Auge, Seele, Schwelle

Johannes Nilo

Auf einem Bild von Hannes Weigert ist ein Kind zu sehen, das die geschlossenen Augen eines Mannes berührt. Der Mann, ruhig, aber innerlich wach. Das Kind, äußerlich wach — die Gestalt leicht angespannt wie bei Menschen, die sich entschieden haben, etwas Bestimmtes zu tun — die linke Hand auf das geschlossene Auge gelegt, die rechte Hand sich vorsichtig dem Auge nähernd.

Einen ähnlichen und doch ganz anderen Vorgang zeigt der britische Künstler Steve McQueen in einer Videoarbeit mit dem Titel Charlotte. Hier bewegt sich ein Finger immer wieder auf ein geöffnetes Auge zu. «The eye is the only part of the body that is all about the inside as such. Like an open wound.», kommentiert McQueen.*

Beide Arbeiten thematisieren, wie eng verbunden und ineinandergreifend Sehen und Berühren sind. Bei McQueen ist das Auge eine der Welt ausgelieferte Wunde, die ein Inneres — die Seele? — offenlegt, vor dem es aber selbst blind zu sein scheint. Es geht hier nicht um den Blick, um das Sehen, sondern um die Verletzbarkeit des Auges. Der gleich zärtliche wie gewalttätige Finger ist sowohl wach und sehend wie fragend und suchend. Letztendlich bleibt die Situation ambivalent.

Auf Weigerts Bild fällt im Unterschied zu McQueen auf, dass die Augen der Person geschlossen sind. Dafür kann man eine innere Regsamkeit spüren. Noch ist sie unvermögend zu sehen. Das Sehen kündigt sich aber an. Kurz vor dem Sehen — ein Motiv, das immer wieder in den Bildern von Hannes Weigert vorkommt. Vielleicht sogar ein Hauptmotiv, eine tiefe Sehnsucht nach einer Erweiterung des Bewusstseins.

Den äußeren Anstoß verdankt er den sogenannten «Schulungsskizzen» von Rudolf Steiner, die er für sich im Herbst 1985 zum ersten Mal bei einem Besuch in Dornach, Schweiz, entdeckte. Steiner hatte diese Skizzen als Anregung für Maler in den 1920er Jahren gemacht. Weigert wurde unmittelbar von den Skizzen gefesselt. In ihnen sah er einen Schlüssel für die Erweiterung des Sehens mit malerischen Mitteln.

Die bis dahin maßgebende Inspiration, die expressive und figurative Malerei der 1980er Jahre hat er schnell hinter sich gelassen. Statt nach Berlin zu gehen, um bei Georg Baselitz zu studieren, entschied er sich für die Malschule am Goetheanum in Dornach, an der Gerard Wagener unterrichtete. 10 Jahre hat er dort studiert und anschließend unterrichtet. Weitere 10 Jahre hat er gebraucht, um bei sich anzukommen. Ging es Wagner strenggenommen um einen bestimmten methodischen Ansatz, nämlich um das Malen aus der Farbe, treibt Weigert der Traum vom Farbraum, der durch das Sehen betreten werden kann.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, das wir vor vielen Jahren vor einem seiner Bilder führten. «Ah, jetzt verstehe ich wie Du kuckst», bemerkte er, nachdem ich beschrieben hatte, was ich sah. Blitzartig wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir auf die Bilder schauten. Während ich die Bilder nach formallen Kriterien, wie Komposition, Linienführung, Kontraste usw., beschrieb, waren die Bilder für ihn Anlass, einen Bewusstseinsraum zu öffnen. Die gemalte Fläche als einen Bewusstseinsraum zu verstehen, scheint mir der Angelpunkt seiner Malerei zu sein. Eine permanente Herausforderung, die Sehschwelle zu durchstoßen, nach innen sowohl wie nach außen.

* in: Steve McQueen. Caresses, MIMOCA (Marugame Genichiro-Inokuma Museum of Contemporary Art, Marugame), 2006

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.