Die Welt mit 1000 Augen sehen — eine Ode an die Generalisten

von Bastian Wilkat


Anfang Mai saß ich im Bus. Plötzlich tweetete ich obigen Spruch. Kaum jemand reagierte. Doch für mich war es eine wichtige Erkenntnis.

Hinter dem Spruch steckt viel mehr als Selbsterkenntnis. Der Tanz zwischen Spezialisten- und Generalistentum begleitet mich seit ich denken kann. Es ist an der Zeit eine Lanze für die Generalisten zu brechen.

In diesem Artikel möchte ich das Generalistentum hochloben — auch wenn es aus persönlicher Historie nicht ganz freiwillig geschah. Doch zunächst auf Anfang.

Spezialisten, Experten, Gottkönige?

Spezialisten sind Fachexperten auf ihrem Gebiet. Ihnen macht keiner etwas vor. Ich höre oft, dass man sich in einem Bereich spezialisieren muss, um besser als andere zu werden — und um irgendwann unersetzbar zu sein.

Wenn ich mir die (Hochschul)-Bildung und Unternehmen ansehe, so beobachte ich genau das: Spezialisierung und Arbeitsteilung. Zugegeben, Arbeitsteilung ist historisch betrachtet die Grundlage des Wohlstandes der westlichen Welt. David Ricardo prägte Anfang des 19. Jahrhunderts das Konzept des komparativen Kostenvorteils, das Spezialisierung empfiehlt.

Aber ist Effizienz immer noch das Primat? Hat man heute nur Erfolg, wenn man besonders schnell arbeitet?

Was heisst fachliche Spezialisierung eigentlich genau? Nun, im Kern geht es darum, dass man als Mensch eine Haupttätigkeit bzw. ein Hauptthema hat, und sich daraus alles andere ableitet. Eine Haupttätigkeit könnte sein: Abrechnungsexperte in der Buchhaltung. Eine Spezialisierung auf ein Thema lässt die Tätigkeiten offener: Ein Spezialist für Social Media muss gemeinhin verschiedene Tätigkeiten durchführen: Zielgruppenanalysen, Strategiekonzeption und Facebookposts schreiben.

Persönliche Vorteile durch Spezialisierung

Spezialisierung hat einen großen Vorteil: Fokussierung. Indem ich festlege auf was ich mich spezialisiere, schließe ich automatisch andere Bereiche aus. Das macht die Orientierung einfacher. Im wissensnahen Dienstleistungsbereich ist das wichtig. Würden Sie einem Unternehmensberater ein Beratungsmandat für die Einführung einer Kundenmanagementsoftware geben, wenn er auch noch als Coach für Konfliktlösung und als Interims-Controller unterwegs ist?

Der Spezialist kann sich bei jeder Tätigkeit fragen: „Fällt diese oder jene Tätigkeit in meinen Spezialbereich?” Wenn ja: Einfach machen. Wenn nein: Nicht machen.

Man kann das Spezialistentum aber auch umdrehen. Je spezialisierter jemand ist, umso abhängiger macht er sich von seiner Spezialisierung. Dabei ist es unabhängig, ob man als Selbstständiger oder in einem Unternehmen arbeitet. Spezialisierung macht fragil.

Der potenziellen Möglichkeit absolut unverzichtbar für Kunden und Unternehmen zu werden, stehen viele (oft unsichtbare) Risiken gegenüber.

Halten wir also fest: Im Geschäftskontext wird Spezialisierung, verstanden als Wissensführer, als Qualitätsmerkmal gewertet.

Der Generalist. Nicht Fisch, nicht Fleisch?

Ich selbst bin seit ich denken kann Generalist. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden und versuche das als Stärke zu sehen. Aber zunächst die Probleme.

Generalisten haben selten eine fachliche Heimat. Vielleicht auf der Visitenkarte. Aber Generalisten fühlen sich selten so richtig zu etwas komplett zugehörig. Seien es Freundeskreise, fachliche Ausrichtungen innerhalb von Unternehmen oder ihr Berufsleben, das einem Mosaik gleicht.

Ich begann mein Bachelor Studium (BWL mit juristischem Schwp.) nicht aus Überzeugung. Ich hatte schlicht zu viele verschiedene Interessen.

