Spiel in der 2. Englischen Liga. Foto: Markbarnes

Warum Fußball spannend ist

Über das Phänomen Emergence

Jedes Fußballspiel beginnt gleich: 22 Spieler, ein Ball, zwei Tore und ein Spielfeld. Genauso wie viele andere Sportarten und jedes andere Brett- und Computerspiel beginnt ein Fußballspiel immer mit derselben Ausgangssituation und mit denselben Regeln. Warum man sich dennoch die Spiele ansieht? Die Antwort erscheint trivial: Weil kein Spiel so verläuft wie die Spiele zuvor. Weil dieselbe Ausgangsposition zu unendlich vielen Ergebnissen führen kann und es unmöglich ist vorherzusagen, wie ein Spiel verlaufen wird. Dies wird noch klarer, wenn man vom Ende her denkt: Ein Ergebnis bei einem Fußballspiel sagt praktisch nichts über den Spielverlauf aus. Wer nur das Ergebnis kennt, hat nur eine sehr ungefähre Ahnung davon, wie das Spiel verlaufen sein könnte.

Doch nicht nur im Sport und in Spielen gibt es solche Systeme. Komplexe Systeme begegnen uns in der Wirtschaft, in der Politik, in der Biologie, der Informatik und zahlreichen anderen Bereichen. Warum in solchen Systemen die gleiche Ausgangslage, oder allgemeiner gesprochen, der gleiche Input, zu so unterschiedlichen Ergebnissen, oder Output, führt, dies versucht man mit dem Konzept der „Emergence“ zu erklären.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, so könnte man das Konzept der Emergence auch zusammenfassen. Dies bedeutet, dass Emergence immer in Systemen zu beobachten ist, die aus einzelnen Teilen oder Akteuren bestehen, welche miteinander interagieren.

Ein solches System hat zudem immer mehrere Ebenen. Im einfachsten Fall sind es zwei Ebenen. Auf der unteren, der Mikroebene, interagieren einzelne Teilchen miteinander, wobei sie von bestimmten Interessen geleitet werden, also mit ihren Aktionen bestimmte Ziele erreichen wollen, und dabei von gewissen Regeln eingeschränkt werden. Aus diesen zahlreichen Interaktionen entsteht auf der Ebene darüber, der Makroebene, ein Muster, man könnte auch sagen eine Struktur oder ein Phänomen.

Beim Fußball ist die Makroebene das Spiel, die Mikroebene sind die Aktionen der einzelnen Fußballer. Ein anderes Beispiel könnte wie folgt aussehen:
Stellen wir uns eine mit Tieren bevölkerten Stadt vor. Die Tiere sind die einzelnen Akteure, die auf der Mikroebene miteinander interagieren. Zur Hälfte wird die Stadt von Katzen und zur anderen Hälfte von Hunden bewohnt. Die einzelnen Tiere wünschen sich, dass mindestens 30% ihrer Nachbarn, die in den Häusern direkt neben ihnen leben, von derselben Tierart sind, wie sie selbst.

Die Tiere haben nichts gegen andere und bevorzugen sogar eine gemischte Nachbarschaft, aber zufrieden sind sie nur, wenn eben 30% ihrer Nachbarn von ihrer eigenen Art sind. Das kann man nachvollziehen und man nimmt an, dass die einzelnen Stadtviertel gemischt von Katzen und Hunden bewohnt werden. Diese Siedlungsstrucktur ist unsere Makroebene. Wir erwarten nicht, dass die Hunde unter sich bleiben und auch nicht, dass die Katzen sich abkapseln. Theoretisch kann jeder in dieser Stadt glücklich leben. Eine Verteilung, in der die Minimalanforderungen von allen erfüllt sind, ist möglich und eine sehr gemischte Nachbarschaft wird als Ergebnis erwartet.

Wir nehmen an, dass die Tiere zufällig über die Stadt verteilt sind und wie es der Zufall will, einige einzelne Tiere sind unzufrieden, da weniger als 30% ihrer Nachbarn von derselben Tierart sind wie sie. Die logische Aktion der rational handelnden Tiere ist umzuziehen. Und zwar, weil sie eben rational handeln, ziehen sie in das nächstgelegene leere Haus, bei dem die Bedingung erfüllt ist, dass 30% der Nachbarn derselben Tierart angehört.

