10 Dinge, die ich auch mit 34 nicht verstehe

Gedanken zu uns, unserer Welt und wie wir darauf leben.

1. Tech-Schrott

2012 produzierten die US-Amerikaner 9 Millionen Tonnen e-Müll. Gerade mal 25% davon wurden recycelt, der Rest landete auf Mülldeponien im In- und vor allem im Ausland. Diese Zahl aus den USA steht stellvertretend für unsere Konsumwelt, in der Geräte im Jahresrhythmus ausgetauscht werden.

Giftiger Computerabfall macht in Ghana Kinder und Jugendlichen krank.

Einige der Probleme, die zu diesen Mengen führen:

  • Ständig wechselnde Mode- und Designtrends
  • Keine Möglichkeit alte Geräte technisch aufzurüsten.
  • Geplante Obsoleszenz (Hersteller plant technischen Zerfall)
  • Reperatur ist teurer als Neuanschaffung
  • Neue Betriebssysteme brauchen mehr Hardware-Leistung
  • Geräte funktionieren untereinander nicht (Interoperabilität)

Aus den Augen aus dem Sinn: Die wohlhabende Weltbevölkerung sieht nicht, wo der ganze Elektroschrott landet und verrottet. Ergo nehmen wir es nicht als Problem ernst.

2. Steueroasen

Wer hat, dem wird gegeben.

Starbucks zahlt auch in der Schweiz keine Steuern

Die Grossunternehmen Starbucks, Apple, Amazon und Co sparen durch geschickte Steueroptimierungen allein in Europa pro Jahr 1000 Milliarden Euro. Würden diese als Steuern eingetrieben, hätte jeder Bewohner der EU pro Monat 165 Euro mehr zur Verfügung.

Einen humoristischen Umgang mit diesem Problem gibts hier. Aber warum wird dieser Missstand politisch und von uns Kunden akzeptiert?

3. Ohnmacht gegenüber Terror

Die Terrororganisation IS (Islamischer Staat) löscht ganze Dörfer aus, betreibt ethnische und religiöse Säuberung — wenige hundert Kilometer vor den Toren Europas. Dank cleverer Medienpropaganda geschieht dies vor den Augen der Welt. So auch die Enthauptungen mehrerer Journalisten. Die Empörung darüber ist gross.

Journalist James Foley, kurz vor seiner Tod.

Doch die Vereinten Nationen sind weder politisch noch militärisch in der Lage rasch auf diese Bedrohung zu reagieren. Bis der erste Lufteinsatz durch das amerikanische Militär geflogen wird, sind tausende umgekommen. Auch zu Beginn des Jahres 2015 gibt es keine “gemeinsame” Haltung und schon gar keinen effektiven Aktionsplan des Westens.

Obama schafft es im Hebst 2014 eine Resolution durch den UN-Sicherheitsrat zu bringen, mit der sich alle Mitgliedsländer zu schärferen Grenzkontrollen verpflichten. Währenddessen wir im Irak, in Syrien und anderen umliegenden Ländern weiter gemordet.

Dabei ist allen klar: Würde mit vereinten Kräften und unter Einsatz aller zur Verfügung stehenden Mitteln gegen IS vorgegangen, wäre die Terrormiliz innert Wochen bezwungen.

4. Lohnungleichheit

Frauen verdienen in der Schweiz 18,9 Prozent weniger als Männer. Sie müssen somit bis zum 9. März arbeiten, um für gleichwertige Arbeit denselben Lohn zu erhalten, den Männer schon am 31. Dezember in der Tasche haben. Frauen verdienen nicht weniger, weil sie weniger leisten, sondern weil sie für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden.

Es gibt keinen einzigen Grund, warum eine Frau bei gleicher Qualifikation und Leistung weniger verdienen soll, als ein Mann.

5. Tierhaltung

Einige Tiere leben in freier Wildbahn, andere im Zoo. Die meisten allerdings leben lediglich als Produkt der Nahrungsmittelindustrie und letztlich zum Verzehr für uns Konsumenten. (PS: Der Autor ist nicht Vegetarier).

