„Die Flucht ergreifen“

Eine kleine Wortbetrachtung

Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch zwischen Aktiv und Passiv, der in dieser Redewendung anklingt? „Er hat die Flucht ergriffen“ — das ist die aktive Wahl einer passiven Rolle, die in einer ansonsten ausweglosen Situation als die einzige Option übrig bleibt. Jetzt stellt sich mir natürlich die Frage, ob dieses aktive Ergreifen nicht bloß rhetorische Augenwischerei ist. Habe ich eine Wahl, wenn ich keine Wahl mehr habe? Flucht bleibt schließlich Flucht, und einen unehrenvollen Abgang kann man sich auch nicht mehr schön reden. Wer dem Fliehenden verächtlich nachschaut, der ist heimlich enttäuscht von dessen Verrat am heroischen Ideal, nämlich dem Tod des Helden. Das wahrhaft Heroische, das hat Tolkien in seiner klugen Analyse des altenglischen Beowulf-Epos klar herausgestellt, ist nicht der Sieg über das Monster, sondern der verzweifelte Tod in dessen Klauen („Beowulf: Die Ungeheuer und ihre Kritiker“).

Ich bin allerdings anderer Meinung. Ich möchte hier eine Lanze für die Schwachen brechen, für die Überwältigten, die Überforderten und Beinahe-Geschlagenen. Ich halte es hier mit Albert Camus, der in Der Mythos von Sisyphos, seiner Auseinandersetzung mit der Problematik des Selbstmords, nüchtern festgestellt hat:

„In der Bindung des Menschen an sein Leben gibt es etwas, das stärker ist als alles Elend der Welt.“

Nicht dass ich mich hier für Selbstmord aussprechen will, im Gegenteil! Ich glaube nur, dass in Camus’ Feststellung hier unbewusst ein Grundzug des jüdischen Denkens anklingt, der das Leben für stärker hält als den Tod. Weil wir Menschen uns so an dieses eine, so kostbare Leben klammern, das uns geschenkt wurde, in das wir geworfen sind und dessen Fülle wir oft nur ansatzweise erahnen — deshalb ist Flucht manchmal die größere, aktivere, heldenhaftere Option als der heroische Tod in den Klauen der Bestie. Deshalb zeigt sich in der Flucht manchmal eine menschliche Größe, die ihre Schwäche nicht verneint, sondern annimmt.

Henry David Thoreau hat über sein zweijähriges Experiment der Stadtflucht in den Wald am Walden-See gesagt:

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müßte, daß ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, daß alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“

Hier ist einer, der mit seiner bewussten Flucht nicht verliert, sondern gewinnt. Hier ist einer, der in seinem Loslassen von allem, das zu viel, zu sehr, zu laut ist, letztendlich das erhält, wonach er eigentlich gesucht hat: das Leben an sich.

Mögen wir, wenn die Zeit kommt, weise entscheiden — und beherzt die Flucht ergreifen, die zum Leben führt.


Zum Weiterlesen:

J. R. R. Tolkien: Gute Drachen sind rar. Drei Aufsätze. Aus dem Englischen von Wolfgang Krege. Klett-Cotta, Stuttgart 2002 (3. Auflage)

Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Mit einem kommentierenden Essay von Liselotte Richter. Deutsch von Has Georg Brenner und Wolfdietrich Rasch. Rowohlt, Hamburg 1997 (Neuausgabe)

Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern. Aus dem Amerikanischen von Emma Emmerich und Tatjana Fischer. Mit einem Vorwort von Walter E. Richartz, Anmerkungen, Sach- und Namensregister sowie einer Zeittafel. Diogenes, Zürich 2004

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