Colin Kaepernick Twitter

Nike und Kaepernick: Echte Haltung muss teuer sein.

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Es sind Umbruchzeiten. Zeiten, in denen man sich entscheiden darf, auf welcher Seite man stehen will. Auf der Seite einer global denkenden inklusiven Gesellschaft, die für Minderheitenrechte streitet. Oder auf der Seite meist alter Männer mit tradierten Ansprüchen in Nationalstaaten, die höhere Mauern für die richtige Lösung halten.

Dass gerade Marken und Werbetreibende diese Entscheidung in ihrem Sinne und im Sinne der Gesellschaft, in der sie wachsen müssen, treffen sollten, schrieb ich im November 2016 in der W&V. “Unternehmen und Agenturen (sollten) die These vom “Wir können unpolitisch sein”, hinter sich lassen. Es geht darum, sich klar für eine und damit auch klar gegen eine andere politische Zukunft zu entscheiden.” Mir war zu dem Zeitpunkt nicht klar, dass der Text fast schon programmatisch für mich würde. Einen Monat später verließ ich meinen Job in Folge der Aktion #KeinGeldFürRechts. Haltung zeigen kann etwas kosten.

Dass Haltung zeigen etwas kosten kann, haben auch andere herausgefunden — wenn auch auf einem ganz anderen Level. Colin Kaepernick zum Beispiel. Der ehemalige Quarterback der San Francisco 49ers entfachte 2016 die Mutter aller Shitstorms in den USA, als er in Protest gegen Polizeigewalt gegen Schwarze sich vor der Nationalhymne vor einem Spiel hinkniete. Dieser Geste folgten viele Spieler und machten sich so zum Ziel der rechtskonservativen und offen faschistisch auftretenden neuen Gegenöffentlichkeit in den USA. Präsident Trump selbst machte das “kneeling” zum Inhalt vieler Tweets und übte massiven Druck auf die NFL aus. Wer wann warum kniete, wurde zum Kulturkampf.

Kaepernicks zunehmende Rolle als Hassfetisch der Rechten dominierte Spiele und Sport. 2017 stieg er bei den 49ers aus und ist seitdem ein “Free Agent”.

Dass Colon Kaepernick gestern Abend twitterte, dass er das Gesicht der neuen Nike 30-Jahres Kampagne ist, ist aus vielen Gründen bemerkenswert.

Mit dieser Aktion tut einer der größten Sportartikel Hersteller das Unerhörte: Er schlägt sich klar auf eine Seite.

Colin Kaepernick ist in den USA das Aushängeschild der Welt, die nicht Trump wählt. Kaepernick steht für Inklusion, Minderheitenrechte, Kalifornien und Widerspruch. Kaepernick kritisiert das weiße Privileg, geht mit großen Sportverbänden auf Konfrontation und steht in den USA für unbequemen Progress. Wer mal eine Schnellübersicht über einige der harmloseren Anti-Colin-Kaepernick Memes bekommen mag: Voilà. Mit Kaepernick hat Nike nicht nur einen unbequemen Sportsmann als Botschafter gewählt. Kaepernicks Ernennung ist ein politischer Akt. Es ist eine Ohrfeige für die eine Seite Amerikas. Oder ein Fehdenhandschuh, je nachdem, wie man es sieht.

Nike hat mit Kaepernick als Aushängeschild seiner großen Kampagne Stellung bezogen. Und das Unternehmen kann sicher sein, dass es damit in den nächsten Tagen starke Reaktionen erleben dürfte. Es existieren schon Stunden nach dem Tweet von Colin Kaepernick Videos, in denen Menschen ihr Nike Equipment verbrennen. Boykottaufrufe finden sich ebenfalls bereits zuhauf. So schreibt der “Patriotic Express” süffisant: “it came as a total shocker when one of America’s largest and most influential sports apparel companies — Nike — announced a new partnership with the washed up, anti-American former NFL player. Apparently, Nike isn’t fond of our business. Will you be boycotting them until they dump Kaepernick?” In den nächsten Tagen wird sich Nike im Mittelpunkt mehrerer solcher Boykottaufrufe befinden. Das wird teuer, laut und unangenehm. Ein Unternehmen wie Nike wusste das. Sie haben es trotzdem getan: Echte Haltung kostet im Zweifel eben was.

Und hier? Am Tag nach #wirsindmehr? In der Woche nach Chemnitz?

Im Juli 2017 machte Siemens CEO Joe Kaeser eine bemerkenswerte Bemerkung, die ich typisch für den deutschen Markt und die Frage finde, ob es legitim ist, sich als Unternehmen politisch für ein Gesellschaftsbild aufzustellen — und damit auch gegen ein anderes Gesellschaftsbild. Nachdem sich Kaeser mit einigen spitzen Tweets — ungewöhnlich für Konzernlenker hierzulande — mit der AfD angelegt hatte, beklagte er in der WELT, dass er mit dieser Haltung von Vorstandskollegen anderer großer Unternehmen alleine im Regen stehen gelassen würde: ‘Der Chef eines Autokonzerns etwa habe mit Blick auf die Wahlergebnisse der AfD zu bedenken gegeben, dass dann „womöglich 19 Prozent meine Autos nicht mehr kaufen“. Auch aus der Sportschuhbranche sei eine Absage gekommen.’

Mögen diese Vorstandskollegen langsam zur Einsicht kommen, dass man zwar 19 Prozent in einem Segment verlieren kann, dafür 21 Prozent in einem anderen Segment hinzugewinnen kann. Es ist eben doch erstaunlich, wie sehr die uralte Idee eines “Ehrbaren Kaufmanns”, der Sorge für die Umwelt trägt, in der er auch morgen noch wirtschaftlich handeln will, der Angst vor dem im Zweifel rechtsradikal denkenden Konsumenten Platz gemacht hat. Mögen Joe Kaesers Vorstandskollegen durch den Mut der Marke Nike bestärkt werden, dass Haltung für eine inklusive Weltgesellschaft zeigen nicht nur Goodwill ist sondern auch der Marke und den Umsätzen gut tut. Denn das ist immer noch die entscheidende Größe, wenn Unternehmen Haltung zeigen wollen. Wesentlich ist nur die Frage, ob Unternehmen langfristig oder kurzfristig rechnen. Möge das Beispiel Nike auch hiesigen Konzernen zeigen, dass das Tolerieren kurzfristiger Kosten im Sinne einer langfristigen gesellschaftlichen Denke für große transnationale Marken die Sieger-Strategie ist. Möge das Beispiel Nike auch hiesigen Konzernen zeigen, dass das Tolerieren kurzfristiger Kosten im Sinne einer langfristigen gesellschaftlichen Denke für große transnationale Marken die Sieger-Strategie ist. Warum? Weil die Welt einfach nicht mehr in kleinen nationalen Schubladen mit dem Automatismus eines weißen heterosexuellen Männerprivilegs funktioniert. Unternehmen, die diese Weltsicht konsequent in ihre Markenwelt integrieren, werden ohne Zweifel in unserer Welt des Wandels davon profitieren.