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Erfahrungsbericht UXCon Vienna

Von: Greta Barth, Andreas Gradl, Matthias Häfner, Laura Hofmann und Dorothee Jung

Neben vielen bekannten und langjährigen Konferenzen und Veranstaltungen, wie bspw. der UX-DAY, der tekom, der Mensch und Computer oder dem World Usability Congress fand die UXCon Vienna (User Experience Vienna | uxcon vienna) dieses Jahr das erste Mal statt.

Die Konferenz brachte Experten und Interessierte aus dem Bereich UX Research, UX Design, Product Design, Content Strategy, Date Science und Interpretation für zwei Tage im schönen Wien zusammen. ​

Wir hatten die Möglichkeit, live dabei zu sein und haben euch unsere Top Insights zusammengefasst.

„Learn how to gracefully say no, but…”

Auch wenn eine hohe Nachfrage nach Nutzerstudien jede:n UX Research:in freut, kommt man oftmals an die eigenen Kapazitätsgrenzen.
Nikki Anderson von Zalando erzählte, wie sie bei zu vielen Anfragen diese mit einem

„no, but…“

zwar ablehnt, aber gleichzeitig Alternativen bereit hält, die zumindest in einem kleinen Maß und mit wenig Aufwand Nutzerzentriertheit in die Projektteams bringt. Sollte keine Zeit für einen moderierten Test sein, schlägt sie unmoderierte Tests über das Wochenende vor, heuristische Evaluationen statt komplette Usability Tests oder Kundeneinbezüge, die zusätzlich zur Forschungsfrage des einen Team, auch die des anderen Teams mitbeleuchtet.​

„Perceived efficiency vs. actual efficiency”

Giles Colborne von cxpartners verdeutlichte mit einem Beispiel, wie sehr die individuelle Wahrnehmung unsere Bewertung eines Produktes oder Services beeinflusst.
Reisende beschwerten sich, dass sie nach der Ankunft viel zu lange auf ihre Koffer warten müssten. Nach einer rigorosen Prozessoptimierung schaffte es das Flughafenpersonal die Koffer beachtlich schneller auf das Gepäckband und zu den Reisenden zu bringen. Statt sich aber über diese Prozessoptimierung zu freuen, beschwerten sich die Reisenden weiterhin über die zu langen Wartezeiten. Doch der Gepäcktransport konnte nicht weiter beschleunigt oder optimiert werden. Stattdessen kam dem Projektleiter eine Idee: Er verlängerte den Weg, den die Reisenden nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug zurücklegen mussten, um bis zum Gepäckband zu gelangen. Dadurch kamen Reisende und das Gepäck gleichzeitig am Gepäckband an und die Reisenden lobten den schnellen und reibungslosen Prozess.

Manchmal muss man hinter die eigentlichen Beschwerden sehen, um kreative Lösungen finden zu können.

Von „Me vs. Stakeholders” zu „Team vs. Idea”

In ihrem Vortrag zum Thema „Difficult conversations“ hat Maggie Jandova von Swat.io aus ihrem Arbeitsalltag als UX Designerin berichtet und uns Tipps an die Hand gegeben, wie wir durch kleine Änderungen in unserem Denken und Verhalten Konflikte mit Stakeholdern umgehen können und so zu besseren Lösungen für unsere Kund:innen kommen.

Gerade für uns als zentrale Einheiten ist es oft schwer, die Bedürfnisse und Gedanken der Kolleg:innen aus den Fachabteilungen vollständig zu verstehen und nachzuvollziehen — schließlich sollte doch der Kunde im Zentrum stehen, egal wie voll das Backlog ist.

Ihre Botschaft

„don’t speak louder — speak smarter“

bedeutet, dass wir lieber Fragen stellen sollen, statt unsere Standpunkte zu verteidigen.

z.B. Stakeholder: „I don’t like XY, we have to change it.”
You: “What do you think is not working?”

Stakeholder: “We need to add XY to every page.”
à You: “What is it that we’re trying to solve?”

Mit dieser Technik kann es gelingen, von der Konfliktsituation „me vs. them“ zu einem konstruktiven Ergebnis „team vs. idea“ zu gelangen und gemeinsam in die gleiche Richtung zu wirken.

Questions to challenge the Status Quo

Oliver Hödl von der Uni Wien stellte in seinem zweistündigen Workshop „Increasing a product’s user experience with method and design cards“ Methodenkarten vor, welche zu verschiedenen Zeitpunkten in der Produktentwicklung als Unterstützung verwendet werden können, um den Status Quo kartenbasiert zu hinterfragen und sich Fragestellungen aus neuen Blickwinkeln zu nähern.

