesen sein. Auch ist die Cavendish weit weniger robust und so musste die Lieferkette komplett neu erfunden werden, um genießbare Bananen exportieren zu können.

Bananenstauden. Bild: Luc Viatour.

Warum also das Umsteigen auf die unterlegene Sorte? Der Grund trägt den Namen Tropical Race 1 und ist eine Pilzerkrankung die in den 50er Jahren sämtliche Pflanzen der Sorte Grand Michel befiel und vernichtete. Die Cavendish ist resistent gegen diese Krankheit. Jedoch nicht gegen die sich aktuell ausbreitende Tropical Race 4. Die Banane könnte also erneut aussterben und aus unseren Supermärkten verschwinden.

Warum das so ist, dazu ein Blick auf die Theorie Ökonomen Richard Norgaard. Die Grundlage seiner Theorie ist die Idee der Koevolution, welche Norgaard aus der Biologie übernimmt. Koevolution ist ein evolutionärer Prozess, der auf wechselseitigen Entwicklungen zweier eng miteinander interagierender Spezies basiert. So entwickelt zum Beispiel eine Pflanze ein Gift gegen ein Insekt, dass die Pflanze frisst. Das Insekt entwickelt daraufhin eine Resistenz gegen dieses Gift, woraufhin die Pflanze einen neuen Verteidigungsmechanismus hervorbringt und so weiter.

Dieses Konzept erweitert Noorgard so, dass es jeden Feedback-Prozess zwischen sich endwickelnden Systemen einschließt, auch zwischen sozialen und ökologischen Systemen. Koevolution ist also ein interaktiver Prozess zwischen zwei Systemen, der sich unterscheidet je nachdem welche Typen von Systemen interagieren. Wir interessieren uns für die Interaktion zwischen einem sozialen und einem biologischen System.

Alexander Flemming Entdecker des Penicillin. Bild: Wikipedia

Dabei gibt es zwei unterschiedliche Arten. „Bio-Social Coevolution“ ist die gegenseitige Beeinflussung von evolutionären Entwicklungen im sozialen System und klassischer biologischer Evolution. Das beste Beispiel sind dafür Antibiotika. Diese wurden vom sozialen System „Medizin“ entwickelt, um Krankheitserregende Bakterien zu bekämpfen. Das biologische System reagiert indem einige Bakterien durch evolutionäre Entwicklung Resistenzen gegen Antibiotika ausbilden, woraufhin die Medizin neue Antibiotika entwickelt.

Bei der „Socio-Ecological Evolution“ hingegen läuft im biologischen System keine klassische Evolution ab, sondern die Umwelt wird von sozialen System manipuliert. Das soziale System beeinflusst in diesem Fall direkt die physikalische Umwelt und diese Veränderung der Umwelt beeinflusst wiederum die Entwicklung des sozialen Systems.

Ein Beispiel für einen solchen Vorgang ist die Veränderung von Flüssen, um sie als Wasserwege nutzen zu können. Diese Manipulation der Gewässer erhöhte das Risiko von Überschwemmungen. Auf dieses Risiko reagierte das soziale System wiederum durch den Bau von Deichen und anderen Hochwasserschutzmaßnahmen.

Die Interaktion zwischen den Systemen stellt sich Norgaard als Energieaustausch vor. Dieser findet statt wenn in einem System ein Energieüberschuss vorhanden ist, das heißt mehr Energie vorhanden ist als notwendig, um den Status Quo des Systems aufrecht zu erhalten. Ist der Austausch etwa für das soziale System vorteilhaft führt dies zu einem neuen Energieüberschuss und somit zu weiteren Interaktionen und damit zu einem koevolutionären Prozess.

Begonnen wird dieser Prozess der Koevolution durch Mindestens eine Veränderung in den Mechanismen, welche den Status Quo der beiden Systeme aufrechterhalten. Das Entscheidende dabei ist, dass Mechanismen, welche das Gleichgewicht im ökologischen/biologischen System aufrechterhalten, vom sozialen System übernommen oder ersetzt werden können.

