Über Onlinestalking und Humorlosigkeit

Ich habe mich mehrfach umgesetzt — im Bus. Aber die Person setzt sich immer wieder neben mich, oder hinter mich, oder vor mich oder an einen Platz in meinem unmittelbaren Sichtfeld. Ich versuche weg zu schauen, aber ich spüre den Blick dieser Person, der mir sehr unangenehm ist. Ein Starren. Sie sagt nichts, sie schaut mich nur an. Ich bitte die Person, mich in Ruhe zu lassen, mich nicht mehr anzuschauen, mir nicht weiter zu folgen. Aber die Person reagiert nicht. Nach dem fünften oder sechsten Mal sagt die Person, dass sei ein öffentlicher Raum und ich, meine Person, die Oberfläche meiner Person stehe hier öffentlich zur Verfügung und eigentlich mache sie auch nichts, außer eben mich anzustarren.

Dann fängt die Person an, mein Aussehen zu kommentieren, erst leise, so dass nur ich es hören kann, dann immer lauter. Einige der anderen Mitfahrer schauen auf, sind kurz gestört in ihrem Fürsichsein, verdrehen die Augen, finden es albern oder nervig oder störend, werfen mir vielleicht einen mitfühlenden Blick zu. Ich sage mehrfach bestimmt, dass ich das nicht will, ich will nicht kommentiert werden, ich will nicht angestarrt werden, ich will nicht, dass sich diese Person neben mich setzt, ich fühle mich bedroht.

Die Person sagt, dass sei ein öffentlicher Raum und es sei ihr gutes Recht, hier zu sein, sich hinzusetzen wo sie wolle und zu sagen, was sie wolle. Meinungsfreiheit. Was ist das für eine Person? Wie würden wir sie bezeichnen? Wenn ich z.B. aus dem Bus aussteige und die Person mir weiter folgen würde, wenn dieses Verfolgen über mehrere Wochen, Monate anhalten würde, wenn sie mir auf Schritt und Tritt folgen würde und permanent Kommentare an mich richten würde, an mein Aussehen, an mein Denken, an mein Wohnen, an meine Freunde. Ab wann ist so eine Person realistisch eine Bedrohung, unabhängig von meinem ganz eigenen Gefühl — aber wo ist die Grenze. Wann würden wir z.B. von einem Stalker sprechen? Laut Wikipedia ist Stalking: „das willentliche und wiederholte (beharrliche) Verfolgen oder Belästigen einer Person, deren physische oder psychische Unversehrtheit dadurch unmittelbar, mittelbar oder langfristig bedroht und geschädigt werden kann.“ Wer entscheidet, was Belästigung ist oder psychische Unversehrtheit — im Zweifelsfall natürlich ein Gericht aber in erster Linie die betroffene Person, in dem sie artikuliert, dass sie einen bestimmten Kontakt nicht wünscht.

Der Bus ist nur ein Bild. Ein in gewisser Weise begrenzter Raum, welchem man sich nicht entziehen kann. Ich kann zwar den Platz wechseln aber erst Mal nicht aussteigen, weil mich der Bus ja irgendwo hinbringen soll. So wie der Raum dieses Busses erscheint mir momentan das Internet, in welchem ich seit Wochen von mehreren Accounts systematisch belästigt und beleidigt werde. Viele Kommentare spielen mit der Grenze dessen, was einfach nur Häme und Diss ist und was Beleidigung. Ich finde Häme und Diss okay — Wer immer nur geliebt werden will, ist ein Trottel (Thomas Mann). Beleidigungen, vor allem in sexualisierter Form, Drohungen sind da schon ein ganz anderes Kaliber. Was all diesen Kommentare gemein ist, ist das systematische, gezielt belästigende Verhalten. Es geht darum, mich und meine Onlinepräsenz zu stören, mir ein ungutes Gefühl zu geben — ähnlich der Person im Bus, die es mir unmöglich macht, mich irgendwo hinzusetzen, ohne ihrem Blick oder ihren Kommentaren ausgesetzt zu sein. Es geht darum, den Raum des Internets für mich einzuengen, ihn für mich unbewohnbarer zu machen.

Diese Personen empfinden sich nicht als Stalker. Sie durchkämmen zwar mein Profil, posten meine Bilder mit beleidigenden Kommentaren, veröffentlichen meinen Klarnamen und meine Adresse, zitieren meine Texte. Ihr Ziel ist, Zitat: „Kapitulation und Löschung“ meines Twitteraccounts. Sie empfinden sich selbst nicht als Stalker. Sie finden das witzig, es ist ein Game und ich habe es verdient, das Angriffsziel zu sein, weil ich arrogante Almantwitterin bin.

Mindestens einer von ihnen wird jetzt diesen Text lesen und in ca. ner halben Stunde wird auch darüber Spott im Internet stehen — zuerst Spott und dann Beleidigung, dann Drohung. Da stehen dann solche Sachen wie: Ich brauche deine fetten Arschbacken als Puffer sonst dringt mein Kolben zu tief in dir ein. Wieder diese hässliche Fotze hier überall auf Twitter. Usw. usf. Die fragen, wann ich mich endlich bei ihnen entschuldige für meine Existenz, ob ich dann mit ihnen durch Friedrichshain ziehe mit Rasierklingen.

