Die Diebe im Tempel der Liebe

Die Welt der Selfpublisher fällt vor allem durch zwei Sachverhalte auf: [1] Die uferlose Anzahl an Selfpublishing-Ratgebern (zumeist mit einem gewieften Bauplan für eine erfolgreiche Existenz als Schriftsteller) und [2] eine Reihe aus Plagiatsskandalen, deren vorrangiges Merkmal eine infantile und geradezu irrwitzige Dreistigkeit ist.

Prosa, die letzte populäre Kunstform, die noch ein aktives Gehirn verlangt?

Man kommt an der Idee nicht vorbei, dass ein auffällig hohes Kontingent an Schreibratgebern und das gehäufte Auftreten von Abschreib-Skandalen irgendeinen symptomatischen Zusammenhang darstellen. Vielleicht wurde ein wenig das sprichwörtliche Kind mit dem Bade ausgeschüttet, als man begonnen hatte herumzuerzählen, jeder könnte mal Autor werden, vorausgesetzt man hält sich an die (im Ratgeber definierten) Schritte 1 bis 20.

Die Wirklichkeit hinter all dem Tschaka-Tschaka lautet jedoch, dass nur eine mikroskopische Anzahl an Menschen sich dazu eignet, Schriftsteller zu sein. Der gegenwärtige Zeitgeist zeigt hingegen, dass es eine Menge Leute gibt, die keine solche Eignung mitbringen, sich aber dennoch dank äußerer Umstände erfolgreich diesen Anschein geben können.

Ich selbst quäle mich seit gut fünfzehn Jahren mit dem Bruchstein und Geröll des geschriebenen Wortes — und ich könnte noch immer nicht mit absoluter Gewissheit sagen, es sei eine hervorragende Idee gewesen, meine irreversible Lebenszeit in den Dienst von aufgeschriebenen Gedanken zu stellen. Dann blickt man auf die vergangenen Jahre, stellt fest, dass der Schaden bereits angerichtet ist und macht lieber weiter. Doch keine Angst vor beißenden Zweifeln. Autoren, die nicht voller Zweifel sind und lässig alle zwei Monate einen Roman bei Amazon hochladen, sind mir außerordentlich verdächtig. Und ein Blick auf die dumpfen Worthülsen, die da von jeder Seite gähnen, erklärt schnell, was Sache ist.

Nun — zugegeben — es gibt keine in Stein gemeißelte Notwendigkeit, die eigenen Resultate stets nur dem strengsten Blickwinkel unterzuordnen. Ich selbst gehöre zu einer Gruppe, die man eher als Unterhaltungsautoren bezeichnet. Ich messe mich also nicht an Giganten und auch Geniestreiche sucht man in meinen Texten vergeblich. Wir schreiben weder für Gertrude Stein, noch um unentwegt dem Gespenst von Ernest Hemingway gefällig zu sein. Doch geheiligt seien all jene, die auch heute so streng zu sich sind. Denn ihrer haben wir zu wenig.

Denn dass sich die Welt in Sachen Qualität geändert hat, erkennt man doch allzu gut an den dilettantischen und intellektuell sichtlich unterforderten Plagiatsaffären der letzten Monate.

Nun möchte ich nicht auf die Einzelfälle eingehen. Jeder kann hier selbst gut im Internet recherchieren. Die Schlüsselbegriffe „Selfpublisher“ und „Plagiat“ könnten ein effektiver Anfang sein.

Noch weniger möchte ich mich um Objektivität bemühen, die an dieser Stelle nicht nur illusorisch, sondern auch gänzlich unangebracht wäre. Wir sind keine Marktschreier und keine 1-Euro-Shop-Betreiber. Kunst, sogar in ihrer trivialsten und unterhaltsamsten Ausprägung, ist immer noch eine heilige Mission — insbesondere angesichts einer Kulturwelt, die vom Dschungelcamp, Facebook-Hasstiraden und mafiaartiger Sportindustrie dominiert wird.

Und Objektivität ist hier auch ein Teil des Problems. Die neuartige Idee, ein Essay, eine Novelle oder ein Roman seien lediglich ein „Produkt“, das ich den Dumpfbacken da draußen in regelmäßigen Abständen verchecken muss, ist eine Unart, die zunehmend auffällt. Es nützt dann auch nicht, dass man sich gerne wahnsinnig volksnah gibt und bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit betont, man liebe seine Leser doch über alles. Da ist mir doch der hartgesottene existentialistische Schriftsteller lieber, der im Leser eher eine Störung seiner Kreise sieht, aber dafür mit seinem Manuskript ringt, als wäre es ein Kampf auf Leben und Tod. Von einem solchen Verfasser hat dann auch der Leser deutlich mehr.

