9 Monate in einer WG — ein Rückblick

Ihr kennt das — man hat nur noch eine Woche Zeit, um die Arbeit abzugeben, und plötzlich nach einem Putzanfall („Das Bad hatte echt mal dringend ein bisschen schrubbschrubb nötig!“) hat man einen richtig kreativen Schub, der leider nichts mit der Forschungsfrage zu tun hat. Der perfekte Zeitpunkt also, um einen neuen Blogbeitrag zu schreiben…

1. Der erste und anstrengendste Schritt: die WG-Suche

Angefangen hat alles bei einer nervtötenden Suche auf diversen Facebook-Gruppen und WG-Homepages. Nachdem ich gefühlt 100 Kurzvorstellungen und „Ist das Zimmer noch frei?“ Anfragen abgeschickt hatte, lehnte ich mich damals im November 2015 zurück und betrachtete mein Werk. Dass ich doch nicht so ordentlich und sauber bin, wie großkotzig versichert, sollte ich nur kurz danach feststellen.

Das abstrakte an dem Ganzen ist doch, dass man sich eh nicht vorstellen kann, wie die WG wohl so ist, wenn man noch nie dort gewesen ist. Ich hab zum Beispiel eine WG besichtigt, die in der Beschreibung total kuschelig und schnuckelig beschrieben wurde, und in der Realität kühl und unpersönlich war. Hm.

2. Hurra! Ich darf besichtigen kommen

Wenn man dann endlich mal eine Antwort erhält, wird es aufregend. Man wurde von einem Komitee an komplett fremden Menschen ausgesucht, um sich persönlich vorzustellen. Toll! Dresscode? Casual, just as I am. Schließlich will man ja niemandem etwas vormachen. Aber vielleicht hätte ich doch nicht in meinem Kätzchen-Onesuit aufkratzen sollen… Spaß beiseite, der zweite Schritt ist der coolste, man hat nämlich die Möglichkeit die gleichzeitig verrücktesten und nettesten Leute kennenzulernen, die man eventuell bald jeden Tag sehen wird.

Ich hatte zugegebenermaßen ziemlich Glück mit der Wohnungssuche. Mit den meisten konnte ich mir tatsächlich vorstellen, zusammenzuwohnen. Da war diese eine, die 19 war und so einen Job wie Anne Hathaway in „Der Teufel trägt Prada“ hatte. Cool!
Aber was denkt die wohl über mich als potenzielle neue Mitbewohnerin? (Wir haben dann letztendlich NICHT miteinander gewohnt…)

3. Warten auf die Antwort

Mir kommt vor, dass niemand so richtig verlässlich bei der WG-Suche/ MitbewohnerInnen-Suche ist. Vermutlich liegt das daran, dass auf eine Wohnung gefühlt 100 Interessierte kommen. Jedenfalls kann es ziemlich zermürbend sein, wenn man auf Antworten wartet, und dann kommt entweder „Sorry, du bist echt ein lieber Mensch, aber wir haben uns für jemanden anderen entschieden.“ Oder man hört halt nie wieder von den Leuten, mit denen man sich eine halbe Stunde ausgiebig unterhalten hat.

Bei mir war es Mitte November soweit — ich hatte endlich eine Zusage bekommen — und ich sollte vorbeikommen, um den Mietvertrag zu unterschreiben. Juhu, endlich ausziehen! Tschüss, Hotel Mama! Mit einem lachenden und einem weinenden Auge packte ich also meine sieben Sachen (wohl eher 70.000) und wartete auf den Tag der Tage.

4. Der Tag der Tage — der Umzugstag

Wer es schon einmal gemacht hat, weiß: der Umzugstag ist ein Wahnsinn. So viel Adrenalin wird durchgepumpt, direkt in die Muskeln zum Glück, denn man muss natürlich Kisten, Regale und Schränke schleppen. Als ich eingezogen bin, habe ich davor sicher nicht mehr als zwei Stunden geschlafen und hatte kräftige Helferleins, die fast alles alleine gemacht haben. Fein, dachte ich mir, das war’s auch schon wieder. Aber dann realisierte ich, dass ich ja noch alle Möbel zusammenschrauben und aufstellen musste. Und das, wo ich nicht der hellste Stern am Firmament des Handwerks bin.

5. Ankommen

Nach zwei Monaten stand dann alles wo es stehen sollte, und ich konnte anfangen, mich „einzuleben“. Wo steht nochmal das Salz? Achja, und haben wir einen Staubsauger? Ich ging während dieser Zeit oft eine Runde spazieren, um mir die neue Umgebung genauer anzusehen. Ich weiß noch, dass ich ganz überfordert war, von den vielen neuen Sinneseindrücken, obwohl ich ja in derselben Stadt geblieben war. Aber andere Bezirke, andere Ti… äh… Tischmanieren!