Die Tierhaltung dieser “Nutztiere” sind in den meisten Ländern desaströs und widersprechen jedem würdevollen Umgang mit Tier und Natur. Ein paar Veganer und Biokäufer ändern daran gar nichts.

Schweine in biologischer Haltung?

Selbst in der hochentwickelten Schweiz mit einem starken Tierschutz tauchen regelmässig frappante Mängel in der Tierhaltung auf. So zeigte ein entsprechender Bericht im August 2014, dass in der Schweiz 4 von 10 Schweinen ihren Stall nur am Tag des Transports ins Schlachthaus verlassen. Gemäss der Tierrechtsorganisation TIF leben rund 750'000 Schweine (50%) ohne Tageslicht und Auslauf.

Peanuts, wenn man sich vor Augen führt, dass u.a. in China und Russland diverse Tierarten in Käfigen wachsen und sterben, welche so klein sind, dass keine Bewegung darin möglich ist.

Wir akzeptieren das.

“Our grandchildren will look back on our practice of using caged animals to assemble proteins with the same incredulousness that we apply to our ancestors’ habit of slaughtering whales to light their homes.” — Ethan Brown

6. Laissez-Faire-Justiz

Wochenende für Wochenende ziehen sich Randalierer schwarze Pullover an und kämpfen mit aggressiver Gewalt gegen andere Fans, gegen die Polizei und hinterlassen massive Sachschäden im öffentlichen Raum.

Anstatt friedlich den Triumph zu feiern, stürmten maskierte Fans den Rasen

Statt die Täter festzunehmen und zu verurteilen, werden sie bis zum nächsten öffentlichen Verkehrsmittel “begleitet”. Einige werden kurzzeitig festgenommen und anschliessend mit Mindeststrafen wieder freigelassen. (Beispiel aus St.Gallen).

Bei der Vandalen-Aktion “Reclaim the Streets” vom Dezember 2014 zog ein Mob von 200 Leuten durch Zürich, zündete Autos an, plünderte Geschäfte und verletzte mehrere Polizisten. Lediglich vier Personen konnte die Polizei festnehmen. Diese befinden sich mittlerweile aber alle wieder auf freiem Fuss. In einem Fall hat der zuständige Staatsanwalt einen Strafbefehl wegen Landfriedensbruch ausgestellt. Gegen zwei der Männer wird weiter ermittelt.

Die zunehmende Gewaltbereitschaft wird zwar immer wieder analysiert, letztlich aber ohne klare Linie als gesellschaftliches Übel angenommen.

“Gewalt ist Analphabetentum der Seele.‘‘ — Rita Süssmuth

7. Verkehrspolitik

1994 nahm das Schweizer Stimmvolk die Initiative zum Schutz der Alpen mit 52% an. Der Alpenraum sollte durch zwei Massnahmen vor den negativen Auswirkungen des Transitverkehr geschützt werden: Die Verlagerung des Transitgüterverkehrs von der Strasse auf die Schiene und den Verzicht auf einen Ausbau der Kapazität der Transitstrassen.

Die Alpeninitiative wurde am 20. Februar 1994 durch Volk und Stände angenommen.

Im Dezember 2008 hat das Eidgenössische Parlament ein Nachfolgegesetz, das so genannte Güterverkehrsverlagerungsgesetz, verabschiedet. Darin wird unter anderem festgelegt, dass im Jahr 2011 nur noch 1 Million Lastwagen die Schweizer Alpen durchqueren dürfen. Dieses Ziel wurde nicht erreicht.

Ende 2013 kapitulierte der Bundesrat: Die Verlagerung sei nicht erreichbar. Alf Arnold vom Verein Alpen-Initiative: «Das Verlagerungsziel ist nicht erreicht. Aber erreichbar ist es sehr wohl, wenn man es will.»

Wenn man es will.

Aufgrund der Verkehrsdichte auf dem Autobahnnetz droht in wenigen Jahren der Kollaps — sofern nicht einschneidende Massnahmen ergriffen werden. Mobilität ist eine der grossen Errungenschaften der letzten 100 Jahre. Der Individualverkehr wird nicht über Selbstregulierung zu steuern sein. Die Schweiz wäre aufgrund ihrer privilegierten Volkswirtschaft ein idealer Vorreiter, völlig neue ökologische und technologische Wege auszuprobieren.

