Das Ikarus-Prinzip. (Fahr zur Hölle, Daedalus!)

Foto: Depositphotos.com/ankarb

Heute räume ich mit dem Ikarus-Mythos auf, der uns Menschen in die Schranken weist, nicht den Göttern nachzueifern.

Zu diesem Text gibt es einen Soundtrack: Iron Maiden, The Flight of Icarus, je nach Lesegeschwindigkeit bitte mehrmals wiederholen.

Papa Daedalus und Junior Ikarus saßen im Labyrinth des kretischen Kultkönigs Minos. Die beiden wollten nicht bis ans Ende ihrer Tage im Minotaurus-Kostüm posieren und rote Fäden um Ariadne-Figürchen wickeln. Doch Landweg (Labyrinth) und Seeweg (Minos’ Flotte) waren ihnen versperrt. Da bastelte der weise Daedalus Flügel aus Federn, Wachs und Holz, mit denen die beiden ihrem Gefängnis auf dem Luftweg entkommen konnten.

„Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund“, sagte Vater Daedalus zu Sohn Ikarus. Ein legendärer Satz, den Jahrhunderte später Nicole Hohloch („Ein bisschen Frieden“) eindrucksvoll vertonen sollte.

Um es etwas zu verkomplizieren, verbot er ihm auch noch, zu tief zu fliegen. Technisch betrachtet hatte der alte Herr selbstredend Recht: Sowohl die Hitze der Sonne (zu hoch), als auch die kühle Feuchtigkeit des Meeres (zu tief) waren echte Gefahren für das labile Fluggerät der beiden.

Der Ausgang ist bekannt. Der jugendliche Ikarus flog zu hoch, das Wachs schmolz, er ließ ordentlich Federn und stürzte aus hoher Höhe ins ägäische Meer.

Der reiche Schatz antiker Mythen hat unsere Zivilisation, unser Denken, unser Wertesystem nachhaltig geprägt. Doch Obacht, denn die Mythen dienten Jahrtausende dazu, bestehende Strukturen zwischen Göttern und Menschen zu verfestigen. Dabei ist es gleichgültig, ob die Götter eine Krone, eine Mitra oder einen Doktorhut tragen.

Ikarus steht für jugendlichen Hochmut, für tödliche Tollkühnheit, für Maßlosigkeit — und für Freiheit. Diese tragische Episode und alle Ableitungen daraus weisen all jene in die Schranken, die sich über die Grenzen tradierter Herrschaftsstrukturen hinauswagen. Das Ikarus-Prinzip ist eine Erfindung hierarchisch strukturierter Moralinstanzen.

Was bedeutet das in unserem Alltag? Wie oft wagen wir es nicht, uns über eine positive Entwicklung von Herzen zu freuen, weil wir fürchten, dass es allzu bald zu Ende sein könnte: „Ja, schön ist das, doch bald wird es wieder vorbei sein!“ Schließlich, unser Sprichwortschatz ist voller Ikarus-Anspielungen, kommt ja Hochmut vor dem Fall.

  • Was bekommt ein Mensch zu hören, der sich unbändig über etwas freut, wie wild umherspringt und jubiliert, die ganze Welt in seinem Glück umarmen möchte? „Dir geht’s wohl zu gut“.
  • Kennen Sie auch Menschen, die gerade erst im Urlaubshotel ankommen und „schade, dass wir nur 14 Tage bleiben“ seufzen?
  • Und wussten Sie, dass über 70 Prozent aller Eltern immer wieder mal Horror-Visionen bekommen, wenn sie ihre Kinder im Schlaf betrachten?

Ikarus Schicksal soll uns lehren, angeblich systemimmanente Grenzen bedingungslos und ungeprüft zu akzeptieren. Daedalus ist die Gallionsfigur des Totalitarismus. Und so lange die Geschichte in unseren Köpfen lebt, ist keine Aufklärung möglich.

Ich kenne eine wunderbare Hausfrau, die von ihrem Festbraten immer rechts und links ein Stück abschnitt, bevor sie ihn in den riesigen Bräter legte. Dies fiel ihrer Enkelin auf: „Oma, warum schneidest du immer rechts und links ein Stück des Bratens ab?“ Keine Ahnung, das habe sie von ihrer Mutter so übernommen. Ihre Mutter war noch am Leben, so dass sie die Frage der Kleinen schließlich beantworten konnte: „Ganz einfach, er hätte sonst nicht in meinen Topf gepasst!“

Das Ikarus-Prinzip ist die Sektsteuer moralischer Instanzen. Längst gilt es nicht mehr, kaiserliche Flotten zu finanzieren und doch schafft sie keiner ab.

Nun liegt mir nichts ferner, als väterliche Autorität und Kompetenz in Frage zu stellen. Aber diese Daedalus-Ikarus-Nummer baut uns ein Gefängnis, aus dem wir uns schnellstmöglich befreien sollten. Mein Lieblings-Ausdruck dieser verhängnisvollen Limitierung: „Klopf auf Holz!“ Es klopft auf Holz (oder berührt wahlweise seine Genitalien (nur Männer)), wer im Grunde seines Herzens befürchtet, dass ein positiver Zustand sich automatisch in einen negativen wandeln wird. Als gäbe es ein Naturgesetz, dass dem Guten, dem Erfolg, der Liebe, verbietet, zu bleiben, als folge zwangsläufig auf Sonnenschein wieder Regen.

Es ist ein Pakt mit dem Teufel. Wie bei Faust:

Und Schlag auf Schlag!
Werd’ ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Hältst du einmal inne und freust dich des Lebens, fährst du in die Hölle. Tatsächlich? Mit wie viel mehr Mut könnten wir unsere Aufgaben — im ganz Großen und im ganz Kleinen — angehen, wenn wir nicht einen großen Teil dieses Mutes bräuchten, um der Angst vor dem sicheren Scheitern etwas entgegen zu stellen!

Es gibt in der Geschichte der Menschheit und im Erleben eines jeden Einzelnen große und kleine Beispiele von Menschen, die über Grenzen gegangen und Großes geleistet haben. Jeder, der sich ohne Furcht seines Erfolges freut, schlägt dem Teufel ein Schnippchen. Sie haben Daedalus in die Hölle geschickt und Ikarus gerettet. Mal unter uns: So schwer ist das gar nicht.

Ich klopfe nicht mehr auf Holz. Wenn es gut läuft, darf es so bleiben. Und wenn es einmal nicht mehr gut laufen sollte, dann bestimmt nicht als Rache des Schicksals. Der Preis des Erfolges ist nicht ihm folgender Misserfolg, sondern Engagement, Fokussierung und Qualität. Und der Preis des Erfolges muss immer im Voraus bezahlt werden.

tldr; Es ist keine gute Idee, mit wachsverklebtem Fluggerät zu nah an eine Wärmequelle zu fliegen. Doch eine physikalische Metapher darf unsere geistige, moralische und seelische Welt nicht einzäunen.

Das habe ich für Guidos Wochenpost geschrieben. Menschen lesen dies, freuen sich darüber und erzählen es weiter. Bitte hier selbst anmelden …


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