Indem Menschen ihre Umwelt zu ihrem Nutzen manipulieren, stören sie die Mechanismen welche das Gleichgewicht im ökologischen System, der Natur, aufrechterhalten. Diese Mechanismen müssen ersetzt werden, da ansonsten der Zusammenbruch des ökologischen Systems droht. Nachdem der Mensch in Mitteleuropa sämtliche großen Raubtiere ausgerottet hat, muss heute durch Jagd durch den Menschen eine Überpopulation von Wild verhindert werden, welche den Wald nachhaltig schädigen könnte. Doch solch eine Kompensation bringt ihre eigenen Probleme mit sich und führt so nur zum nächsten Schritt der Koevolution.

Bananenverkäufer in Mumbai. Bild: Meena Kadri

Nun kommen wir zurück zu unseren Bananen. Hier haben wir es sowohl mit Bio-Social Coevolution als auch Socio-Ecological Evolution zu tun. Zunächst manipulierte der Mensch die Banane im Sinne einer Socio-Ecological Evolution. Bananen haben, wie nahezu alle Pflanzen, Samen um sich fortzupflanzen.

Diese Samen stören jedoch erheblich beim Essen der Frucht. Daher nahm man Pflanzen mit unterentwickelten, kleinen Samen, welche beim Essen nicht stören. Pflanzen mit dieser Eigenschaft wurden asexuell vermehrt, indem man Setzlinge dieser nahm und sie so vermehrte. Die Folge ist, dass alle Pflanzen dieselben Gene haben und daher dieselben wünschenswerten Eigenschaften. Der Mensch manipulierte die Pflanze zu seinem Vorteil.

Der große Nachteil ist jedoch, dass die Pflanzen sehr anfällig für Krankheiten sind. Da alle dieselben Gene haben, teilen alle genau dieselben Anfälligkeiten für Krankheiten und andere Umwelteinflüsse. Sie können auch keine neuen Resistenzen entwickeln, da keine Evolution mehr stattfindet, sondern nur Pflanzen mit exakt demselben Genmaterial vermehrt werden. Die kommerziell angebauten Bananen sind so noch sehr viel anfälliger als andere große Monokulturen, wie etwa Soja oder Weizen.

Diese Anfälligkeit der Banane ermöglichte der Krankheit Tropical Race 1, auch Panamakrankheit genannt, sich schnell auf den gesamten Bananenbestand auszubreiten und tatsächlich den gesamten Bestand zu vernichten. Die Manipulation des Menschen hatte natürliche Abwehrmechanismen völlig außer Kraft gesetzt und die Bananen hatten der Krankheit nichts entgegenzusetzen. Dies war das Ende der Gros Michel. Nirgendwo wird diese hochgelobte Bananenart mehr angebaut.

Doch der Mensch wollte weiter Bananen essen und so wurde die Gros Michel durch die Cavendish ersetzt. Das soziale System kompensierte einen Verlust, das Verschwinden einer Bananensorte, indem es eine neue Sorte auswählte und Wege und Mittel fand auch diese von den Anbaugebieten zu den Endkunden zu bringen, obwohl dies bei der Cavendish sehr viel schwerer ist als bei der Gros Michel.

Auf einer Plantage werden Bananen für den Transport vorbereitet. Bild: Centro Aceros

Nach der Einführung der neuen Sorte setzte ein Prozess der Bio-Social Coevolution ein. Die Krankheit veränderte sich, nachdem die Art, welche sie befallen hatte verschwunden war. Sie passte sich an und mittlerweile gibt es eben Tropical Race 4, welche die neue Bananenart Cavendish befällt. Noch hat sich die Krankheit nicht über die ganze Welt ausgebreitet, aber da die Cavendish einen genauso kleinen Genpool hat und damit genauso anfällig ist wie die Gros Michel besteht die reale Gefahr, dass wieder eine Bananenart ausgerottet wird.

Noch versucht man die Verbreitung der Krankheit einzudämmen, etwa durch Quarantänen und andere Seuchenschutzmaßnahmen. Wieder versucht das Soziale System einen Verlust im ökologischen System irgendwie zu kompensieren.

Das Gelingen ist ungewissen und daher forscht man bereits daran wie man die Cavendish ersetzen könnte. Dabei spielt auch die Gentechnik eine Rolle, als ein neues Mittel mit dem das soziale System versucht Verluste zu kompensieren, welche es selbst verursacht hat. Wie oft dies noch gelingt ist ungewiss. Einmal ist die Banane schon ausgestorben, es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein.

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