Das Kit gibt es kostenlos zum Herunterladen und Stöbern: Machiavellian Lens — Design with Intent

Die 101 Karten sind dabei in acht Kategorien (Lenses) mit jeweils ca. zwölf Karten unterteilt . Auf jeder Karte befindet sich eine Frage und ein bebildertes Beispiel dazu. Diese Fragen regen zum Hinterfragen an und bringen Nutzende, ähnlich der „6 Hats-Methode“ dazu, die Fragestellung aus einem bestimmten Blickwinkel (Lens) heraus zu betrachten. Die Beispiele sind dabei meist aus dem physikalischen Produkt Design, lassen sich aber auch leicht auf digitale Produkte übertragen.

In Teamarbeit lernten wir diese anhand von Beispielen kennen. Meine Gruppe bekam dabei das Kartenset „Design with Intent: 101 patterns for influencing behaviour through design“ von Dan Lockton.
Wir empfanden dieses Kartenset als guten Weg, sich Themen bewusst aus einem neuen Blickwinkel zu nähern und neue Fragen zu stellen, die ansonsten nie aufgekommen wären.

z.B.: Transparency — „Kannst du (vielleicht auch teilweise) aufzeigen was unter der Oberfläche passiert, umso die Wahrnehmung und Benutzung der Nutzenden zu beeinflussen?“

Beispiel — Dysons transparenter Auffangbehälter bei Staubsaugern demonstriert die Effektivität des Staubsaugers (Ich sehe was er alles gesammelt hat) und erhöht auch die Chance das der Behälter öfter getauscht wird („ah, der ist ja schon voll!“).

Die Fragen des Sets sind dabei so offen, dass sie bei verschiedenen Menschen und deren (fachlichen) Hintergründen verschiedene Gedanken anstoßen und Ideen hervorbringen. Auch könnte es eine Möglichkeit sein, eigene Fragen zu erarbeiten und so methodengestützt in den Entwicklungsprozess einfließen zu lassen.

„Da wollen wir als Unternehmen auch mal hin…“

Bernhard Ferro und Filip Mesić von RBI — Raiffeisen Bank International luden zu einem Design Thinking Workshop zum Thema „Creating UX awareness in multinational enterprises”. Ziel war es, bestehende Herausforderungen bzgl. der Akzeptanz von UX in Unternehmen zu sammeln und Lösungen zu erarbeiten.

Interessant an dem Workshop war zu sehen, mit welchen bekannten, zum Teil von uns schon überwundenen Herausforderungen andere Unternehmen kämpfen. Dass hat mir gezeigt, dass wir bei der DATEV eG zum Teil zwar schon weiter sind als andere Unternehmen, aber eben noch nicht am Ziel angekommen sind. Wir haben schon vieles geschafft, wovon andere Unternehmen noch träumen (feste Stellen für UX-Designer:innen, UX-Researcher:innen,…). Mit der Abteilung Customer Centric Design haben wir sogar einen eigenen Bereich für genau dieses Thema, der stetig wächst. Im Arbeitsalltag verliert man leicht den Blick dafür, wie viel sich bei uns schon getan hat.
Und trotz allem: auch wenn wir dann deren Stand erreicht haben, wird es wieder neue Ziele und Herausforderungen zu meistern geben.

Ein Hauptlearning des Workshops war, dass das Thema User Experience nie einen festen Zielzustand erlangen, sondern immer wieder neue Qualitätsstufen (Reifegrade) erreichen wird. Diese geben Grund Stolz zu sein, dürfen aber nie suggerieren, dass wir fertig sind

– denn das Thema User Experience ist kein Thema, welches man bearbeitet, abschließt und abhakt, sondern immer wieder neu denken, umsetzen und leben muss.

Letztendlich sind Kund:innen und Nutzer:innen diejenigen, die einem Unternehmen einen Sinn geben — und diese wollen täglich aufs Neue von uns überzeugt werden.

Zu guter Letzt: Der Austausch vor Ort ist unglaublich wertvoll

Nach eineinhalb Jahren Corona-Lockdown-Homeoffice hat die Konferenz gezeigt, wie bereichernd und inspirierend der Austausch mit Kolleg:innen aus anderen Unternehmen/Branchen vor Ort sein kann. Und obwohl mittlerweile Online-Veranstaltungen sehr gut funktionieren und viel Flexibilität ermöglichen, ersetzt das natürlich nicht die persönlichen Begegnungen und die Atmosphäre in Wien.

Unser Fazit:

Die Konferenz legte einen starken Fokus auf User Research und UX Design. Doch nichtsdestotrotz können auch andere Disziplinen vom Besuch profitieren, um über den grünen DATEV-Tellerrand hinauszuschauen zu UX-Abteilungen anderer Unternehmen und wie diese ihre Herausforderungen meistern.

Und wer neugierig geworden ist: Die UXCon Vienna findet am 15.+16.9.2022 statt 😊

Photo by Jacek Dylag on Unsplash

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