shot by Eve Alexder

Der freundliche Herr Jedermann

von Tom Diander

Episode Eins
Mein Montagabend fängt ganz harmlos an. Ich sitze auf der Couch und masturbiere. Das mache ich sonst mittwochs gegen 23 Uhr. Kurz nach meiner Lieblingsserie, aber was soll ich sagen? Es muss schon heute sein. Weil, ich bin geil.

Ich habe alles soweit bereit. Ein sauberes Handtuch, ordentlich Gleitmittel, ein Bierchen und auf meinem Protzfernseher spielt ein Gillian Anderson BestOff in Endlosschleife. Die Frau ist wie eine Flasche guter Wein, mit jedem Jahr wird Gil schärfer und heißer. Ja ist klar, ich bin ein ganz Schlimmer. Doch ich scheiß auf deine Meinung. Von daher, guck mich nicht so an.

Ich besorge es mir entspannt langsam. Zärtlich schiebe ich meine Vorhaut vor und zurück und lasse den Hautlappen durch meine glitschigen Finger gleiten. Ich möchte dich nicht mit Details langweilen aber ich nehme nach 20 Minuten so richtig Fahrt auf. Ich rubble was das Zeug hält und versuchte den nahenden Erguss noch weiter raus zu zögern. Diesen Kampf trage ich für mein Leben gern aus. Ich wichse wie ein Wahnsinniger und kurz bevor es mir kommt, nehme ich die Hand vom Schwanz und versuche den sich anbahnenden Höhepunkt wegzudrücken. Ich kneife alles zusammen. Ist son bisschen wie aufs Klo müssen mit dem Wissen, dass die nächste Schüssel noch eine halbe Stunde entfernt ist.

Ich bin also richtig gut dabei. Ich mutiere zu einer verdammten Onaniermaschine. Mir kullern große Schweißperlen von der Stirn. Mein Penis schmerzt von der anhaltenden Behandlung. Ich bin da nicht zimperlich. Mein bester Freund giert nach mehr. Er steht bretthart und pumpt. Will endlich spritzen. Ich komme dem Orgasmus gefährlich nahe. Nur ein bisschen. Ein letztes Stück. Ich bin gleich da. Es kommt. Ich kann es nicht mehr zurückhalten. Ich komme. Scheiße verdammt!

Ich schieße eine „Mein lieber Scholli doh“ Ladung ins Handtuch und genieße die fucking vier Sekunden Glückseligkeit. Mein Kumpel fällt wie Pudding in sich zusammen und liegt schlafend in seinem Saft. Eine Dusche ist jetzt angebracht doch es klingelt an der Tür.

Ich bleibe auf der Couch sitzen und tue so, als ob ich nicht da bin. Es klingelt erneut. Leck mich, wer immer du bist. Ich mache bestimmt nicht auf. Es klingelt Sturm. Scheint ernst zu sein. Ich quäle mich in den Flur. Es ist scheißenkalt. Ich hätte mir wenigstens was an die Füße ziehen können. Mit baumelnden Schwanz und einem selbstverliebten Lasse meinen Arsch im Mondschein glänzen Moment, nehme ich den Hörer der Freisprechanlage in die noch leicht beschmierte Hand.

„Wer nervt?“

„Hallo? Hallo! Können sie uns helfen? Bitte, wir brauchen dringend Hilfe!“

„Was ist denn passiert? Hallo. Wer spricht da?“

Das Signal ist scheiße. Ich höre nur Rauschen. Was geht da unten vor? Es klingelt erneut. Fordernd ohne Unterlass. Ach was solls. Ich drücke auf. Ich höre wie die Tür unten im Flur aufgedrückt wird. Dann Gemurmel. Stimmen, die ich nicht zuordnen kann. Sie kommen das Treppenhaus rauf. Ich muss was anziehen. Ich schnappe mir aus dem Badezimmer meine Schlafbuchse. Werfe mir ein T-Shirt drüber und schaue gespannt durch den kleinen Türspion in den Hausflur. Ich sehe die Umrisse von zwei Personen. Könnten Frauen sein. Ich mache vorsichtig auf, doch sie drücken sich hastig gegen meine Tür. Huschen in meine Wohnung. Die Rothaarige schubst mich zur Seite und knallt meine Wohnungstür im Affentempo zu. Die Blonde springt mir um den Hals und bedankt sich überschwänglich. Ich spüre ihren warmen Körper und bin kurzzeitig verliebt.