Das Problem ist, dass der Umzug des einen Tieres sowohl die Gegend beeinflusst, aus der es wegzieht, als auch die Gegend, in welche die Form zieht. Zieht ein Kätzchen weg, kann dadurch die Nachbarschaft eines anderen Kätzchens auf weniger als 30% Kätzchen fallen und dieses Kätzchen wird unzufrieden und zieht ebenfalls um. Umgekehrt kann das umgezogene Kätzchen in seiner neuen Umgebung die Nachbarschaft eines Hündchens so beeinflussen, dass dieses sich nicht mehr wohl fühlt, weil weniger als 30% Hündchen in seiner Nachbarschaft leben, und daraufhin auch umzieht. Es ist klar, dass ein einzelner Umzug eine ganze Kettenreaktion auslösen kann, an deren Ende die Stadt unerwartet stark segregiert ist, obwohl sich dies die einzelnen Akteure überhaupt nicht wünschen.

Dies macht klar, dass man nicht einfach die Akteure und ihre Präferenzen betrachten und daraus ein Ergebnis ableiten kann. Die Summe der Akteure führt durch ihre Interaktionen untereinander zu einem Ergebnis, das so keiner der Akteure angestrebt hat und daher auch vom Forscher, der nur die Akteure betrachtet, nicht erwartet wird. Diese Unerwartbarkeit ist eines der zentralen Bestandteile des Konzepts Emergence.

Weit besser verständlich findet sich dieses Phänomen hier aufbereitet.

Ein weiterer Faktor, der die Vorhersage von Ergebnissen erschwert, ist die Tatsache, dass die einzelnen Akteure sich anpassen, lernen und Gelegenheiten ausnutzen können. Fußballspieler gewinnen an Erfahrung, ebenso Schachspieler etc. Sie passen sich ihrem Gegner an, nutzen Schwächen aus, entwickeln sich weiter und verändern so das gesamte System, obwohl die Regeln des Systems, etwa die Spielregeln beim Schach, unverändert bleiben.

Emergence bedeutet also, dass der Prozess, in dem Akteure ihre individuellen Präferenzen verfolgen und der von nur wenigen Regeln bestimmt wird, bei gleicher Ausgangslage und gleichen einfachen Regeln zu vielen verschiedenen und nicht ohne weiteres vorhersehbaren Ergebnissen führt.

Einfach könnte man sagen, Emergence ist, wenn 1 + 1 = 3 ergibt. Das Ergebnis würde so keiner vorhersagen, es widerspricht unserem intuitiven Wissen. Wir müssen untersuchen, welcher Prozess sich hinter dem = versteckt, um das Ergebnis zu verstehen.

Ein anderes Beispiel für Emergence ist ein Gefecht. Stellen wir uns eine römische Einheit vor, die von Germanen angegriffen wird. Die Germanen sind 100 Mann und ausgezeichnete Krieger, die in ihrer individuellen Kampfkraft den Römern in nichts nachstehen. Aber jeder von ihnen kämpft für sich, ohne Absprache, Taktik oder intensive Gefechtsübungen. Die Römer sind nur 50 Mann und, wie gesagt, als einzelne den Germanen ebenbürtig.

Zahlenmäßig unterlegen sollten ihre Chancen schlecht stehen. Aber die Römer kämpfen nicht als einzelne Männer, sondern sie kämpfen als eine Einheit. Ein Offizier koordiniert ihr Vorgehen, sie lösen sich im Kampf ab und schonen so ihre Kräfte. Sie sind geübt darin, sich gegenseitig zu unterstützen und entfalten so eine Kampfkraft, die es ihnen ermöglicht, die Germanen zu schlagen. Die Einheit der Römer ist stärker als die Summe der einzelnen germanischen Krieger.

Wem dies nun alles etwas schwammig vorkommt, der liegt damit richtig. Emergence ist kein hartes Phänomen, das man anhand von klaren Messwerten und Eigenschaften identifizieren kann. Es ist aber ein reales Phänomen, welches in unserer Umwelt wirkt. Wir leben in einem Universum, das unsicher, unscharf, emergent ist. Auch die harten Naturwissenschaften müssen sich mit solchen Phänomenen beschäftigen, wie wir aus den Erkenntnissen der Quantenphysik wissen.

Auch wenn es schwer ist Emergence zu fassen, so müssen wir dieses Phänomen beachten, um nicht von negativen Folgen eines solchen Prozesses überrascht zu werden.