Als Schreibender mit Kritik umgehen

von Bastian Wilkat


“Das hat mir Journalismus nichts zu tun”, schrieb neulich jemand als Kommentar zu einem Artikel von mir. Der Kommentator führte danach weiter aus, weshalb er das so sieht. Es wurde eine umfangreiche Kritik.

Ich war erstmal überrascht. Denn nichts von dem was er kritisierte, würde ich beim nächsten mal anders machen — da ich nunmal kein Journalist bin und auch nicht journalistisch arbeite.

Aus verschiedenen Gründen hat sich die Erwartungshaltung des Lesers nicht erfüllt. Und ich kam ins Grübeln. Die Inhalte der Kritik waren nämlich durch die Bank wertvoll. Aber trafen eben nicht zu.

Meiner Meinung nach sollte man dankbar für Kritiken jeder Art sein. Bieten sie doch meist Ansätze zu lernen und besser zu werden. Doch manchmal gehen auch mir Kritiken näher als ich eigentlich möchte.

Mittlerweile habe ich ein paar Denkansätze, die mir helfen, besser mit Kritik umzugehen. Diese habe ich mal aufgeschrieben. Vielleicht helfen sie auch anderen Schreibenden (oder Personen, die sich durch Veröffentlichungen angreifbar machen).

1. Handelt es sich um sachliche oder unsachliche Kritik?

Wenn ich sehe, dass es jemand um das Kritisieren an sich geht und auch persönlich angreift, hake ich diesen Kommentar einfach ab. Dazu sage ich mir einfach: “Danke für diesen Beitrag.”

Wenn es sachliche Kritik ist, nehme ich den Kommentar wohlwollend zur Kenntnis. Ich versuche es zumindest. Wenn es doch sehr hart ist, vergegenwärtige ich mir:

2. Kritik auf fertige Texte wirkt immer stärker

Ob es Texte, Produkte oder Ideen sind: Je früher man sich Feedback einholt, umso konstruktiver wirkt es. Wenn man 15 Minuten in eine Textoutline investiert und dann jemanden um seine Einschätzung dazu bittet, lassen sich die Vorschläge einfach einarbeiten.

Wenn ich aber nach sechs bis zehnstündiger Arbeit einen Artikel veröffentliche und jemand holt mit der Kritikkeule aus, dann kann ich für den aktuellen Text nichts mehr machen. Die Kritik wirkt ziemlich hart.

Daraus leite ich mir gedanklich immer ab: Selbst ein veröffentlichter Text ist immer nur so gut, wie er im Moment der Veröffentlichung war. Er ist das Beste, was ich unter den gegebenen Umständen liefern konnte. Ich versuche ihn als einen Teilschritt (sozusagen einen Prototypen) auf dem Weg zum nächsten besseren Text zu sehen.

3. Konnten die Erwartungen des Kritikers überhaupt erfüllt werden?

In der Einleitung steht es ja bereits: Manchmal ist es unmöglich die Erwartungen der Leser zu treffen.

Wenn ein nicht journalistischer Artikel in einem Magazin veröffentlicht wird, das üblicherweise journalistische Texte publiziert, dann liegt diese Unmöglichkeit vor.

Da kann man erstmal nichts machen. Außer daraus lernen. Das nächste mal sollte ich entsprechenden Artikel vielleicht als Kolumne bezeichnen. Oder ich stelle in der Einleitung stärker heraus, was die Leser erwarten können und was nicht.

4. Eine Vertrauensperson um Einschätzung und Übersetzung der Kritik bitten

Für mich ist das ein sehr wirkungsvolles Werkzeug. Vertrauenspersonen können Freunde, Fachkollegen, Bekannte oder auch der eigene Partner sein. Sie müssen sich im Thema des kritisierten Artikels nicht einmal besonders auskennen.

Mir hilft es enorm, wenn meine Vertrauensperson einfach aus ihrer Sicht die Kritik nacherzählt. Warum das funktioniert, weiß ich nicht. Vermutlich, weil ich dann einen Menschen vor mir habe und nicht nur den kalten Text einer Kommentarspalte.

5. Für einen Moment ist man der Mittelpunkt des Kritikers

Insbesondere bei unsachlicher Kritik, die mir nahe geht, vergegenwärtige ich mir, dass man anscheinend so wichtig war, dass sich jemand die Zeit nimmt, einen Kommentar zu verfassen. Das wertschätze ich.

Und wenn der Inhalt noch so irrelevant sein kann. Man scheint was in einer Person bewegt zu haben. Das ist doch was oder?

6. Wenn einem eine unsachliche Kritik nahe geht: Nicht reagieren und 48 Stunden warten


“Absoluter Quatsch. Ich zahle dir 5000€ wenn du aufhörst deinen Mist zu verbreiten.” Das musste ich zum Glück noch nicht lesen. Für Personen ab einer gewissen Reichweite ist das jedoch ganz normal.

Auf einer Konferenz sprach ich mit einem ziemlich erfolgreichen Autoren, der ebenfalls im Internet publiziert. Seine Antwort auf die Frage nach dem Umgang mit richtig harter und unsachlicher Kritik:

Lies’ sie auf jeden Fall. Und dann warte einfach 48 Stunden und der Ärger ist verflogen. Antworte am besten nicht auf den Kommentar, sonst bekommst du eine Antwort und es dauert dann ebenfalls 48 Stunden bis du dich wieder entspannst. Ich bin nach wie vor enttäuscht, wenn ich Kommentare erhalte, die unter die Gürtellinie gehen. Mittlerweile dauert’s bei mir aber nur noch einen Tag, bis ich ihn schon wieder vergessen habe.

Vielen Dank fürs Lesen!

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