33 ungewöhnliche Tipps für besseres Schreiben

von James Altucher, übersetzt von Fabian Neidhardt

Damals im College hingen Sanket und ich in Bars rum und versuchten, Frauen anzusprechen, aber ich war schrecklich darin. Mit mir sprach niemand länger als 30 Sekunden, während die Frauen stundenlang über jeden seiner Witze zu lachen schienen. Ich denke, selbst Jahrzehnte später lachen sie immer noch über seine Witze. „Die Mädchen langweilen sich, wenn du redest, weil deine Storys zu lang sind. Ab jetzt musst du jeden zweiten Satz weglassen, wenn du eine Geschichte erzählst”, empfahl mir Sanket. Wir waren damals beide Informatikstudenten. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen, aber das war der wichtigste Rat für das Schreiben (und Kommunizieren), den ich jemals bekommen habe.

33 weitere Tipps, um ein besserer Schriftsteller zu werden.

- Schreiben Sie, was Sie wollen. Dann streichen Sie den ersten und den letzten Absatz. Hier ist das Besondere an dieser Regel: Selbst wenn Sie in die Zukunft sehen könnten, könnten Sie sie trotzdem nicht ändern. Mit anderen Worten, selbst wenn Sie diese Regel kennen, wird Ihr Artikel noch besser, wenn Sie den ersten und den letzten Absatz rausnehmen.

- Gehen Sie jeden Tag „groß” aufs Klo. Und das werden Sie auf keiner anderen Liste, wie man besser schreiben lernt, finden. Wenn Ihr Körper nicht arbeitet, kann Ihr Gehirn nicht arbeiten. Wenn es sein muss, essen Sie mehr Obst.

- Geben Sie alles in der ersten Zeile. Wir sind alle Menschen. Ein Computer kann Jeopardy gewinnen, aber trotzdem keinen Roman schreiben. Wenn Menschen sich mit Ihnen identifizieren sollen, müssen Sie menschlich sein. Penelope Trunk hat einen Post vor einigen Wochen so begonnen: „Ich zerschlug eine Lampe auf meinem Kopf. Überall war Blut. Und Glas. Und ich habe ein Bild gemacht." Sie hat alles gegeben. Meine Frau hat vor kurzem einen Post online gestellt, bei dem die erste Zeile so schmerzhaft war, dass sie ihn wieder löschen musste. Zu viele Menschen mussten weinen.

- Fragen Sie nicht um Erlaubnis. Mit anderen Worten, sagen Sie nie, „meiner Meinung nach“ oder „meiner Ansicht nach“. Wir wissen, dass es Ihre Meinung ist. Sie schreiben es.

- Schreiben Sie viel. Ich habe die gesamten 90er damit verbracht, schlechte Texte zu schreiben. Fünf schlechte Romane. Dutzende schlechter Geschichten. Aber ich habe gelernt, mit massiver Ablehnung umzugehen. Und wie man zwei Worte zusammenbringt. In meinem Kopf habe ich den Pulitzer-Preis gewonnen. Tatsächlich aber: mehr als 100 Absagen.

- Lesen Sie viel. Sie können nicht schreiben, ohne zuerst gelesen zu haben. Eine Menge. Als ich fünf schlechte Romane hintereinander geschrieben habe, habe ich den ganzen Tag gelesen, wenn ich nicht gerade geschrieben habe (ich hatte einen Job als Programmierer, in dem ich etwa fünf Minuten pro Tag etwas tat, weil all meine Programme funktionierten und ich sie nur am Laufen halten musste). Ich habe alles gelesen, was ich was ich in die Hände bekommen habe.

- Lesen Sie, bevor Sie schreiben. Bevor ich schreibe, verbringe ich jeden Tag 30-60 Minuten mit dem Lesen hochwertiger Kurzgeschichten, Gedichte oder Essays. Bücher von Denis Johnson, Miranda July, David Foster Wallace, Ariel Leve, William Vollmann, Raymond Carver, etc. All diese Autoren gehören zu dem oberen Tausendstel der oberen 1% der Autoren. Sie müssen auf diesem Level sein, sonst werden sie Ihren Schreibe nicht verbessern.