Jetzt kommt die obligatorische Frage, warum ich mir das antue. Ja, ich kann blocken. Ich kann im Bus auch aussteigen und hoffen, dass die Person mir nicht folgt und dann zwanzig Minuten auf den nächsten Bus warten. Aber warum sollte ich das tun? Ich habe doch ein Recht darauf, da zu sein — einfach nur zu sein und in meinem reinen Dasein nicht belästigt zu werden. Warum muss ich mich selbst einschränken, um nicht belästigt zu werden. Ja, mein Profil ist öffentlich, weil ich es so will, weil es mir genau so Spaß macht — genau so wie meine physische Präsenz nun mal zwangsläufig öffentlich ist. Aber beides ist keine legitime Grundlage für Belästigung — nicht mal eine Erklärung oder Entschuldigung.

Wenn ich sage, dass ich den Kontakt nicht wünsche, muss das ausreichen, dann muss die Person diesen Respekt mir gegenüber aufweisen und mich in Ruhe lassen. Tut sie es nicht, ist es Belästigung und häuft sich diese Form von Belästigung, wird es systematisch, kann von Stalking gesprochen werden.

Auf Twitter kommt dann neben dem Einwand, es sei ja alles nur Spaß und man hätte eben keinen Humor, der Einwand, man würde seine Häme und Beleidigungen ja nur gegen die Twitterfigur richten, gegen den Account nicht gegen den realen Menschen. In gewisser Weise stimmt das auch, die Onlinepräsenz ist nicht der reale Mensch, sondern nur ein Teil dessen usw. usf. und im Hinblick auf die Kategorien Häme und Diss stimme ich diesem Einwand zu: Es richtet sich natürlich „nur“ gegen meine Inszenierung (Ich setzte das Nur in Anführungszeichen, weil häufig bei dieser Form der Belästigung falsche Rückschlüsse auf mein reales Leben gezogen werden, welche in permanenter Wiederholung ebenso Beleidigungen werden). Bei Beleidigungen, du bist hässlich, fett, du gehörst vergewaltigt, ich will meinen dicken Kolben in dich schieben, sehe ich das anders — das bedroht mich als Ganzes. Und ich will nicht bedroht werden. Weder im RL noch online. Ich will nicht angestarrt werden, ich will nicht beleidigt werden, ich will nicht jeden Tag zwanzig dreißig Nachrichten haben, die mich respektlos behandeln. Ich will nicht, dass meine Adresse gepostet wird, mit der Suggestion, man könne ja dann mal zusammen sonst was machen.

Ein anderer Kommentar ist, dass ich all das nur öffentlich mache, weil ich dadurch Aufmerksamkeit auf mich richten will, weil ich mir dadurch mehr Follower verspreche. Das ist witzig, weil die meisten meiner Follower mittlerweile schon ganz schön genervt sind — sie wollen nicht auch mit belästigt werden, sie wollen ihre Ruhe, die Welt ist schon schlimm genug, da brauchen sie nicht auch noch die Angriff gegen mich lesen. Dafür habe ich Verständnis und ich finde es okay, nicht Teil davon sein zu wollen, sich dem zu entziehen.

Ich will auch nicht Teil davon sein. Ich kann mich nicht entziehen. Und entgegen derer, die behaupten, ich sei selbst Schuld, weil ich nicht blocke: Nein, ich bin nicht selbst Schuld. Ich bin einfach nur da und ich habe ein Recht darauf, respektvoll behandelt oder im Zweifelsfall einfach ignoriert zu werden. Ich tue ja nichts anderes, als einfach nur da sein. Aber allein das reicht, um eine Gruppe von Menschen dazu zu bringen, mich zu beleidigen und zu bedrohen.

Ich werde jetzt Anzeige erstatten. Das würde man im realen Leben wahrscheinlich auch machen. Ich verlasse den Bus nicht, ich bitte lieber andere Passagiere oder den Busfahrer, mir zu helfen. Ich versuche das öffentlich zu machen, weil ich damit nicht alleine sein will. Ich gehe zum Busfahrer und bitte ihn, für mich die Polizei zu rufen. Im realen Leben würde das Konsequenzen haben. Die Person würde zur Rechenschaft gezogen. Es gäbe auch genug Zeugen.

Online passiert das alles unter dem Deckmantel der Anonymität. Ich finde Anonymität toll. Ich finde, es ist ein wichtiger Bestandteil unseres Onlinelebens — und genau dieser wichtige Bestandteil wird von diesen Personen zerstört. Sie zwingen unsere Gesellschaft über so etwas Abstoßendes wie Klarnamenpflicht nachzudenken. Das will ich nicht. Ich will keine Klarnamenpflicht, ich will Anonymität. Aber in meinem Fall gerade wird mir eben jene zum Verhängnis. Im Kontakt mit der Polizei ist Twitter bereit, die Daten der Belästiger zu übermitteln aber es fehlt an der Verschlüsselungssoftware. Das ist ein Witz. Lachen kann ich darüber nicht mehr aber wahrscheinlich liegt es daran, dass ich keinen Humor habe.

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