Wie anfangs festgestellt, könnte die neurotische Fülle an Ratgebern einen Teil der Bredouille bilden, verführen diese Sachbücher doch eine Menge Leute dazu, halbgar und übereilt zu publizieren. Plötzlich werden die Eigenschaften eines „Accounts“ wichtiger, als die Substanz dessen, was man da eigentlich schreibt. Dennoch ist es keine echte Erklärung und eher eine polemische Behauptung.

Vielleicht liegt die „Schuld“ (um dieses etwas große Wort zu bemühen) auch ein wenig bei den großen Künstlern und Denkern des 20. Jahrhunderts. Ob Kultautoren oder legendäre Rockmusiker — viele haben das eine oder andere Zitat beigesteuert, das ein gewisses Laisser-faire bezüglich der Originalität und der Kopie transportiert.

So soll Ritchie Blackmore mal gesagt haben: „Man muss erst berühmt werden, damit man erwischt werden kann.“ Und David Bowie und Oscar Wilde wird gleichermaßen die berühmte Zeile zugeschrieben: „To create is divine, to reproduce is human.“ — Ein Satz, der allerdings von Man Ray stammt.

Und dann ist da natürlich die epische Picasso-Zeile: „Good artists copy; great artists steal.“ Ein Spruch, der durch das 20. Jahrhundert wie Treibgut auf- und abtaucht und unentwegt neue Urheber zu haben scheint: Alfred Lord Tennyson, T.S. Eliot, William Faulkner und Igor Stravinsky. Schließlich gelangte der plagiatorische Bandwurm bis zu Steve Jobs, der die Formulierung (wie auch eine Menge anderer Ideen) für sich in Beschlag genommen hatte und zu der provokanten These umdichtete: „Immature poets imitate; mature poets steal.

Das Problem ist nur, dass große Geister fast ausschließlich in Metaphern denken und sprechen — und freilich in der Erwartung vorgehen, dass die Zuhörer und Leser der Wahrnehmung einer Metapher fähig sind. All diese Permutationen eines Zitats haben ein gemeinsames Thema. Und dieses Thema ist nicht Stehlen und es ist nicht Plagiat. In diesen Zitaten verbirgt sich die tiefe Erkenntnis des Künstlers, dass sein Schaffen ohne die Arbeit der Vorgänger und der vorangegangenen Generation aus Autoren (oder Malern, Musikern, Bildhauern) nicht möglich ist und dass der Anspruch, ein komplettes Original zu schaffen, in gewisser Weise absurd ist — auch wenn es viele Jahre (oder Jahrzehnte) dauern kann, bis dies einem Schaffenden vollständig bewusst wird. Und erst dann hat der Künstler möglicherweise eine eigene Stimme, eine eigene Handschrift gefunden und sie sich auch wirklich verdient.

Ist es nun schwierig, sich vorzustellen, dass es da draußen Dumpfbacken gibt, die ein solches Zitat wörtlich verstehen? Nicht wirklich. Dennoch ist natürlich auch das mehr eine amüsante Querverbindung und keine rationale Erklärung. Die wahre Antwort liegt wohl mehr in der Gleichgültigkeit, die wir heute gegenüber allen Inhalten an den Tag legen, während wir die äußeren Aspekte eines jeden Dings massiv überbewerten. Form wird in unserer Welt zum Ideal erklärt, während Substanz als ein lästiges Hindernis in den Boden getreten wird.

Und dies ist kein Angriff auf die sogenannten „Geldschreiber“. Die Notwendigkeit, flexibel und fleißig die Marktbedürfnisse zu reflektieren und auch mal entsprechend ranzuklotzen, ist aus der Karriere der größten Schriftsteller nicht wegzudenken. Ob Ray Bradbury, J.D. Salinger, oder Charles Bukowski — sie alle unterstanden dem Zwang, auch Geld zu verdienen. Robert Silverberg mag heute eine Legende der Science Fiction sein, doch in den düstersten Zeiten seiner Karriere kam auch er an billigem Erotik-Schund nicht vorbei.

Wenn der Magen knurrt und das Baby schreit, mag es nachvollziehbar sein, dass auch ein Ray Bradbury nicht nur für Harper´s Magazine schrieb, sonder eben auch mal für Mademoiselle.