- Kaffee. Ich trinke mindestens drei Tassen, bevor ich überhaupt anfange, zu schreiben. Kein Kaffee, keine Kreativität.

- Brechen Sie die physikalischen Gesetze. Es gibt keine Zeit in Texten. Nichts muss in der richtigen Reihenfolge passieren. Machen Sie keinen Unsinn. Aber halten Sie sich nicht an die Gesetze der Physik. Ratschlag, den ich meinen Töchtern geben möchte ist ein Beispiel.

- Seien Sie ehrlich. Erzählen Sie den Leuten die Sachen, die jeder denkt, aber keiner ausspricht. Einige Leute werden wütend auf Sie sein, weil Sie das Geheimnis verraten. Aber die meisten Menschen werden es Ihnen danken. Ansonsten schaffen Sie keinen Mehrwert. Seien Sie der kleine Junge in Des Kaisers neue Kleider. Wenn Sie das nicht können, dann schreiben Sie nicht.

- Verletzen Sie niemanden. Dies widerspricht der obigen Regel. Aber ich möchte niemals jemanden verletzen. Und ich habe keinen Respekt vor Menschen, die ihre Seitenaufrufe dadurch erhalten, dass sie diese Regel brechen. Halten Sie sich an die Spielregeln. War Buddha ein schlechter Vater? handelt genau davon.

- Haben Sie keine Angst davor, was Menschen denken. Für jede einzelne Person, um um deren Meinung Sie sich Gedanken machen, können Sie 1% in der Qualität Ihrer Schreibe abziehen. Jeder hat Abzüge. Ich habe etwa 10% Abzug. Es gibt vielleicht zehn Menschen, um die ich mir Sorgen mache. Einige sind böse Menschen. Einige sind Menschen, die ich nicht beleidigen möchte. Meine Schreibe ist also nur etwa 90% von dem, was sie sein könnte. Aber ich denke, die meisten Menschen sind bei etwa 20% von dem, was sie schreiben könnten. Ob Sie es glauben oder nicht, Klienten, Kunden, Freunde, Familie werden Sie mehr lieben, wenn Sie ehrlich mit ihnen sind. Wir haben alle unsere Grenzen. Aber versuchen Sie einmal das: Erzählen Sie den Leuten bei den nächsten zehn Sachen, die Sie schreiben, etwas, das niemand von Ihnen weiß.

- Polarisieren Sie. Die meisten Leute, die ich kenne, haben zumindest zu ein oder zwei Dingen, eine starke Meinung. Schreiben Sie darüber. Niemand schert sich um die Dinge, die Ihnen quasi egal sind. Barry Ritholz erzählte mir neulich, dass er erst mit dem Schreiben beginnt, wenn er über etwas wütend ist. Das ist ein Ansatz. Barry und ich hatten ein paar tolle Schreibkämpfe, weil wir manchmal wütend auf einander waren.

- Wählen Sie eine schockierende Überschrift. Vor kurzem hab ich’s versaut. Ich wollte diesen Text „Wie ich Frauen foltere” nennen, aber ich nahm dann „Ich bin der Folter schuldig”. Ich habe den Schwanz eingezogen. Aber ich hab noch ein paar, z.B. „Ist es schlimm, dass ich mein erstes Kind abtreiben lassen wollte” (von dem mir der berühmte Howard Lindzon abgeraten hat). Vergessen Sie nicht, dass Sie gegen eine Billion andere Beiträge konkurrieren. Deshalb brauchen Sie eine Überschrift, die die Leute packt. Sonst haben Sie verloren.

- Klauen Sie. Ich meine das nicht ganz wörtlich. Aber wenn Sie merken, dass ein Thema viele Seitenaufrufe bekommt (und Sie niemandem weh tun), dann klauen Sie es, egal wer oder wie viele schon darüber geschrieben haben. An „How I Screwed Yasser Arafat out of $2mm” hat man schön gesehen, wie unglaublich populär Yasser Arafat ist.