„Hi, dürfte ich jetzt erfahren was los ist?“

Die Blonde legt ihren Finger auf meinen Mund. Ich soll wohl die Fresse halten. Die Rothaarige geht direkt in meine Küche. Sie sieht sich um. Auch das Badezimmer wird von ihr unter die Lupe genommen.

„Bist du allein?“

„Ja, aber.“

„Nix aber.“

Dann verschwindet die Rote ins Wohnzimmer. Die Blonde hat mich immer noch im Arm und lächelt mich dumm duselig an. Irgendwas läuft hier schräg. Mir stellt sich die Frage, ob die beiden Schönheiten im ganzen Haus geklingelt, oder ob sie mich bewusst ausgesucht haben. Kenne ich die zwei? Haben wir uns schon mal gesehen?

„Sag mir was hier abgeht.“ Ich versuche autoritär zu klingen aber ich höre mich eher nach Marke Waschlappen an.

„Oh, sei doch nicht so. Entspann dich. Warte noch einen Moment. Gleich wird alles klar.“

Ich warte. Blondie in meinem Arm und was die Rote macht, kein Plan. Es klingelt. Schon wieder.

„Du solltest rangehen.“

Die blonde Schönheit lächelt ihr bestes Zahnpasta Lächeln. Ich nehme den Hörer der Türsprech und sage erst mal nichts. Egal was jetzt passiert, ich lasse niemanden mehr in meine Wohnung. Ist jetzt son Grundsatzding.

„Hallo? Tatjana?“

„Nein, hier ist Tom.“ Scheiße, ich habe meinen Namen genannt.

„Grüß dich Tom. Krasse Sache das Ganze was?“

„Ich verstehe nicht.“

„Ist Tatjana bei dir?“

„Welche ist Tatjana?“

„Die mit dem preisverdächtigen Hintern.“

„Blond oder Rot?“

„Blond.“

„Ja, die ist hier.“

„Was tut sie grade?“

„Sie hält mich im Arm.“

„Und sonst?“

„Nichts sonst.“

„Überprüfe es doch bitte mal.“

Ich schaue an mir runter. Erst jetzt spüre ich Druck nahe meiner Bikinizone. Tatjana drückt eine kleine Pistole direkt gegen meinen Schwanz.

„Habe ich deine uneingeschränkte Aufmerksamkeit?“

„Kann man wohl sagen.“

„Gut. Sehr gut. Die zwei Damen in deiner Wohnung sind eigentlich ganz Liebe. Wenn du was Dummes tust, werden sie dir jedoch echt böse weh tun. Ich meine das Ernst. Ich habe mal gesehen wie Tatjana einem Kerl mit einem Löffel ein Auge ausgestochen hat. Kein Scheiß. Mit einem gottverdammten Löffel. Kannst du dir das vorstellen?“

„Nein.“

„Ist echt kein Witz. Womit wir bei einer elementar wichtigen Erkenntnis für dich angekommen sind.“

„Die da wäre?“

„Ich lüge nicht. Das solltest du dir unbedingt merken. Alles klar? Ich werde dich nie anlügen, mein Freund.“

„Ich habe keine Freunde.“

„Jetzt schon Kumpel. Jetzt schon.“

„Komme ich nächste Woche in Aktenzeichen XY oder wollt ihr Geld? Ich habe nichts im Haus. Ich habe rein gar nichts!“