6. Das WG-Leben: Mitternachtsgespräche, Klo-Gang-Rituale und Spielabende

Erfahrungen, die man in Wohngemeinschaften sammelt, sind extrem nützlich fürs „Erwachsenwerden“. Die meisten meiner neuen Lebensweisheiten sammelte ich nächtens bei einem Sit-In mit den Zimmernachbarn, die ihre abartigsten Geschichten auspackten. Und als sie dann gewisse Infos über mich erfuhren, war das Eis für immer gebrochen.

Den besten Tipp, den ich in meiner WG bekommen hab, war, wie ich mein Geschäft verrichten solle. Auch der Bestseller „Darm mit Charme“ von Giulia Enders spricht vom Hocken auf der Klobrille! Aber genug von diesem uncharmanten Thema. (Probiert es aus, ehrlich!)

Meine WG war durch und durch eine „Siedler-WG“. Ich hatte davor nur ein einziges Mal Siedler gespielt, und wurde in meiner ersten WG-Runde auch gleich ziemlich abgezockt. Das beleidigte mich so sehr, dass ich danach nur noch ein einziges Mal spielte, diesmal zwar erfolgreicher, aber trotzdem war ich weit entfernt von den 8 Siegespunkten. (Sind es 8? Klärt mich auf!)

Wir haben für 100 Makis circa drei Stunden gebraucht. Aber es war so gut!

7. Die Kommunikation: Zettelbotschaften und „He, könntest du auch mal das Klo putzen?“

In meiner WG war es irgendwie üblich, sich kleine Erinnerungszettel zu schreiben. Hier eine Liste meiner Lieblings-Botschaften:

· Wieso sieht die Küche eigentlich schon wieder so SCHEISSE aus?

· Game of Thrones — Screening MO 21h @ my place! Wer als Khaleesi verkleidet kommt, kriegt ein Zuckerl!

· Der Installateur hat gesagt, wenn der Druck der Therme unter 1 sinkt, müssen wir DIESEN roten Hebel ziehen!

· Bitte essen

Und das mit dem Klo putzen war immer so eine Unangenehmlichkeit. Aber was soll’s, am besten, man bringt es schnell hinter sich!

8. Was ich an meiner WG am meisten vermisse

Ich wohne seit einem Monat alleine, nur ich, 30 Quadratmeter und nur dreckige Töpfe von mir. Die Ruhe genieße ich. Sehr. Aber dennoch gibt es Dinge, die ich vermisse.

Manchmal fand ich es einfach schön, nach Hause zu kommen, zu rufen „Ich bin wieder daaaa!“ und aus einem der Zimmer schallmeite mir ein „Haaalloooo!“ entgegen. Es ist vermutlich schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich für einen interessieren.

Ich vermisse die Nähabende, an denen wir gemeinsam die Löcher unserer Hosen stopften und uns aus unserem Leben erzählten. Ich vermisse die Nebeneinander-Zähnputz-Geräusche, die Unter-der-Dusch-Sing-Klänge und die Noch-Nie-Gehörte-Musik aus dem Nebenzimmer. (Die spanische Tango-Gitarren-CD kann ich auch schon mitsummen, thanks for nothing, F.)

9. Schluss-Wort

Nach 9 Monaten war Schluss (weil die WG aufgelöst wird) und ich musste mein Heim verlassen. Ein neues Abenteuer, ganz alleine in einer Wohnung, nach einer lustigen, geselligen Fünfer-WG.

Ich habe Sachen gelernt, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie zu einem Problem werden könnten. Ich habe Stöhnen aller Arten gehört und Kuschel-Onesuits aller Arten kennengelernt. Ich habe verschimmelte Lebensmittel aus dem Kühlschrank und Haare aus dem Abfluss gefischt.

Ich habe mit vier herzigen, super unterschiedlichen und interessanten Menschen zusammengewohnt (und ganz vielen anderen, die für kürzere Perioden da waren) und einiges an Lebenserfahrung gesammelt.

Ich kenne die WG-Horrorstorys und bin immer wieder froh, dass ich es scheinbar doch ganz gut erwischt habe. Aber es ist auch schön, einzuschlafen, ohne drei Mal wieder aufzuschrecken, weil jemand in der Nacht heimkommt und bis halb 3 in der Früh Gäste beherbergt. Ja, das warst auch du, F.! :)

Aber das hat F als Abschiedsgeschenk von uns bekommen :)
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