Bilder des Krieges zeigen?


Als die Konzentrationslager des Nazi-Deutschlands befreit wurden, entschieden einige Befreier, Anwohner mit der Realität zu konfrontieren. So beschlossen die Amerikaner, etwa 1.000 Einwohner der Stadt Weimar in das KZ Buchenwald zu führen und ihnen Leichenbergen im KZ Buchenwald (siehe z.B. Wikipedia). Die Mehrheit dieser Bürger behauptete, nichts oder zumindest nichts Näheres von den Vorgängen im Lager gewusst zu haben. Sicher war es brutal. Sicher hatten einige einen Schock für das Leben danach. Aber ich halte es für richtig. Denn vielleicht wollten sie es gar nicht wissen. Und das ist das Schlimmste überhaupt: Die Augen vor dem Grauen und der Brutalität vor der eigenen Haustür zu verschliessen und anschliessend behaupten, nichts davon gewusst zu haben.

Gestern ertrank ein kleiner Junge, drei Jahre alt, im Meer. Er wurde an die türkische Küste geschwemmt. Er wurde fotografiert. Das Foto wird nun überall veröffentlicht. Es bewegt uns zutiefst. Jetzt sehen wir, was an der Haustür Europas, an unserer Haustür geschieht. Zwar wussten wir es vorher schon, aber jetzt haben wir es gesehen. Und zum Glück gab es keine Triggerwarnung, denn sonst könnten wieder viel zu viele behaupten, sie haben es nicht gewusst.

Ich bin hin und her gerissen, ob es pietätlos ist, Fotos von toten Kindern zu veröffentlichen. Natürlich ist es schlimm. Aber erst die Fotos der Leichenberge der KZs haben bewegt. Vielleicht bewegt das Foto eines toten Kindes vor unserer Haustür endlich genug, damit sich etwas ändert. Daher: Ja, es mag vielleicht pietätlos sein — aber es ist meines Erachtens notwendig. So wie es notwendig war, die Toten der KZs zu fotografieren und auch heute noch zu zeigen.

Gestern war die “Bild” eine der ersten deutschen Medien, die das Bild veröffentlichte. Sie schrieb:

(…) Wir ertragen sie (die Bilder) nicht mehr, aber wir wollen, wir müssen sie zeigen, denn sie dokumentieren das historische Versagen unserer Zivilisation in dieser Flüchtlingskrise. Europa, dieser unermesslich reiche Kontinent, macht sich schuldig, wenn wir weiter zulassen, dass Kinder an unseren Küsten ertrinken. (…)

Genau darum geht es. Wir müssen sie zeigen, denn das ist es, dessen wir uns in diesem Augenblick schuldig machen. Und gerade der Bild ist es hoch anzurechnen, denn ihre Leserschaft zu erreichen, ist bei solchen Themen normalerweise eher schwierig — aber zwingend.


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