Allerdings — und das nur am Rande — kommt man nicht an der nostalgischen Feststellung vorbei, dass es eine Zeit gab, in der es gerade Frauenzeitschriften vorbildlich verstanden haben, das Neueste und das Interessanteste aus dem Literaturbetrieb für sich zu verbuchen. Heute ist diese Print-Fläche längst den Werbeanzeigen gewichen. Die glorreichen Tage sind endgültig dahin. Wir leben nicht mehr in jener literarischen Landschaft, als Alice Munro, Truman Capote und Paul Bowles für Modezeitschriften geschrieben haben.

Ohnehin lassen sich die materiellen Nöte eines Philip K. Dick, eines H. P. Lovecraft oder eines Jack London nicht mit der Vorgehensweise der Gegenwart vergleichen, in der es zunehmen en vogue ist, miese Schreibe von vornherein als den empfehlenswerten Weg in die Herzen der Leser zu betrachten. Pardon, ich meinte natürlich Brieftaschen, nicht Herzen.

Wir haben wohl etwas verloren. Geblieben ist uns eine infantile Amazon-Szene, die mit literaturfernen Individuen verdünnt ist, die auch schon mal ganze Passagen aus anderen Büchern abschreiben, oder — Great Scott! — einen Pulp-Groschenroman abtippen und ihn unter dem eigenen Namen herausbringen.

Ärgert mich das auf einer persönlichen, menschlichen Ebene? Ich habe oben deutlich gemacht, dass dies nicht der Augenblick für fadenscheinige Objektivität ist. Natürlich bin ich angewidert. Ich habe Jahre mit dem schmerzvollen Erstaunen darüber gelebt, dass ich die zehnfache Energie in die Erstellung eines Romans, oder eine Reihe stecken muss, als viele andere — und hierbei wie ein umnachteter Sisyphos um jedes verdammte Sternchen, jedes Like und jede positive Rezension kämpfen muss, auf einer endlosen Straße, die offensichtlich immer nur bergauf führt und selten einen echten Ausblick auf eine bereits eroberte Landschaft bietet. Und ja, es widert mich an, dass ich mich unentwegt mit Rampensäuen messen muss, die aller zwei Monate einen „Roman“ (die Betonung liegt hier auf den Anführungszeichen) herausbringen, vorzugsweise mit generischen, abgedroschenen Titeln, die exakt auf die Genreerwartungen geeicht sind (bei einem Liebesroman sollte also unbedingt das Wort „Küsschen“ im Titel sein und bei einem Thriller/Krimi das Wort „Tod“).

Wer jemals zufällig auf einer Buchmesse unweit einer Gruppe 19jähriger Selfpublisher-Gören gestanden hatte, die sich gerade über ihre nulldimensionalen „Protas“ unterhalten, möchte anschließend hinausrennen und sich im Geiste des guten alten Ödipus die Augen ausstechen. Der Akt des Beischlafs mit der eigenen Mutter wird hierbei überflüssig, denn es ist auch so traurig genug.

Es ist nicht meine Absicht, Unterhaltungsliteratur zu verspotten. Das wäre auch ein wenig absurd, denn ich habe viel Zeit und Arbeit in genau dieses Genre gesteckt. Doch es wäre toll, wenn wir es schaffen würden, mehr über das Wesen und die Seele der Texte zu sprechen, anstelle immer nur über die technischen Formalitäten des eBook-Geschäfts zu debattieren.

Ich drehe auch nicht diesem wundersamen, extraterrestrischen Biest namens Internet den Rücken zu, dessen egalitäre Eigenschaften sichtlich wunderbar sind und von mir im Verlauf der letzten zwanzig Jahre häufig gelobt wurden. Aber wenn wir alle gemeinsam an einer globalen Baustelle arbeiten, in der wir den selektiven „taste maker“ (in Form eines Verlags, oder einer Plattenfirma), zugunsten einer egalitären Welt abschaffen und damit allen dieselbe Chance aufs Publizieren bieten, so müssen wir auch Werte und ethische Paradigmen hochhalten, die hierbei gerade den Neulingen als ein kulturhistorisches Imperativ beigebracht werden.

Einen wirren, belanglosen Ebook-Trash, der sich liest, als hätte ihn ein lobotomisierter Orang-Utan geschrieben und der dennoch mit einer Fülle euphorischer Rezensionen und Fünf-Sterne-Prädikate daherkommt, sollte es in einer solchen Welt nicht geben.