8. Religion

Wir Menschen sind alle gleich.

Wir unterscheiden uns in unserer Hautfarbe, in unseren Kulturen und in unserem Glauben. Und für diese Unterschiede bekämpfen, bekriegen und töten sich die Menschen.

“Niemand wird mit dem Hass auf andere Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion geboren. Hass wird gelernt. Und wenn man Hass lernen kann, kann man auch lernen zu lieben. Denn Liebe ist ein viel natürlicheres Empfinden im Herzen eines Menschen als ihr Gegenteil.” — Nelson Mandela.
“Jeder so, wie er mag”

Niemand ist im Recht, seinen Glauben als den einzig wahren zu proklamieren. Ob es einen Gott gibt oder nicht ist nicht beantwortbar — und muss darum eine individuelle Freiheit sein. Während wir mit einem Smartphone die Sitzheizung in unserem selbstparkenden Auto fernsteuern können, sind wir punkto gegenseitiger Akzeptanz und Religionsfreiheit noch in der Steinzeit geblieben.

9. Hunger

Dieses Bild ist kaum zu ertragen. Es ist ein Symbol für Millionen von Hungernden und Unterernährten. Sie sterben — nicht weil es zu wenig zu Essen gibt. Sondern weil jede Hilfe, jeder Fortschritt, jede Entwicklung chancenlos gegen korrupte Regimes, Misswirtschaft und ethnische Kriege sind.

10. Umweltzerstörung

„Jedes kleine Stück Kunststoff, das in den letzten 50 Jahren hergestellt wurde und ins Meer gelangte, ist dort immer noch irgendwo.“ — Tony Andrady, Chemiker des amerikanischen Research Triangle Institute

Laut deutschem Umweltbundesamt befanden sich 2013 100 bis 150 Millionen Tonnen Abfälle in den Meeren, 60 % davon aus Plastik. 70 % des Abfalls sänken auf den Meeresboden, 15 % schwämmen an der Wasseroberfläche und 15 % würden an Strände gespült.

Nach Informationen des United Nations Environment Programme (UNEP) von 2005 schwimmen durchschnittlich bis zu 13.000 Plastikteilchen auf jedem Quadratkilometer Ozean.

Albatros-Küken auf Midway sterben mit Plastik-Müll im Magen.

Ein Video von den Miway Islands im Pazifik zeigt Albatrosse, die mit Plastik-Müll im Magen verenden.

Die Verursacher sind wir.

Abholzung des Regenwalds, Überfischung, Erschliessung von Naturschutzgebieten zur Ölgewinnung, Atomlager usw. — die Liste unseres Raubbaus ist lang.

Warum?

Das sind 10 Dinge, die ich auch mit 34 Jahren, gutem Reflexionsvermögen, tertiärer Ausbildung und ausreichend Kenntnissen von Wirtschaft und Politik nicht verstehe. Ist es, weil wir nur die Dinge zu ändern bereit sind, welche uns direkt betreffen und negativ beeinflussen? Ist es weil der Homo Sapiens zwar aufgrund seiner Intelligenz im Stande ist, menschenähnliche Roboter zu programmieren, diese Intelligenz aber sich nicht für den Fortbestand der Umwelt und den Frieden unter den Menschen einsetzt?

“Zuerst vor der eigenen Tür kehren”

Überall gibt es Idealisten und Organisationen, welche versuchen das “Richtige” zu tun. Das was ist in unserem kollektiven Verständnis richtig? Und wie würden wir 8 Milliarden Menschen vom “Richtigen” überzeugen?

Es erscheint unmöglich.

Der Beweis dafür sind wir selbst. Auch ich bin mit meiner Lebensweise Teil des Problems und selten der Lösung. Das zu erkennen würde zur Punkt 11 führen: Der Mensch. Ich habe ihn auch mit 34 Jahren noch nicht verstanden.

“Life has no meaning. Each of us has meaning and we bring it to life. It is a waste to be asking the question when you are the answer.” Joseph Campbell
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