- Bringen Sie Menschen zum Weinen. Wenn Sie jemals verliebt waren, wissen Sie, wie man weint. Bringen Sie Ihre Leser an den Punkt zurück, als sie ein Kind waren und noch das ganze Leben vor sich hatten, bis diese eine bittersüße Moment alles verändert hat. Wenn dieser eine Moment doch für immer währen würde. Bitte lassen Sie mich jetzt gleich dahin zurückreisen. Aber jetzt ist es vorbei.

- Identifizieren Sie sich mit Ihren Lesern. Das letzte Jahrzehnt war scheiße. Für jeden. Ganz Amerika hat posttraumatische Belastungsstörungen seit dem 11. September 2001 und 2008 hat es nicht besser gemacht. Ich bin in dem Jahrzehnt mehrmals pleite gegangen, hatte eine Scheidung, habe Freundschaften verloren und habe nur deshalb gerade so überlebt, weil ich hartnäckig bin und weiß, ich muss mich um zwei Kinder kümmern und gegen die Einsamkeit ankämpfen. Niemand ist perfekt. Wir versuchen es alle. Zeigen Sie den Leuten, wie Sie es versuchen und dabei stolpern. Keiner erwartet, dass Sie ein Superheld sind.

- Die Zeit heilt alle Wunden. Jeder hat etwas erlebt, über das er nicht schreiben will. Aber nach einiger Zeit geht es doch. Meine Vorsätze für 1995 sind ziemlich peinlich. Aber was soll’s. Das ist 16 Jahre her. Je weiter Sie zurückgehen, desto weniger müssen Sie sich Sorgen darüber machen, was die Leute denken.

- Riskieren Sie etwas. Fast alle diese Regeln handeln von Grenzen. Die meisten Leute gehen zu sehr auf Nummer sicher. Wenn Sie wirklich etwas riskieren und Ihre Leser das bemerken (und sie WERDEN es bemerken), dann wissen Sie, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Wenn Sie nichts riskieren, verlieren Sie schnell die Aufmerksamkeit der Leser. Dass ich auf der richtigen Spur bin, weiß ich, wenn ich etwas poste und jemand tweeted „OMFG”.

- Seien Sie lustig. Sie können alle anderen Regeln befolgen und trotzdem lustig sein. Als ich in Indien war, bin ich in meinem ersten Yoga-Kurs fast krepiert (eigentlich in jedem Yoga-Kurs). Und ich war von jedem um mich herum eingeschüchtert. Die anderen waren sowas wie Yoga-Superhelden und ich war ein Hochstapler. Also habe ich rumgeheult und die Leute haben hoffentlich gelacht. Gleichzeitig war das ein Fall, für den ich nicht einmal in meiner Vergangenheit graben musste, sondern der damals aktuell war. Wie wird man lustig? Erste Regel: Hässliche Menschen sind lustig. Ich bin von Natur aus hässlich, deshalb ist das einfach. Mach Sie sich selbst so hässlich wie möglich. Niemand will lesen, wie schön und erfolgreich Sie sind.

- Der letzte Satz muss krachen! Ihre Artikel sind bedeutungslos, wenn der letzte Satz nicht KNALLT! Lesen Sie die Kurzgeschichtensammmlung „Jesus’ Sohn” von Denis Johnson. Das ist der einzige Weg, zu lernen, wie man einen letzten Satz schreibt. Der letzte Satz sollte den Leser zum ersten Satz zurückkehren lassen und dann „BOOM!”

- Benutzen Sie Punkte. Vergessen Sie Kommas und Semikolons. Ein Punkt gibt den Lesern die Möglichkeit, innezuhalten. Ihre Sätze sollten so stark sein, dass die Leute eine Pause machen und darüber nachdenken. Gleichzeitig werden Ihre Sätze dadurch kürzer. Kurze Sätze sind gut.