Hier müssen sich auch Leser an die eigene Nase fassen und sich fragen: Will ich in der Zukunft eine interessante, pulsierende Literatur um mich herum haben, mit wagemutigen Büchern und Romanen, die sich anfühlen, als hätte jemand heimlich unsere Gedanken aufgezeichnet? Oder lassen wir es lieber bleiben, und gehen kollektiv in den anderen Medien (Film, Serie, Game) auf? Denn ein Kulturbetrieb, der sich weigert, im Namen des freien Marktes Unterschiede zwischen guter und schlechter Schreibe zu machen, wird irgendwann verlieren.

Dabei ist qualitative und kurzweilige Belletristik außerordentlich schützenswert und sollte mit etwas mehr Respekt behandelt werden. In erster Linie deshalb, weil Prosa zu der letzten populären Ausdrucksform gehört, die beim Leser im Gehirn sämtliche Zylinder in Bewegung setzt. Denn wo sonst, als in der Literatur, erschafft der Leser die Story und dazu das passende Bild selbst? In den meisten anderen Künsten werden wir nur noch mit Fertigprodukten konfrontiert und im Stroboskop-Tempo berieselt. Für unsere Vorstellungskraft darf nichts mehr übrigbleiben, das nicht Designer, Trickspezialisten und Casting-Direktoren für uns festgelegt haben. Damit kein Irrtum aufkommt. Alle müssen unentwegt dasselbe sehen.

Doch Literatur funktioniert genau umgekehrt. Alle sollen unentwegt etwas Unterschiedliches sehen. Der Reiz eines „Dschungelbuchs“ von Rudyard Kipling liegt eben darin, dass sich jeder die im Buch festgehaltene Geschichte gänzlich anders vorstellt. Gerade bei jungen Leuten klingt das wie eine verdammt gute Strategie, sollte man tatsächlich den kühnen Plan gefasst haben, zu verhindern, dass aus einem Kind ein notorisch auf das Smartphone-Display starrender Idiot wird.

Vielleicht müssen wir alle (und hier nehme ich mich in keinster Weise aus) ein wenig zu unseren Wurzeln zurückkehren und erkennen, dass auch der Leser sich etwas mehr um Tiefe bemühen muss und so auf diese Weise die Autoren dazu animiert, nach dieser Tiefe wieder mehr zu suchen. Und ich sage nicht, dass ein Buch nicht „seicht“ sein darf. Doch auch das Seichte kann man gut und gewissenhaft schreiben. Und vor allem ehrlich.

Wer jedoch weder „gut“, „gewissenhaft“, noch „ehrlich“ hinkriegt, sollte sich nach etwas Anderem umsehen. Fast jeder größere Ort hat eine Volkshochschule mit schönen Jahreskatalogen, die man kostenlos mitnehmen kann. Da ist eigentlich für jeden etwas drin.

Ich habe zuvor von einer „heiligen Mission“ gesprochen. Das ist genau der pathosgeladene Sums , den man von mir erwartet. Und doch wohnt dem ein ernsthafter Gedanke inne. Ray Bradbury hat einmal gesagt, dass Schreiben eine Berufung ist, bei der das Wort „Arbeit“ und „Liebe“ gänzlich identisch sind. Eben mit allen Mühen und Freuden, die man damit nur verbinden kann. Das Papier, oder das elektronische Notebook — sie sind jene Tempel, wo diese Liebe zelebriert und gepriesen wird. Der Ort, wo die Arbeit stattfindet.

Auf diesen geheiligten Marmorplatten sollte der Wille, sich zu öffnen und die eigene Seele frei herauszulassen, der Anlass zur Lobpreisung sein — und nicht die profane Fertigkeit, besser als alle anderen die Amazon-Maschine für sich zu manipulieren. Und verjagt all jene Tempeldiebe, welche nur das Klingeln des Opferstocks interessiert!

Wir können nicht alle perfekt sein. Wir können nicht einmal alle gut sein. Doch das ist kein Grund, jegliches Ideal zu verdammen. Ich schließe an dieser Stelle mit den enigmatischen Worten von Antoine de Saint-Exupéry, der in „Citadelle“ schrieb:

„Wenn du für den Menschen schreibst, belädst du ein Schiff. Doch nur recht wenige Schiffe erreichen den Hafen. Sie versinken im Meer. Es gibt nur wenige Worte, die im Lauf der Geschichte nicht ihre Leuchtkraft verlieren. Denn ich habe vielleicht vieles bezeichnet, aber nur wenig erfaßt.“

Denn was ist schon das Geschriebene wert, wenn es nicht wenigstens den Hauch eines Rätsels, einer Frage, oder einer Menschlichkeit offenbart?


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