Experimentell und grenzüberschreitend: Arbeiten der Druckgrafikerin Birgit Rautenberg-Sturm in ihrem Atelier „kystprik“. Foto © 2015 Kay-Christian Heine

Küstenkunst ohne Anker

25 Jahre „kystprik“: Die Druckgafikerin Birgit Rautenberg-Sturm im Porträt

Ich brauche keine Anker in meinem künstlerischen Leben“, sagt die Druckgrafikerin Birgit Rautenberg-Sturm selbstbewusst — eine Haltung, die sich zuverlässig und stark wie ein Festmacher durch ihr kreatives Schaffen zieht. Vor 25 Jahren hat sie sich in Stein im Kreis Plön für ein Leben als Künstlerin entschieden, seit 15 Jahren arbeitet sie in ihrem kleinen Atelier „kystprik“. Dort, ganz nah an der Ostsee, schafft sie unverwechselbare, maritime Kunst.

von Kay-Christian Heine (Text & Fotos)


Schon als Jugendliche hat Birgit Rautenberg-Sturm ihre ersten Radierungen an der damaligen Hochschule für Gestaltung in Bremen gedruckt und dabei erkannt, dass dies ihre Berufung sein würde, ausgelebt am liebsten an der Küste. Hier wollte sie Radierungen drucken, ein traditionelles Holzschiff segeln, einen guten Segler finden, der mit ihr zusammen „durch das Leben und die Wellen toben“ würde — und eine Tochter dazu. Alle zusammen lebten, so das Traumbild, in einem kleinen Haus am Meer. „Das war nicht gerade wenig“, räumt Birgit Rautenberg-Sturm ein, „und mit zwanzig hatte ich diesen Traum auch schon fast vergessen“. Doch er hat sich Stück für Stück erfüllt.

Ende 1989, kurz vor dem Mauerfall, zeichnete sich ihr weiterer künstlerischer Weg deutlich ab, als sie auf den Schweriner Grafiker Karlheinz Effenberger traf: „Es war der Geruch der Kupferdruckfarbe in seiner Werkstatt, der mir meine alte Drucker-Sehnsucht zurückbrachte“, erinnert sich Birgit Rautenberg-Sturm. Zwei Wochen hat sie seinerzeit mit Effenberger gearbeitet. „Er hat mir künstlerisch auf die Sprünge geholfen“, sagt sie. Karlheinz Effenberger verhalf ihr auch zu einer nagelneuen Radierpresse aus der DDR-Produktion VEB Ludwigslust. 1990 hat Birgit Rautenberg-Sturm die Maschine in den Keller ihres Steiner Hauses gestellt und dort zu drucken begonnen — das war der Beginn von „kystprik“.

Von nun an blieb Birgit Rautenberg-Sturm unbeirrt auf Kurs: Sie lernte, besuchte Workshops und bekam erste Ausstellungen in der Sylter Galerie Eglau. Die Galeristin Johanna Eglau knüpfte für sie wichtige Kontakte und bot ihr die Auseinandersetzung mit Leben und Werk der auf Sylt verstorbenen Künstlerin Valeska Gert an, woraus sich eine wichtige Schaffensphase entwickelte. Heute machen ihre ganz und gar ungewöhnliche Methodik und die aus ihnen sprechende Küstenkultur Birgit Rautenberg-Sturms Druckgrafiken begehrt bei Galeristen, Museen und Sammlern.

„salzwasser und zeit arbeiten an im meer versenkten druckplatten“

„Vor allem mein Hang zur Seefahrt und die schöpferische Auseinandersetzung mit der Tanz- und Aktionskünstlerin Valeska Gert bestimmen meine Arbeitsweise“, fasst Birgit Rautenberg-Sturm zusammen. Ihre Familie ist seit Generationen mit der Seefahrt verbunden. In ihren Grafiken verarbeitet und visualisiert sie ihre maritimen Wurzeln, Gedanken und Erfahrungen mit authentischen Materialien aus dem Meer. Dafür versenkt sie Druckplatten mit fingerdickem Teerband in grobes Leinen verschnürt für Monate in der See und lässt Salzwasser und Zeit an ihnen arbeiten. Um weitere Verbindungen mit ihrem Leben, der Seefahrt und der „kyste“ zu schaffen, komplettiert Birgit Rautenberg-Sturm ihre Drucke mit Poesie: „See auflandig, bleib weg!“ etwa oder „Leuchtfeuer gibt Zuversicht“ sind Ausdruck von Hoffnungen und Gedanken der Seeleute und Segler.