- Schreiben Sie jeden Tag. Das ist Pflicht. Schreiben ist eine Übung für den Geist. Sie tauchen in sich selbst ein und schwemmen das Gift heraus. Wenn Sie das nicht jeden Tag tun, verlieren Sie die Fähigkeit dazu. Wenn Sie es jeden Tag tun, werden Sie langsam herausfinden, wo das Gift sitzt. Und die Reinigung kann beginnen.

- Schreiben Sie mit der gleichen Stimme, mit der Sie sprechen. Sie haben Ihr ganzes Leben lang gelernt, mit dieser Stimme zu kommunizieren. Warum sollten Sie sie ändern, wenn Sie über das Schreiben kommunizieren?

- Machen Sie jeden Satz wertvoll. Selbst bei einem Tweet oder einem Status-Update bei Facebook — Machen Sie jedes Wort poetisch und wertvoll. Wenn nicht, seien Sie still. (Und folgen Sie mir auf Twitter für mehr Beispiele).

- Nehmen Sie, was jeder denkt, und erforschen Sie das Gegenteil. Seien Sie nicht dagegen, einfach nur, um dagegen zu sein. Aber forschen Sie. Drehen Sie die Welt um. Und wissen Sie was? Da leben Leute in China. Sie werden oft Sachen hervorbringen, die bisher keiner gefunden hat.

- Seien Sie kreativ, haben Sie Ideen. Ich habe darüber in „Wie man der glücklichste Mensch der Welt wird” sinniert. Ihr Ideenmuskel wird innerhalb von Tagen verkümmern, wenn Sie ihn nicht trainieren. Was müssen Sie dann tun? Jeden Tag üben, bis es weh tut. Ansonsten gibt’s keine Ideen.

- Schlafen Sie acht Stunden pro Tag. Gehen Sie an mindestens vier Tagen die Woche vor 21 Uhr ins Bett. Und recken Sie sich und atmen Sie tief ein und aus, bevor Sie mit dem Schreiben beginnen. Wir nutzen wahrscheinlich nur 5% unseres Hirns. Sie müssen mindestens 6% benutzen, wenn Sie besser schreiben wollen, als die anderen. Stellen Sie also sicher, dass Ihr Hirn genug Sauerstoff abbekommt. Zu viele Menschen verschwenden wertvolle Zeit, die man zum Schreiben oder Ausruhen verwenden könnte, damit, dass sie die ganze Nacht durchquatschen.

- Schreiben Sie nicht, wenn Sie auf jemanden böse sind. Dann wird die Person, auf die Sie böse sind, Ihr Publikum. Sie müssen Ihr Publikum lieben und mit ihm flirten, damit es Ihnen genauso Liebe geben kann.

- Benutzen Sie „sagen”, anstatt eines anderen Wortes. Benutzen Sie nicht „schlug er vor” oder „schrie er”. Einfach „sagte er”. Wir werden es schon verstehen, wenn er etwas vorschlägt.

- Malen Sie. Oder zeichnen Sie. Trainieren Sie Ihre anderen Kreativmuskeln.

- Schlafen Sie drüber. Woran auch immer Sie arbeiteten, schlafen Sie drüber. Dann wachen Sie auf, strecken sich, trinken Kaffee, lesen und sehen es sich nochmal an. Schreiben Sie es um. Nehmen Sie den ein oder anderen Satz raus.

- Dann nehmen Sie noch mehr Sätze raus. Oder sowas in der Art.

Sanket wollte keinen Master machen, als wir fertig studiert hatten. Er hatte einen anderen Plan. Lass uns nach Thailand gehen, sagte er. Und für ein Jahr Mönche in einem buddhistischen Tempel werden. Wir können immer mit Thailänderinnen anbändeln, wenn wir nicht gerade für Essen betteln. Das wäre großartig und wir würden Lebenserfahrung sammeln.

Ich fand, das hörte sich gut an.

Aber dann wurde er an der University of Wisconsin angenommen und hat einen Doktor gemacht. Mittlerweile lebt er in Indien und arbeitet für Oracle. Und was mich angeht … nächste Frage bitte!

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