„Ruhig Tom. Entspann dich.“

„Ich will mich aber nicht entspannen.“

„Doch du willst. Nein, du MUSST dich entspannen, alles klar? Es ist wichtig, dass du mir jetzt gut zuhörst. Hörst du mir zu?“

„Ja.“

„Ja was?“

„Ich höre zu.“

„Sehr gut. Weil ohne deine Kooperation funktioniert das alles nicht. Als erstes wirst du mir deine Handynummer geben. Es ist arschkalt hier vor deiner Tür.“

„Möchten Sie vielleicht rauf kommen? Ich mache uns allen einen Kaffee und dann schauen wir weiter.“

„Sehr gut Tom. Ich mag Menschen mit Humor. 
Nur deine Telefonnummer bitte. Jetzt.“

Ich gebe meine Nummer durch und der fremde Unbekannte verabschiedet sich freundlich. Ich würde in Kürze von ihm hören. Natürlich soll ich keinen Mist bauen und auf die zwei Frauen in meiner Wohnung hören. „Gehorchen“ war das Wort, dass er benutzte. Noch immer hält mir Tatjana ihre Knarre gegen den Sack. Sie lächelt und lächelt und dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, sagt sie „Kaffee find ich eine gute Idee.“ Sie lässt mich im Flur stehen und düst in meine Küche.

„Wo ist deine Maschine?“

„Ich habe keine. Ich mache mir immer Instant. Der Lösliche da auf der Fensterbank.“

„Alles klar. Gefunden. Jenny, willst du auch?“

Aus dem Wohnzimmer kommt ein „Jap.“ Ich gehe meine Optionen durch. Ich habe zwei schwer bewaffnete Weiber in der Bude. Ich habe nur eine Jogginghose an und draußen liegt hoch Schnee. Jenny sitzt im Wohnzimmer, Tatjana macht Kaffee. Ich könnte raus in den Hausflur. Schnell runter sprinten und versuchen auf der Straße Hilfe zu bekommen. Und laufe vielleicht dem Unbekannten direkt in die Arme.

„Hier für dich.“ Blondie hält mir eine Tasse dampfenden Kaffee vor die Nase. „Lass uns zu Jenny rüber.“

Im Wohnzimmer liegt die Rothaarige auf der Couch als wäre Sie hier zuhause. Im Fernseher gibt es noch immer Gillian Anderson in Endlosschleife. Die grad laufende Szene ist aus einem älterem Rape and Revenge Film. In dem Streifen wurde Gillian von einer Gruppe Arschlöcher im Wald vergewaltigt und rächt sich im Verlaufe der Handlung. Im Moment liegt einer ihrer Peiniger mit runter gelassener Hose auf seinem Küchentisch und wird von Gil mit einer Schrotflinte in den Arsch gefickt. Klingt krass. Ist es auch.

„Da schaut Jemand aber ganz böse Sachen.“ Tatjana lächelt wieder dieses schräge Lächeln und setzt sich zu der Roten. „Oh die Szene kommt jetzt schon das zweite Mal. Grad war was aus Akte X zu sehen und davor, glaub ich, aus The Fall.“ Die Rote schaut zu mir rüber. „Feuchte Handtücher, Bier und Scully. Haben wir dich bei was gestört?“ Ich werde wahrscheinlich rot denn mir wird ganz warm. Peinlicher kann es nicht mehr werden.

Ich gehe um die Couch herum und will den Fernseher ausknipsen als ein warnendes „Na, na, na“ von Jenny kommt. Sie streckt ihren Arm aus und greift nach meiner Hand. Zieht mich zu sich auf die Couch. „Lass dich von uns nicht stören. Mach ruhig weiter. Stell dir einfach vor, wir wären gar nicht da.“ Ich will aus dieser kranken Nummer verschwinden. „Ich denke, wohl eher nicht.“ Mehr bekomme ich nicht raus. Ich unternehme einen zweiten zaghaften Versuch die Fernbedienung zu grabschen aber Tatjana ist schneller und nimmt sie an sich. „Na komm schon. Ich würde gerne sehen wie du es machst.“ Sie hält sich ihre Pistole in den Schritt und rubbelt hastig am Lauf der Waffe. „Sehr witzig.“

Mein Handy klingelt. Ich nehme den Anruf entgegen. Rettung.

