Oberflächlichkeit

Robin Schmidt

Wenn Oberflächlichkeit eine Haltung ist, die das Wesentliche in dem sieht, was an der Oberfläche erscheint, dann kann im digitalen Leben die Oberflächlichkeit aufhören, eine Untugend zu sein. Das Digitale ist das mit den Fingern vermittelte: digitus=Finger, im Sinne der zählenden Finger. Jetzt, da das Leben selbst digital wird, zählen die Finger nicht mehr, sondern sie versammeln an ihrer Spitze die Entscheidung über die Art unserer Kultur.

Heidegger konnte noch sagen: «Die Hand handelt.», damit den Ort des Modernen spezifizierend. Da war es vor allem die schreibende Hand, die das Denken des Subjekts hervorbringt, entscheidet und veröffentlicht. Das digitale Leben versammelt wortwörtlich die Kulturproduktion an den Fingern. Es ist ein tastender Finger, der per Klick entscheidet. Es ist der Finger am Smartphone-Display die Bilder der Welt und der Anderen anfassend, vergrössernd, wegwischend: die Beziehungen zur Welt damit hervorbringend. Die Fingerspitze ersehnt dabei überall Veröffentlichung. Überall ersehnt sie Wahrnehmung, Erfahrung von dem Anderen, von Welt.
Am Display kann ihr Tasten jedoch nicht zur Berührung werden, in der das Tasten mir etwas über das Andere erzählen könnte. Sie kann auch kein Streicheln werden, wo die Berührung mich dem Anderen innerlich mitteilen könnte. So bleibt die Sehnsucht nach Berühren und Streicheln ungestillt und steigert sich zur Begierde, und Tasten wird zum fingern, und das Auge möchte zugreifen: Blick und Finger werden pornografisch.

Wenn das Auge aber nicht das Gesehene tasten möchte, sondern wenn es sich beruhigt und beginnt, das an der Oberfläche selbst Erscheinende zu sehen, wenn das Auge erlaubt, daß das Gesehene im Auge tasten darf, das Gesehene empfängt, ohne daß dieses über die Oberfläche hinausstrebt, dann wird das Gesehene eine Erscheinung der Oberfläche, die sich als das zeigt, was sie ist. Das ist das Antlitz, das heißt: das mir zugewendete Gesicht des anderen Wesens. Da wird das Oberflächliche nicht mehr gezählt, sondern die Oberfläche beginnt zu erzählen. Wesenhaftigkeit ist eine Oberflächenerscheinung. Oberflächlichkeit bedeutet dann nicht, sondern ist. Sie findet das Wesentliche in dem was an der Oberfläche erscheint.

Steve McQueen, CHARLOTTE, 16MM FILM, CONTINUOUS PROJECTION 2004