Die Dosis macht das Gift

Freiheit ist ein Schlüsselbegriff unserer Zeit. In der Werbung, in der Politik, in der Philosophie. Doch das Konzept „Freiheit“ wankt.

Foto: Depositphotos/Everett225

„Vergessen sie das mit der Erziehung“, sagte der wunderbare Karl Valentin, „die Kinder machen ihnen sowieso alles nach!“ Wir sehnen uns nach Vorbildern, durch die wir sehen, wie wir selbst sein wollen — und wie nicht. Das funktioniert im Kleinen wie im Großen: Der coole Onkel, der Schurkenstaat, die Schwiegermutter, Island. Zu Zeiten des kalten Krieges war die Welt einfach. Die auf der jeweils anderen Seite des eisernen Vorhangs waren die Bösen, die Menschenverachter, die Kriegstreiber. Zumindest nach dem Vietnam-Krieg und vor der Friedensbewegung. Mit Klassenfeind ist das Leben klarer.

Der in Berlin lebende Philosoph Byung-Chul Han (aus Korea) stellte fest, dass wir kein Gegenüber mehr haben, mit dem wir uns auseinandersetzen können wie die Fabrikarbeiter früher mit den Fabrikbesitzern, wie die Gegner der Volkszählung in den 80ern mit dem Staat.

Während wir uns am Thema Datenschutz abarbeiten, erbittert um Vorratsdatenspeicherung streiten und Facebook widersprechen, wo wir nur können, sind die Chinesen weiter: Dort gibt es ein landesweites Ratingsystem, das jedem Bürger auf einer Skala von 350 bis 950 einen Wert zuweist. Das ist einerseits ein Bonitätsindex, andererseits auch ein Bonussystem. Ab bestimmten Werten gibt es Zugang zu speziellen Produkten oder das Recht auf Visa — Singapur ab 700 Punkten.

Ich kaufe online und bezahle auch: Punkte rauf. Ich habe die Rechnung vergessen: Punkte runter. Ich kann die Klappe nicht halten und melde mich politisch zu Wort: Punkte runter. Ich habe das „falsche“ Produkt gekauft: Punkte runter. Und weil wir alle so schön vernetzt sind, reagiert der Score auch auf das Verhalten meiner Freunde in sozialen Netzwerken: Punkte runter bei Freunden: Punkte runter bei mir. Und umgekehrt.

Das geht im totalitären China einfach, das System wird von Alibaba und Tencent betrieben, die ohnehin alle relevanten Online-Angebote kontrollieren — und wer globalpolitisch in schwarz-weiß sieht, kann sich freuen, weil wir im chinesischen Datendrachen wieder ein Feindbild haben.

Und die Schufa? Die Höhe meiner Kreditzinsen hängt von der Auskunft unserer deutschen Datensammelstelle ab. Auch da gibt es vertikale und horizontale Kriterien. Habe ich „zu viele“ Konten: schlecht. Kredite immer brav zurück bezahlt: gut. Wohne ich in einer Gegend mit Guten: gut. Wohne ich in Wiesbaden, wo der Schuldenstand der privaten Haushalte den von Mainz deutlich übersteigt: schlecht.

In den USA gibt es ein Unternehmen namens Acxiom, die machen das richtig gut. Für rund 300 Millionen Amerikaner mit einem Datenschatz, der die Vorstellungen der meisten Konsumenten übersteigt. Acxiom arbeitet seit über 40 Jahren an ihrer Datenqualität und dazu verbinden sie Datenbanken — online und offline. Weil es so einfacher ist, haben die meisten Kreditkartenunternehmen beispielsweise ihre Kundendaten gleich auf Acxiom-Servern liegen, zu den Partnern gehören außerdem Twitter, eBay und (Überraschung!) Facebook. Unternehmen, die genau die richtigen Kunden suchen, finden diese bei Acxiom — sauber klassifiziert in 70 Kategorien von „Shooting Star“ bis „Waste“ — Müll. Mittlerweile liegen dort auch Daten über jeden zweiten Deutschen.

Doch nicht nur Unternehmen profitieren von Daten. Ein US-Startup namens The Groundwork unterstützt die Präsidentschafts-Kandidatur von Hillary Clinton. The Groundwork wird von Eric Schmidt finanziert, dem CEO von Alphabet, dem Mutterunternehmen von Google.

Schrecken, Depression, Machtlosigkeit: Ist alles besser oder schlechter als dieses ominöse „früher“? Es ist nicht einmal anders, sagt Byung-Chul Han: „Von der Struktur unterscheidet sich diese Gesellschaft nicht vom Feudalismus des Mittelalters. Wir befinden uns in einer Leibeigenschaft. Die digitalen Feudalherren wie Facebook geben uns Land, sagen: Beackert es, ihr bekommt es kostenlos. Und wir beackern es wie verrückt, dieses Land. Am Ende kommen die Lehnsherren und holen die Ernte. Das ist eine Ausbeutung der Kommunikation. Wir kommunizieren miteinander, und wir fühlen uns dabei frei. Die Lehnsherren schlagen Kapital aus dieser Kommunikation. Und Geheimdienste überwachen sie. Dieses System ist extrem effizient. Es gibt keinen Protest dagegen, weil wir in einem System leben, das die Freiheit ausbeutet.“

Freiheit gegen die Freiheit, Feuer gegen Feuer. Das griechische Wort „Pharmakon“ bedeutet Heilmittel und Gift zugleich. Alles eine Fragte der Dosis, wie uns Paracelsus wissen ließ?

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