Einige Platten hingen in dänischen Gewässern, zum Beispiel in Nyord oder Marstal. Marstal ist die Partnerstadt von Elsfleth an der Weser. Als Bremer Seglerin war wiederum Elsfleth für Birgit Rautenberg-Sturm ein beliebter Hafen, weil sie dort zur See fahrende Verwandte besuchte. „So schließt sich der Kreis zu Kindheit, Familie und maritimen Traditionen“, sagt sie.

Druckplatten im Meer zu versenken ist eine einzigartige Technik unter Druckgrafikern. Damit und auch thematisch überschreitet Birgit Rautenberg-Sturm Grenzen — ebenso, wie Valeska Gert als Künstlerin Grenzen überschritten hat. „Ich will immer nur ich selber sein“, zitiert sie Birgit Rautenberg-Sturm und offenbart: „Dem bin auch ich auf meinem Weg zu meinem künstlerschen Selbst stets gefolgt.“

Für Birgit Rautenberg-Sturm ist es das größte Abenteuer, beim Drucken den Seefahrtsgeschichten, ihren Geheimnissen und Zusammenhängen auf die Spur zu kommen und Bezüge zu eigenen Erlebnissen herzustellen. Damit das gelingt, entwickelt sie ihre Technik immer weiter. Zwar versenkt sie auch heute noch Druckplatten, um, wie sie sagt, „das Meer selbst erzählen zu lassen“, aber sie druckt nicht mehr unbedingt eins zu eins von ihnen. „Nicht nur die See hat etwas zu sagen, sondern auch ich als Künstlerin“, begründet sie die Evolution ihrer Arbeitsweise, die auch Experimente und neue Thematiken umfasst.

„grosse projekte ganzheitlich zu bearbeiten, tut mir gut“

„Ich arbeite gern an größeren, zusammenhängenden Projekten, die ich gründlich recherchiere“, sagt Birgit Rautenberg-Sturm mit Blick auf das, was künstlerisch kommen soll. In Serien zu arbeiten, einem ganzheitlichen Ansatz zu folgen und mit Menschen zu sprechen, tue ihr gut. „Artist on Pilot Island“ ist so ein Projekt: Die Arbeit der im englischen Pilots genannten Lotsen fasziniert Birgit Rautenberg-Sturm seit je. Auf der Insel Schleimünde wollte sie erspüren, wie es war, wenn Lotsen bei Wind und Wetter mit Segelbooten zu den Schiffen übersetzten. Monatelang hat sich die Künstlerin in das Thema eingelesen, mit Seelotsen gesprochen und Museen besucht, bevor sie sich im Winter 2012 zwei Wochen lang im historischen Lotsenhaus auf dem eisstarren Eiland verschanzte. Ein Stipendium der „Lighthouse Foundation“ kam dafür gerade recht. „Es musste Winter sein“, sagt Rautenberg-Sturm, „das ist für die Lotsen die schwerste Zeit — und es ist dann still an der Küste.“

Auf der Lotseninsel hat sich für Birgit Rautenberg-Sturm mancher Kreis geschlossen. „Schifffahrtsweg, Lotsenwesen, Seezeichen — ich war mit meiner Kunst an der richtigen Stelle gelandet“, sagt sie. Kreise schließen sich für sie auch in der Begegnung mit anderen, der Seefahrt verbundenen Menschen: Kapitäne, Lotsen, Fischer. Wichtig ist ihr stets eines: „Mit meinen Drucken ist es wie beim Segeln: Ziel ist immer das gute Ende einer Reise.“

Der Name ihres Ateliers „kystprik“ (Position: 54° 24,9 n, 10° 15,3 e) in Sichtweite der Steilküste an der Ostsee kommt nicht von ungefähr, steht er doch, frei aus dem dänischen übersetzt, für einen Punkt an der Küste. Schon dies zeigt die feste Verbundenheit der Künstlerin mit Meer und Seefahrt. Informationen im Netz unter kystprik.de.



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