© Book of Eli

Deutschland, du langweilige Social Media Wüste

Ein Aufruf zu mehr Mut, Innovation und Risikobereitschaft.

Ich bin gelangweilt. Egal ob Facebook, Twitter oder Google+: Was ihr, liebe Unternehmen, hierzulande in den sozialen Netzwerken abliefert, ist so spannend, wie sich alle 111 Rosamunde Pilcher Filme hintereinander anzusehen (ja, ich habe genau recherchiert).

Die Zeiten der Überraschungen sind vorbei. “Hey, wir haben eine neue Facebook-App, mit der du unglaublich tolle Dinge wie diesen Kuli gewinnen kannst”. Wow. Das mag vor zwei Jahren noch großes Kino gewesen sein, heutzutage machen es alle. Wie 3D-Filme, deren Effekte den Aufpreis von gefühlt 10 Euro überhaupt nicht rechtfertigen.

Schockiert musste ich feststellen, dass SIXT allen Ernstes am 27.07 versuchte, mit der “Wenn dieses Bild 1. Mio Likes bekommt dann…”-Masche mich und 173k andere Fans zum Mitmachen zu bewegen. Mutig? Nein! Einfallslos? Hoch 10! Glücklicherweise wurde das Ganze mit purer Ignoranz abgestraft. Okay, 10.000 klickten dennoch auf “Gefällt Mir”, was ich auf den allgemeinen Klicktrott schiebe. An sich fand ich die Aktionen damals, als sie populär wurden, recht witzig und ich konnte bei meinem damaligen Arbeitgeber mit einer Adaption dessen einen netten Erfolg verbuchen. Doch selbst damals war es schon nicht mehr wirklich innovativ.


Probleme.

Woran liegt es, dass wir hierzulande immer noch mit “Teile den Beitrag um zu gewinnen”-Beiträgen oder lustigen geklauten Bildern, die schon von 9GAG geklaut wurden, jeden verdammten Tag zugemüllt werden? Ich sehe fünf Hauptursachen für das Problem.

  1. Neophobie. Wir in Deutschland sind Neophobiker (Als Neophobie (lat.: Neophobia) wird die Angst vor etwas Neuem, unbekannten Situationen, neuartigen Dingen oder fremden Personen bezeichnet). Ich erinnere mich da gerne an 2009, als alle meine Freunde auf StudiVZ abhingen und man seinen Charakter durch lustige Gruppen zum Ausdruck brachte. Damals meldete ich mich bei Facebook an und versuchte die StudiVZler zum Wechsel zu bewegen, jedoch vergeblich. Erst als eine große Masse an Menschen gemerkt hatte, dass das zuckerbergsche Netzwerk eigentlich ganz nett ist, kamen sie aus ihren Höhlen heraus. Und heute? Sind alle von Anfang an bei Facebook gewesen. Und natürlich ist Google+ deshalb blöd.
  2. Die falsche Beratung. Liebe Unternehmen, gebt der jungen Generation eine Chance. Ich sehe leider immer noch Social Media Berater Ü40, die vorher 20 Jahre lang im Sales-Bereich gearbeitet haben und nun versuchen, ihr dort erlangtes Wissen auch in die sozialen Netzwerke zu pumpen. Aus finanziellen Interessen werden dem Kunden unnötige Apps und noch unnötigere Konzepte ins Ohr gelutscht, die schon vor einem Jahr nicht mehr funktioniert haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass man den Innovationsmangel beseitigen könnte, in dem man einen echten digitalen Eingeborenen beschäftigt, der sich im #Neuland vollkommen zu Hause fühlt. Dennoch entscheiden sich viele Unternehmen gegen die Junioren und setzen lieber auf die Alte Herren Mannschaft. Warum? Hallo Neophobie, da bist du ja wieder!
    Was dazu kommt: Social Media Manager Zertifikate.
    Grrr! Ich verstehe das einfach nicht. Heutzutage kann man selbst in Posemuckel einen Lehrgang besuchen, um am Ende eine schöne Urkunde samt Social Media Manager Zertifikat zu erhalten. Oh mein Gott. Da geben Menschen Geld dafür aus, damit ihnen andere Menschen erzählen, wie sie mit anderen Menschen am besten zu sprechen haben. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie der gemeine Leser vielleicht schon festgestellt haben dürfte, halte ich überhaupt nichts von diesen Zertifikaten. Theorie schön und gut, aber a) wird hier nur in guter alter Copy & Paste Manier das wiedergegeben, was der Dozent vorgibt und b) hilft das schönste Zertifikat nicht weiter, wenn in der Praxis dann der allmächtige Kacksturm über die betreute Facebook-Seite des Kunden hineinbricht.
  3. Zu viel Werbung. “WIR HABEN EIN NEUES PRODUKT. KAUF ES DIR JETZT. ODER JETZT. ODER JETZT!” Dieser Punkt muss leider auch nach drei Jahren immer noch erwähnt werden. Liebe Unternehmen, ich weiß, dass ihr von etwas leben müsst. Aber erspart mir und den Millionen anderen Menschen auf sozialen Netzwerken eure extrem billige Werbung. Wenn ihr wollt, dass ich eure Produkte kaufe, überzeugt mich und spielt nicht den Marktschreier, der verzweifelt versucht, seine langweiligen Fische an den Mann oder die Frau zu bringen.
  4. Keine Zeit. Das wohl dümmste Argument. Wer keine Zeit hat, seine sozialen Kanäle zu betreuen, sollte es lassen. Einen toten Account finde ich oftmals viel schlimmer, als wen das betreffende Unternehmen überhaupt gar keine soziale Anlaufstelle hat. Oft ist das Argument “Keine Zeit” auch nur eine Ausrede für die eigene Faulheit. Warum sich Gedanken machen, wenn man auch ganz einfach die Strategie der Konkurrenz / der amerikanischen Vorbilder kopieren und für die eigenen Zwecke einsetzen kann?
  5. Asoziale Netzwerke. In den letzten Jahren sind die Gepflogenheiten in den sozialen Netzwerken immer weiter abgerutscht. Sobald man eine andere Meinung als die breite Masse hat, gibt es großes, negatives Feedback. Und wie reagiert der zertifizierte Otto-Normal-Social-Media-Manager aus Posemuckel darauf? Richtig: “Scheiß auf Innovation, ich setze lieber auf Gewinnspiele, da meckert keiner!” Doch das ist genau der falsche Weg, mit der — vor allem oft — unsachlichen Kritik umzugehen. Teilweise geht es so weit, dass die Fans durch ihr Gemecker die Inhalte auf der jeweiligen Seite bestimmen. Doch das kann und darf nicht die Lösung sein.