„Hallo Tom.“

„Hallo.“

„Ich möchte schnell zur Sache kommen. Dein Handy, ist das ein Smartphone?“

„Ja.“

„Großartig. Dann gibt es da doch bestimmt eine Möglichkeit mich auf die Lautsprecher zu schalten, so dass auch Jennifer und Tatjana mich hören können.“

„Ja.“

„Dann bitte.“

„Ok, können Sie mich gut hören?“

„Sehr gut Tom. Könnt ihr mich auch hören?“

Tatjana und Jenny jubeln in mein Handy.

„Fantastisch. Das klappt ja heute alles wie am Schnürchen. Tom, eine Frage. Hast du auch einen Fernseher?“

„Ja.“

„Dann schalte doch mal rüber zu den Nachrichten. Schaut es euch in aller Ruhe an und dann sprechen wir uns wieder.“

Der Penner hat aufgelegt. Tatjana und Jenny schalten um und schauen gebannt in die Flimmerkiste. „Setz dich zu mir.“ Ich mache es mir neben der Roten gemütlich. Wir schauen uns eine langweilige Schnulze von annodazumal an. Nix mit Nachrichten. Ich überlege ernsthaft, ob die Sendung Verstehen sie Spaß noch läuft. Wenn ja, stehen die Chancen nicht schlecht, dass ich grad voll verarscht werde.

„Wir unterbrechen unser Programm für eine Sondersendung.“

Jenny wird ganz aufgeregt. „Jetzt geht es los.“ Tatjana schaut auf die Uhr. „Genau nach Zeitplan.“

„In München hat sich…“

Ich höre den Sprecher gar nicht mehr. Die Bilder aus Münchens Innenstadt reißen ein stummes Loch in mein Bewusstsein. Die Bilder zeigen Aufnahmen einer Überwachungskamera, zwischendurch werden Amateuraufnahmen mit bescheidener Qualität zugeschnitten. Es sind Polizisten und etliche Krankenwagen zu sehen. Blutende Menschen, weinende Kinder und Leichensäcke am Straßenrand. Ein Bild des Schreckens, so nennt es der Nachrichten-Heini.

Ein Attentat. Eine Terror Attacke mitten in Bayerns Hauptstadt. 12 Tote, 24 Verletzte. Angeblich die Tat eines einzelnen Terroristen. Wackelige Handyaufnahmen zeigen eine Frau. Sie legt einen dunkelblauen Rucksack auf die Erde. Sie streckt ihren rechten Arm gen Himmel. Dann greift sie in den Rucksack und wird von einer massiven Druckwelle zerrissen. Das Bild kriselt, wird schwarz. Weitere Videoaufzeichnungen zeigen dicken, grauen Rauch. Panische Menschen rennen kreuz und durcheinander. Immer wieder Schreie. Die Aufnahmen aus München sind kaum auszuhalten. Was hat das mit mir zu tun? Der unbekannte Penner meldet sich zu Wort.

„Jenny, hast du dein Tablet dabei?“

„Aber natürlich.“

„Dann zeig unserem neuen Freund doch bitte das Video.“

Jennifer greift ein IPad aus ihrem Rucksack und bestätigt meine langjährige Vermutung, dass die Bösen immer Apple Produkte einsetzen. Die meisten Kinofilme geben es nur falsch wieder. Jenny deutet an, mich näher an sie ran zu setzen und drei bis vier Wischgesten später startet ein Video. Ich sehe die Attentäterin aus München. Ich erkenne sie an ihren Klamotten. Blaue Jeans, dunkelrotes Oberteil, Turnschuhe. Die Frau zittert und wischt sich, wie es aussieht, Tränen aus dem Gesicht. Dann wendet sie sich zur Kamera. Es ist meine Exfreundin. Kein Scheiß. Da auf dem Monitor ist meine Ex. Fuck.

