Graffiti in Griechenland. Foto: Edal Anton Lefterov

Mehr als ein Weg zum Erfolg?

Die Varianten des Kapitalismus

Seitdem Marx den Kapitalismus so wirkungsmächtig kritisierte, sah man den Kapitalismus als ein homogenes System an, welches im Wettbewerb mit anderen, wie dem Kommunismus, stand. Peter Hall und David Soskice formulierten als erste die Idee, dass es mehr als eine Form des Kapitalismus gibt, dem Titel ihrer Arbeit folgend „Variants of Capitalism“ (VoC).

Diese Varianten liegen alle auf einem Kontinuum zwischen zwei idealtypischen Endpunkten. Am einen Ende liegt die „Liberal Market Economy“ (LME), für welche die USA als Musterland gelten. Am anderen Ende der Skala findet sich die „Coordinated Market Economy“ (CME), mit Deutschland als Musterbeispiel. Alle Länder liegen zwischen den Idealpunkten, auch Deutschland und die USA, welche, wie gesagt als reale Musterbeispiele der Veranschaulichung dienen.

Ausgangspunkt ist die Perspektive der Unternehmen, die sich in einer Volkswirtschaft mit Beschäftigten, Lieferanten, Abnehmern etc. koordinieren müssen. Unterschieden werden die Varianten anhand der institutionellen Arrangements, in wichtigen Bereichen einer Volkswirtschaft: Der Ausbildungsbereich, der Arbeitsmarkt, der Kapitalmarkt und die Koordination zwischen Unternehmen.

Im Ausbildungsbereich setzen LMEs auf eine breite, allgemeine Ausbildung in speziellen Bildungsinstitutionen, während in CMEs bedeutende Teile der Ausbildung in Unternehmen stattfinden und die Ausbildungsinhalte dadurch sehr viel spezieller sind. Der Arbeitsmarkt in LMEs ist auf „hire and fire“ ausgelegt, es gibt kaum Kündigungsschutz, keine Gewerkschaften, und es besteht daher ein individueller und fluider Arbeitsmarkt. In CMEs ist der Arbeitsmarkt auf längerfristige Beschäftigungsverhältnisse ausgelegt und diese werden durch Gewerkschaften sowie Kündigungsschutzgesetze garantiert.

In LMEs finanzieren sich Unternehmen vor allem kurzfristig und über Aktien, während sich in CMEs Unternehmen über langfristige Kredite Kapital beschaffen. In CMEs koordinieren sich Unternehmen untereinander und tauschen etwa in gemeinsamen „Joint-Ventures“ Technologien aus. In LMEs hingegen findet solcher Wissenstransfer nur über Personalwechsel oder Aufkäufe von Unternehmen statt, während sonstige Kooperation unterbleibt.

Diese institutionellen Arrangements verstärken sich selbst: Eine breite Ausbildung ermöglicht einen fluiden Arbeitsmarkt, da die allgemeinen Fähigkeiten den Arbeitern ermöglichen, in anderen Firmen tätig zu werden. In CMEs hingegen ermöglichen langfristige sichere Arbeitsverhältnisse es, dass Arbeiter sich spezifisch bilden und sich Fähigkeiten aneignen, die nur in einem Unternehmen benötigt werden. Langfristige Kredite ermöglichen es wiederum, Unternehmen diesen Kündigungsschutz zu gewähren. Daraus folgt, dass Staaten sich mit der Zeit immer mehr in Richtung der Extrempunkte entwickeln, je nachdem welcher ihnen am nächsten ist.

Die zentrale These ist, dass beide Systeme ihre spezifischen Vorteile haben und langfristig erfolgreich nebeneinander existieren können. Können LMEs extreme Innovationen hervorbringen und preisgünstig produzieren, so können CMEs mit inkrementellen Innovationen und komplexen sowie qualitativ hochwertigen Produkten im Wettbewerb bestehen. Die Varianten des Kapitalismus erlauben eine differenzierte Betrachtung von Institutionen, die in vielen anderen ökonomischen Theorien als rein effizienzmindernd angesehen werden.

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