Auswege.

Ich bin ein großer Fan von TV-Kommentator-Liebling Frank Buschmann. Wieso? Weil er zum einen großartige und authentische Social Media Arbeit leistet. Zum anderen lässt er sich von den Meckerfans überhaupt nichts vorschreiben und gibt ihnen ordentlich Contra, wie in dem nachfolgenden Post:

Ich bin total enttäuscht! Mir ist völlig egal, ob hier jetzt 1000 Leute abspringen. Aber soviel Mist, wie unter meinem vorigen Post, habe ich selten, nein nie, auf dieser Seite erlebt. Ich lösche das bewusst nicht. Vielleicht schmeißen einige doch mal ihr Hirn an… Was hat der Respekt, den Hoffenheim Vukcevic zollt, mit Eurer generellen Abneigung dem Club gegenüber zu tun. Ich bin echt sauer! Da habe ich lieber weniger Leute hier auf der Seite, als verblendete Trolle.
(Hintergrund: Frank Buschmann hatte seine Sympathien für den wegen seiner Finanzpolitik in Fankreisen verschrieenen Bundesligist Hoffenheim geäußert, weil dieser den verletzten Spieler Vuckevic trotzt ungewissen Heilungsverlauf in den Kader aufgenommen hatte.)

Doch das soll nur ein kurzer Exkurs ein. Ich habe Probleme angesprochen und möchte auch Lösungen bieten.

  1. Lösung gegen Neophobie:
    Mut. Mut. Mut. Klar, als Unternehmen kann man je nach Größe und Ruf nicht alles machen. Dennoch lohnt es sich, auch mal vom Mittelweg abzuweichen und etwas anderes zu probieren. Läuft es gut, werden es die Fans und Kunden danken und wenn es schlecht läuft, hat man es zumindest versucht und kann viel Neues lernen.
  2. Lösung gegen falsche Expertise:
    Natürliche Expertise.
    Vergesst die zu hoch bezahlten Berater und Quacksalber. Zerreißt die ach so tollen Zertifikate. Lieber auf junge Talente aus den eigenen Reihen setzen und auf deren natürlichen Erfahrungen als Digital Native vertrauen. Kommt bei den Kunden gut an, wenn man es authentisch kommuniziert.
  3. Lösung gegen zu viel Werbung:
    Geile Werbung.
    Begeistert durch coole Werbung. Werbung im Sinne von Aktionen, Ideen, Innovationen.Das Marktschreierprinzip funktioniert schon lange nicht mehr. Macht es wie Pepsi und baut einen Automaten, bei dem man für einen Like eine Flasche Zuckerbrause umsonst bekommt. Entwickelt einen Buddy Cup wie Budweiser, bei dem man durch das Anstoßen von zwei Gläsern automatisch Freunde auf Facebook wird. Klar, das sind große Firmen mit einer Menge Geld. Aber selbst wenn es nur ansatzweise so innovativ ist — egal ob offline oder online — werden es die Fans lieben. Denn DAS ist Innovation!
  4. Lösung gegen Zeitmangel:
    Auf das Wesentliche konzentrieren. Nicht auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Macht Social Media überhaupt Sinn? Das Argument “Weil es alle machen” zählt nicht. Wenn es sich lohnt, Kräfte bündeln, Mitarbeiter mit entsprechendem Interesse finden und nicht etwa den Praktikanten damit abstrafen.
    Qualität > Quantität.
  5. Lösung gegen asoziale Netzwerke:
    Kritik annehmen UND richtig beantworten.
    Man kann nicht immer einer Meinung sein, das ist richtig. Aber ich hasse es, wenn ich lese wie manch Mensch einer anderer Person oder Unternehmen vorschreiben möchte, was sie zu posten hat. Frank Buschmann macht es vor: Nicht schweigen, ruhig offen auf Kritik antworten. Dabei auf die Wortwohl achten. Beleidigungen unbedingt weglassen, denn wer Scheiße sät, wird Sturm ernten.

Wünsche.

Ich wünsche mir Veränderung. Weniger Blabla, mehr Überraschung. Weniger Experten, mehr Verrückte. Weniger Komfortzone, mehr ohne Seil von einer Brücke springen. Weniger Gemecker, mehr Akzeptanz.

Überrascht mich. Los!

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