Ich verstehe nicht. Bekomme es nicht in meinen Schädel. Alice hat sich in die Luft gesprengt? Warum? Wie kommt die eigentlich nach München? Scheiße. Ich schaue wieder zum Fernseher. Das Chaos, die vielen Tote. Mein Körper regiert nicht mehr. Ich atme zu schnell. Hyperventiliere. Meine Hände bilden eine Faust und bekomme sie nicht mehr auseinander. Mein Gesicht fühlt sich an, als würde es von außen mit einer Presse zerdrückt. Mein Herz rast. Habe keine Kontrolle. Ist wohl eine Panikattacke. Ich bin wie ausgeklinkt.

„Tom? Bist du noch da?“

Ich will dem Bastard in den Hörer schreien, dass ich ihn finde und ihn bei lebendigem Leibe heuten werde. Ich sage nur „ja“.

„Sehr gut. Ich bin sicher, dass alles ist ein heftiger Schock für dich. Atme tief durch und dann kommen wir zum geschäftlichen Teil.“

„Geschäftlich?“

„Richtig. Geschäftlich. Ein Handel. Abkommen. 
Ein Vertrag zwischen dir und mir.“

„Ich hab’s kapiert. Um was für ein Geschäft?”

„Dein Leben gegen das deiner Tochter.“

„Ich reiße dir die Augäpfel raus und fick dich durch die Löcher!
Du mieser Wichser!“

Ich brülle in das Handy und Tatjana sieht sich aufgefordert ihre Waffe auf mich zu richten. Ich tobe weiter. Der Mistkerl bedroht meine Tochter? 
Ich bring den Arsch um.

„Aber, aber. Ganz ruhig, mein Freund. Emotionen sind gut. Nur jetzt haben sie keinen Platz. Versuche deinen verständlichen Ärger herunter zu schlucken und höre mir gut zu. Hörst du mir zu?“

„Ja, verdammt! Ich höre dich.“

„Wie ich schon sagte, ich werde dich nicht anlügen. Und die Wahrheit ist, du wirst sterben. Freiwillig. Wie es deine Exfreundin getan hat.“

„Wenn meiner Tochter auch nur ein Haar fehlt oder du sie angefasst hast, dann schwöre ich bei Gott…“

„Habe ich es dir nicht gesagt? Habe ich es nicht gesagt? Jetzt gerade! Emotionen bitte runterschlucken. Sind vollkommen unproduktiv. Konzentriere dich. Sonst hat das hier wenig Sinn und ich muss mich für einen geeigneteren Kandidaten entscheiden. Deine Ex war übrigens deutlich kooperativer.“

„Hast du ihr auch gedroht unsere Tochter zu töten?“

„Aber natürlich habe ich das. Glaubst du, Alice wäre sonst nach Bayern geflogen? Und jetzt steht dein großer Auftritt bevor. Glaub mir, du bist mein Main Event. Was ganz Besonderes. Aber um deine harsche Frage zu beantworten, deiner Jessica geht es ganz wunderbar. Sie ist wie immer an den zweiten Wochenenden, bei Ihren Großeltern. Ich hatte Alice gebeten bei ihren Eltern anzurufen und den Montag noch zusätzlich zu vereinbaren. Daher geht es allen gut. Die Großeltern sind im Glauben, ihre Tochter sei auf einer Geburtstagsfeier und deine Tochter liegt schon schlafend in ihrem Bettchen. Es wird ein schwerer Verlust für das kleine Mädchen. Mutter und Vater so früh zu verlieren aber Oma und Opa sehen doch noch recht Fit aus, möchte man meinen. Wie ich das verstanden habe, und ich habe sehr lange und ausführlich mit Alice gesprochen, hast du keinen Kontakt zu deiner Tochter. Sie weiß gar nicht wer du bist, stimmt doch Tom?“

„Geht dich mal sowas von einen Scheiß an.“

„Jennifer.“

Die Rothaarige schlägt mir volles Kanonenrohr ins Gesicht. Hat ganz schön Dampf in den Armen. Ich spucke Blut. Hat mich gut erwischt.

