Abwesenheitsnotiz

Vor einer Weile las ich die Aussage einer asexuellen Person, dass Asexualität insofern vergleichsweise unproblematisch sei, als die Abweichung von der selbstverständlichen gesellschaftlichen Annahme flächendeckender Heterosexualität nicht sichtbar werde. Asexuelle Menschen müssten sich folglich auch nicht outen, weil ihr Nicht-Outing keine Einschränkung ihres Lebens bedeute und ihr Outing somit keinen Gewinn für sie oder irgendwen darstellt. Eine Absenz könne und müsse nicht versteckt werden.

Dann lese ich von Eltern, die dagegen demonstrieren, dass ihre Kinder in der Schule über andere als heterosexuelle Begehrensformen aufgeklärt werden. Dahinter steht die Annahme, dass nichtheterosexuelle Menschen irgendwelche Perversen „da draußen” sind und nicht, Gott bewahre, die eigenen Kinder. (Eigentlich überflüssig zu sagen: Diese Rechnung geht nicht auf.)

Angeblich asexuelle Figuren aus zeitgenössischen Serien (unvollständige Liste): Sherlock Holmes in Sherlock, Sheldon Cooper in The Big Bang Theory, Dexter Morgan in Dexter. Diesen Figuren ist außerdem gemein, dass sie explizit als sozial gestört dargestellt werden, was gleichzeitig die primäre „Ursache“ ihrer Asexualität ist — sie verzichten auch sonst auf romantische Beziehungen oder verhalten sich in ihnen unkonventionell. Der Soziopath, das sozial inadäquate Genie und der Serienmörder sind auch in ihren restlichen Charakteristika so weit von der Norm entfernt, dass Asexualität als weiteres Defizit, als Unvermögen, mit einem anderen Menschen wahrhaftig in Kontakt zu treten oder dies zu wünschen, nur noch ein kleines Sahnehäubchen auf der Überzeichnung des totalen Outsiders ist. Weibliche Asexualität wird dagegen als Überbleibsel traumatischer Erfahrung dargestellt und ist damit auch auf einen Ausnahmezustand reduziert und pathologisiert. Mir ist keine positive, nicht pathologisierende, explizite/bewusste Darstellung von Asexualität in mainstreamigen Medien bekannt.

Ich bin nicht sicher, was also unproblematisch daran ist, wenn niemand jemals sagt, dass es okay ist, kein sexuelles Begehren zu empfinden und Repräsentation von Asexualität besondernd und pathologisierend ist. @sanczny schrieb neulich zur Diskussion, ob Asexualität queer ist, obligatorische Heterosexualität bedeute auch obligatorische Sexualität. Begehren, das nicht hetero ist, ist in unserer Gesellschaft wenn überhaupt sofort hypervisible, während manche asexuellen Menschen als brave Heteros durchgehen können — angeschissen ist, wer nicht so gelesen wird, es gibt ja auch homo- oder panromantische Asexuelle; aber da ist dann nicht die Asexualität dasjenige, woran die bigots Anstoß nehmen. Auch geoutete Asexualität lässt sich leicht wieder in den Schrank bugsieren. Es ist nur eine Phase, der*die richtige Partner*in fehlte bisher, prüde, verklemmt, krank. Das sind alles Unsichtbarkeitsflüche, die die heterosexuelle Norm beschützen. Asexualität fordert Heterosexualität weniger heraus als Homosexualität, weil Asexualität die Fantasie erlaubt, die Person könne noch auf den rechten Weg finden. Deshalb lässt sie sich auch so gut als quirk von verschrobenen Charakteren verwursten und bleibt dabei relativ unbedrohlich. Asexualität zeigt kein alternatives Begehren, vor dem sich schön gegraust werden kann, sondern zeigt einfach nichts. Nichts mit der Aussicht auf Etwas, in oben genannten Seriendarstellungen. Es ist ein Warten auf den Tag, an dem Sheldon endlich mit Amy, und Sherlock mit Irene (aber bitte nicht mit John) — und Dexter hat ja dankenswerterweise dann mit Rita (Überlebende einer Vergewaltigung) und Hannah (selbst Mörderin), annähernd normal … Wir müssten überhaupt alle nur normal werden, dann kommt das Happy Ending oder wenigstens die Chance darauf. Das ist das übermächtige Narrativ, und da sehe ich keinen Unterschied zwischen Leben und Medien oder wie auch immer das Paar heißt. Die laienhafte Medienwirkungsforschung stellt ja gern die Behauptung auf, die Darstellung des Unnormalen in Serien, Computerspielen, Filmen (und dann jetzt im Schulunterricht) sei ein schlechtes Vorbild. Mir kommt es andersrum vor, das Normale lässt mich nicht einmal in der Fiktion in Frieden, ist mir erdrückendes Vorbild — aber wieso sollten für menschengemachte Geschichten andere Regeln gelten als für menschengemachte Gesellschaften. Hey, es gibt Indie-Webcomics mit asexuellen Charakteren! Die Mainstream-Fiktion leiert währenddessen gebetsmühlenartig das vor, was sowieso schon ist, sicherheitshalber. Ich las mal, dass Fantasy (neben Lehrplänen for sure) das konservativste Genre überhaupt ist und habe keine Zweifel daran, obwohl es so paradox klingt. Die Zukunft oder Fantasie soll eben am liebsten doch wie die Vergangenheit aussehen, okay, mit Drachen. Wir können uns eine Welt mit Drachen vorstellen, aber keine mit Gerechtigkeit. Das wäre wirklich zu absurd. Und überhaupt ist es doch Fiktion bzw. vom Mittelalter inspiriert, das war damals so.

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