Wahlplakat der FDP zur Bundestagswahl 1949. Die Forderung war breiter Konsens in den ersten Jahren der BRD. Quelle: Wikipedia

Schlussstrich

und

Aufarbeitung

Warum die Geschichte des Nationalsozialismus nicht 1945 endet

In unserer Erinnerungskultur ist das Jahr 1945 ein tiefer Schnitt. Das Terrorregime der Nazis wurde beendet und unter den Vorzeichen des Kalten Krieges — mit der DDR mag man sich in Westdeutschland nicht recht identifizieren, das waren die anderen — begann die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik mit Grundgesetz, Wirtschaftswunder und Westbindung. Viel Zeit wird zu Recht in den Schulen darauf verwendet, die NS-Zeit umfassend zu behandeln und auch in der gesamten Erinnerungskultur sind die Jahre von 1933–45 zentral. Aber nach 1945 klafft eine Lücke.

Die Adenauer-Jahre, die frühe Bundesrepublik, erscheint wie eine Zeit unter Zuckerguss. Eine Erfolgsgeschichte, die erst jetzt langsam hinterfragt wird. Es war ein äußerst schmerzhafter Prozess für dieses Land, die Nazizeit aufzuarbeiten und die eigene Schuld somit so offen einzugestehen. Dieser Prozess brauchte unglaublich viel Energie, sowohl von Individuen als auch von der Gesellschaft als Ganzes. Es geschah nicht über Nacht, auch wenn wir es mittlerweile als gegeben hinnehmen und nicht die Frage stellen, wie es denn überhaupt dazu kam.

Dieser Frage widmet sich die historische Wissenschaft nun seit einigen, recht wenigen Jahren. Auch wenn die Erforschung der Naziverbrechen noch lange nicht beendet ist, so wird diese mittlerweile auf die Zeit nach 1945 ausgeweitet. Denn die Nazis waren ja nicht einfach weg. Im Gegenteil. Wie die Forschung zeigt, gab es nicht nur innerhalb der Eliten eine bemerkenswerte Kontinuität.

Die Nazis hatten sich gut in der BRD eingerichtet und waren gute, produktive und angesehene Bürger. Dies war möglich, da ein breiter gesellschaftlicher Konsens bestand, unter die NS-Zeit einen Schlussstrich zu ziehen. Selbst Opfer des Regimes, wie Kurt Schumacher, sprachen sich für diesen Schlussstrich aus.

NS-Juristen wurden wieder in den Staatsdienst geholt. Ehemalige SS-Männer wurden wieder Lehrer, Bäcker oder Polizisten. Die westlichen Alliierten, besonders die USA, waren an einem funktionierenden Staat interessiert und unterstützen dies daher. Die wenigen Nazis, die fliehen mussten, konnten sich auf alte Kontakte und Netzwerke verlassen, von denen sie gedeckt wurden.

Die Gesellschaft schloss einen Pakt, nicht zu fragen und nicht zu erzählen. Dieser Pakt lag wie ein Schatten über den grellen Farben und dem Erfolg der jungen BRD. Und er war die Mauer zwischen denen, die alt genug waren, um beteiligt gewesen zu sein, und denen, die zu jung waren, um von den Verbrechen zu wissen. Erzählt wurde ihnen nichts.

Doch irgendwann begannen die Jungen zu fragen und wenige engagierte Individuen, wie Fritz Bauer (den darf man auch gerne mal googlen!), erwarben sich große Verdienste, indem sie gegen diesen Schweigepakt ankämpften und ihn an entscheidender Stelle durchbrachen. Sie setzten Ansatzpunkte für eine neue kritische Generation, die sie sich selbst und der gesamten Gesellschaft die Frage stellte: Was habt ihr getan?

Die Bewegung, die Proteste, die Ausschreitungen und die Rebellion von 1968 waren in Deutschland maßgeblich mit dem Kampf gegen das Schweigen verbunden. Die Studenten merkten meist in ihren eigenen Familien, dass niemand bereit war zu sagen, was war. Die Frage, ob der eigene Vater ein Nazi (gewesen) war, fraß sich in das Bewusstsein dieser jungen Menschen und nicht wenige kamen zu der Einsicht, dass die alten Nazis noch da waren.

Die fürchteten mit gutem Grund, dass die Verbrecher, welche das Regime gestützt und gesteuert hatten, auch den neuen Staat stützten und steuerten. „Trau keinem über 30!“ bekommt eine völlig neue Aussagekraft, wenn die Möglichkeit ganz real besteht, dass jede Person über 30 in die schlimmsten Verbrechen verstrickt war, welche dieser beileibe nicht unschuldige Kontinent bis dahin gesehen hat. Dass daraus in der Extremform eine regelrechte Faschistenparanoia die Folge war, erscheint nicht so verwunderlich, wenn selbst der eigene Vater nicht bereit ist zu sagen, was er getan hat.

Der Punkt ist nicht nur, dass man die 1968er-Bewegung unter diesen Vorzeichen ganz anders sehen muss, sondern, dass die gesamte Geschichte der jungen BRD anders betrachtet werden muss. Ihr Umgang mit dem NS-Verbrechen und die langsame Aufarbeitung dieser ist zentral, um unsere heutige Erinnerungskultur verstehen zu können.

Diese Erkenntnis setzt sich nicht nur bei Historikern immer mehr durch, sondern diese Thematik wird durch Filme wie „Im Labyrinth des Schweigens“ — der im Übrigen nicht nur das Thema auf den Punkt vermittelt, sondern im allgemeinen ein verdammt guter Film ist — auch in der Gesellschaft immer mehr rezipiert.

Der kurze Schluss daraus muss sein:
Die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland endet nicht 1945. Es wird Zeit, dies zu erkennen und den Schülern von heute beizubringen.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.