„Entschuldige Tom aber das war jetzt nötig. Ich kann Unfreundlichkeit nicht leiden. Wir sind doch alle zivilisierte Menschen. Aber sei es drum. Mir wird langweilig. Die Spurensicherung in München wird in den kommenden 8 bis 14 Stunden die Identität deiner Exfreundin nicht ermitteln können. Daher ist nicht damit zu rechnen, dass die Kripo bei dir oder den Großeltern auftaucht. Du kannst also noch ein bisschen schlafen und wir sprechen uns morgen früh gegen 7 Uhr wieder.“

„Und dann?“

„Und dann alles Weitere. Schreib es dir irgendwo auf. Es ist wichtig. Gehst du zur Polizei oder rufst jemanden an oder tust irgendetwas mir missfallendes, töte ich deine Tochter und die Zwei Alten gleich mit. Verstanden?“

„Ja ich hab’s kapiert.“

„Gut so Tom. War mir eine Freude mit dir zu plaudern. Tatjana und Jennifer werden dich jetzt ebenfalls verlassen. Vertrauen, Tom. Vertrauen ist Alles. 
Ich wiederhole mich in diesem Fall äußerst gerne. Ich werde dich nie anlügen. Missbrauchst du jedoch mein Vertrauen, sind alle die dir etwas bedeuten tot. Ich denke wir verstehen uns, daher lassen wir dir jetzt ein paar Stunden der Ruhe. Morgen schreiben wir gemeinsam Geschichte. Auf dann.“

Aufgelegt.

Tatjana und Jenny geben mir jeweils einen Kuss auf die Wangen und rufen beim Verlassen der Wohnung nur noch ein „Tschau!“. Dann knallt die Wohnungstür zu.

Ich bin allein. Stehe wie angewurzelt vor meiner Couch und schaue noch immer verstört in den Fernseher. Was geht hier ab? Dann steigt Angst und Panik in mir auf. Ich laufe zum Fenster. Niemand draußen zu sehen. Die zwei Frauen sind verschwunden oder verstecken sich vielleicht noch im Hausflur. Ich bewege mich vorsichtig, wie ein Ninja schleichend, durch mein Schlafzimmer. Im Flur schließe ich meine Wohnungstür ab. Durch den Türspion ist auch nichts zu erkennen. Ich habe zwar gehört wie die Zwei gegangen sind aber das heißt nicht, dass sie auch wirklich weg sind. Ich durchsuche meine ganze Bude aber ich scheine wirklich alleine zu sein.

Ich versuche mir in der Küche eine Zigarette zu drehen. Immer wieder zerreiße ich das Papierblättchen und der Tabak rieselt auf den Fußboden. Ich schrei laut. In der Schublade müsste noch eine Schachtel Billig Kippen rumliegen. Ich krame alle Schränke ab. Gefunden. Dann ab auf den Balkon.

Luft schnappen. Es ist arschkalt. Der Garten ist vom Schnee bedeckt. Dicke Schneeflocken segeln auf meinen Kopf. Meine Schultern sind weiß und meine fünfte Zigarette durchgeweicht. Meine Hände sind nass und zitterig. Ich muss zur Polizei. Dringend.

Ich werde das online machen. 
Vielleicht haben die Bullen ja sowas wie einen Notfall Chat. Oder ich schreibe denen eine Mail. Oder ich könnte dem Fernsehsender einen Tipp geben. 
Ich meine, wie soll der Wichser das rausfinden?

Ich muss bei meiner Tochter anrufen. Ich habe zwar mit Christiane und Rudi seit drei Jahren nicht mehr gesprochen aber ich muss Sie doch warnen. Ihre Tochter ist tot und ihr Enkelkind in höchster Gefahr. Die müssen alle in so ein Schutzprogramm. Oder gibt es das nur im Film? Ich muss erfahren ob es meiner kleinen Maus noch gut geht. Scheiße, ich dreh durch. Was mach ich? Was mach ich? Fuck! Was soll ich machen?

Mit Kaffee, einer dicken Decke und meinem Laptop, schmeiße ich mich auf die Couch und durchsuche das Internet nach Hinweisen. Ich gehe die letzten Terroranschläge durch. Lese kranken Scheiß über religiöse Fanatiker, Flüchtlingskrisen, Toten in Paris, Toten in Istanbul und so weiter, und so trauriger, und so beschissener. Das hat nur alles nichts mit meiner Situation zu tun. Der Kerl am Telefon sprach akzentfreies Deutsch. Sprach super überdeutlich. Er war sehr darauf bedacht, freundlich triefend in mein Ohr zu säuseln.

Ich gehe die Sache falsch an. 
Alice ist… war keine Terroristin. Ein Miststück okay aber keine fanatische Selbstmordatentäterin. Sie wurde dazu gezwungen. Alice wurde erpresst. Ich suche also… nach was? Etwas Vergleichbares. Wie in München. Finde nichts. Einige tragische Unfälle aber ansonsten nichts was mich weiterbringen würde.

Ich muss eingeschlafen sein. Kein Witz. Bin tatsächlich weggedöst. Der Laptop ruht noch immer auf meinem Bauch. Ich schaue auf die Uhr an der Wand. Sechs Uhr. Noch eine Stunde bis mich der Teufel heimsucht.

Schlafen ist wie tot sein. Das Bewusstsein ist einfach aus. 
Ich habe von Jazz geträumt. Nicht die Musikrichtung, sondern von meiner Tochter Jessica. Ich war damals mit dem Namen nicht einverstanden aber ich hatte kein Mitspracherecht. Damals beim Zappen durchs Fernsehprogramm, blieb ich bei einer Krimiserie hängen und da nannte der Ermittler seine Ehefrau Jazz. Das fand ich cool. Habe es dann übernommen. Alice meine Ex, fand den Kosenamen natürlich schwachsinnig. Also blieb ich erst recht dabei.

Alice und ich hatten nur eine kurze, dafür eine umso heftigere On/Off Beziehung. Haben viel gestritten. Gingen uns mehr auf die Nerven als das wir glücklich waren. Dann überraschte ich Sie mit einem anderen im Bett. War nicht Ihr erstes Mal wie sich herausstellte. Auch mein damals bester Freund hatte seinen Lurch kurz mal reinhalten dürfen. Bin noch nicht dazu gekommen, ihm dafür mal aufs Maul zu hauen. Egal. Alice war schwanger und ich applaudierte innerlich. Das hatte sie verdient.

Doch sie meinte dann: „Surprise“, es wäre mein Kind. Rein rechnerisch und so. Ich habe Sie ausgelacht aber Alice war sich sicher, dass ich der Erzeuger sei. Da blieb mir dann auch das Lachen im Halse stecken. Was soll ich sagen? Ich wollte die Verantwortung nicht übernehmen. Ich war mir auch hundertprozentig sicher, dass das Kind nicht von mir sein konnte. 
Trotzdem bekam ich es nicht aus dem Kopf. Was wenn doch?

Alice und ich zogen Zusammen. Ihr Bauch wurde immer monströser und es war ein Mords Gaudi Ihr beim Treppensteigen zuzusehen. Im Nachgang betrachtet kann ich sagen, dass die Wochen der Schwangerschaft unsere beste, gemeinsame Beziehungszeit war. Alice beendete alle Männerkontakte und war ausgesprochen umgänglich für ihre Verhältnisse. Alles war gut.

Bis nach der Geburt. Die Fremdvögelei fing wieder an. Jazz hatte noch nicht ihren ersten Geburtstag gefeiert, da zog ich mit Sack und Pack aus. 
Ein Vaterschaftstest gab mir dann die traurige Gewissheit. Jazz war nicht mein leibliches Kind. Nur war mir das schon längst scheiß egal. Ich liebte Sie. Zum ersten Mal in meinem Leben liebte ich überhaupt jemanden. Ich wollte immer für Sie da sein und Sie wäre immer meine Tochter. Egal was passiert.

Nur hatte ich die Rechnung ohne du weißt schon gemacht. Ich durfte meine Kleine nicht besuchen. Nicht mal in Ihre Nähe kam ich. Alice führte einen schmutzigen Krieg gegen mich. Da wir nie verheiratet waren hatte ich kein Sorgerecht. Ich war nirgendwo als Vater geführt und egal bei welchem Amt ich auch vorstellig wurde, meine Exfreundin war schon vor mir dort. Nicht mal ein sogenanntes Umgangsrecht wurde mir gewährt. Ich habe Alice so richtig dafür gehasst. Das sie mal als Klumpen Matsch enden würde. Naja.

Ich kenne meine Tochter nur noch von Facebook Fotos. In wenigen Monaten kommt Jazz in die Grundschule. Ich habe sie fast fünf Jahre nicht mehr in die Arme geschlossen. Werde es auch nie wieder.

Der Arm! Wo war das noch? Der Arm. Mir kommt da was. Ich weiß es nur noch nicht einzuordnen. Ich schmeiße den Laptop an. Wo habe ich das gelesen?

In einem der Polizeiberichte. 
In einem Dorf nahe Sachsen war ein Amokfahrer mit seinem Lastwagen in eine feiernde Hochzeitsgesellschaft gerast. Er hatte das Brautpaar und einige der Gäste tödlich erwischt. Nachdem er blutend ausgestiegen war, rannte er auf eine nahe gelegene Brücke, hob seinen Arm in die Luft, um dann in die Tiefe zu stürzen.

Im Sauerland gab es den Fall eines Rentners, der in einem Supermarkt sechs Menschen erschossen hatte. Auch er reckte seinen Arm zum Himmel ehe er sich in den Kopf schoss.

Eine junge Erzieherin aus Gladbeck, erstach in einem Kindergarten zwei Menschen und nahm eine Gruppe von Kinder als Geiseln. Das Drama wurde durch einen gezielten Kopfschuss der Polizei beendet. Einzelne Kinder haben später ausgesagt, die Erzieherin hätte ihren Arm in die Luft gehalten und um Vergebung gebeten.

Ich besuche die Webseite von N24.de und schaue mir noch mal das Videomaterial vom gestrigen Abend an. Die Aufnahmen sind unter aller Sau. Es fällt mir schwer etwas zu erkennen aber Alice reckt ihren Arm nach oben bevor sie in die Tasche greift. Das ist kein Zufall. 
Hier gibt es Gemeinsamkeiten. Ein Muster. 
Ich verstehe nur nicht das Warum und Überhaupt. 
Warum diese gefakten Amokläufe? Ist es was Terroristisches? 
Haben die Opfer irgendwas Gemeinsames? 
Ein Kindergarten, ein Supermarkt, eine Hochzeit? Dann München. 
Ich verstehe es nicht. Ich habe aber auch keine Zeit mehr. 
Kann nicht weiter nach Spuren suchen. Es ist genau fünf vor sieben.

Ich sprinte in die Küche. Greife mir die letzte Zigarette aus der Schachtel und stelle mich auf meinen Balkon. Von hier sieht alles so beschissen friedlich aus.

Ich will nicht sterben. Gott! 
Wenn es dich gibt. Ich will nicht! 
Hörst du?

Es klingelt an der Tür. Dann wollen wir mal.


Der freundliche Herr Jedermann kehrt zurück! 
Samstag, 06.02.2016, 18:Uhr

shot Eve Alexder

Danke für deine Zeit. Wir lesen uns.