Ob Marketing, Controlling und Entrepreneurship in der BWL oder Arbeitsrecht, Sachenrecht und öffentliches Recht in Jura — alles hat Spaß gemacht. Doch im Master musste ich mich spezialisieren. Mein Studiengang hieß Management Consulting. Ein fokussierter Master, der alles lehrt, was man in der Unternehmensberatung so brauchen könnte. Dort fing ich an, durch thematische Umschwünge wieder an Breite zu gewinnen. Ich habe die Systemtheorie für mich als Denkmodell entdeckt.

Kurz nach Abschluss des Masters habe ich eingesehen, dass ich mich nicht zwingen muss, Spezialist zu werden. Ich bin es einfach nicht. Und ich werde es wohl nie sein.

Seit zwei Jahren lebe ich meinen Generalismus aus. Ich produziere elektronische Musik, lese enorm viel (alte Philosophie und neue Business-Bücher), bin beratend unterwegs, organisiere nicht-kommerzielle Veranstaltungen zur Stärkung der Startup-Kultur in Göttingen, schreibe sehr viel und bilde mich gerne weiter — Barista-Workshops, Design Thinking-Kurse oder irgendetwas spannendes auf Coursera.

Warum ich das erzähle? Seit dem ich das Vollgeneralistentum lebe, sind mir persönlich ein paar große Vorteile aufgefallen:

  1. Die verschiedenen Felder befruchten sich immer! Und sei es, wenn ich im Small-Talk jemandem einen Tipp für besseren Kaffee geben kann (siehe oben, der Barista-Workshop).
  2. Man hat einen besseren Überblick. Sei es im konkret beruflichen Kontext oder im privaten Umfeld. Oft hat man sogar mehr Weit- und Überblick als Spezialisten, die in Unternehmen als Strategen unterwegs sind und sagen, dass sie „das große Ganze im Blick haben”.
  3. Robust gegenüber negativen Überraschungen. Wenn plötzlich eine Software existiert, die Unternehmensberatung komplett überflüssig macht, würde mich das nicht belasten. Ich habe ausreichend andere Tätigkeitsfelder, in die ich ausweichen könnte.
  4. Offen für positive Überraschungen. Ich veröffentliche meine Musik kostenlos und ohne Hoffnung, dass eine breite Masse sie wahrnimmt. Aber warum sollte nicht zufällig ein DJ über einen Song stolpern und ihn seinem Label vorschlagen? Das wäre eine positive Überraschung.
  5. Weniger Tunnelblick. Wenn ich vor einem Problem stehe, fällt es mir leicht die Perspektive zu wechseln. Und andersherum bedeutet das: Wenn alle fokussiert in einem Thema nach vorne preschen, nehme ich oft die Rolle des Advocatus Diavoli ein und betrachte das Vorgehen aus meinen unzähligen Perspektiven.
  6. Stress in der einen Tätigkeit und Entspannung in der anderen. In der Beratungstätigkeit geht es zeitweise sehr turbulent zu. Ich brauche nur 10 Minuten in einer meiner anderen Leidenschaften tätig zu sein, und ich fühle mich tiefenentspannt.
  7. Das Gefühl mehr als nur ein Rad im Getriebe” zu sein. Durch verschiedene Tätigkeiten übe ich verschiedene Einflüsse auf verschiedene Personen aus. Aus manchen Tätigkeiten ziehe ich mehr persönliche Erfüllung als aus anderen. Aber ich habe das Gefühl Menschen zu helfen.
  8. Mehr praktische Fähigkeiten. Ich sitze in keinem stillen Kämmerlein und denke mir realitätsferne Konzepte aus. Mit Bekannten organisiere ich Events für die ich keinen Euro sehe. Aber ich lerne sehr viel darüber, was eine erfolgreiche Veranstaltung ausmacht. Das würde ich in meinem Beraterjob nie lernen.
  9. Besserer Kommunikator (weniger Fachsprech). Menschen, die sehr lange in einer Fachblase stecken, entwickeln einen eigenen Sprachcode. Das hat innerhalb der Blase einen Sinn: Als Experte versteht man sich — und mit dem Fachsprech grenzt man sich von Nicht-Experten ab. Aber gehen Sie mal auf eine Veranstaltung auf der nur Lehrer, nur IT-Spezialisten, nur Unternehmensberater, nur Konzernmitarbeiter oder nur Studenten sind. Au weia! Meine Tänze auf verschiedenen Hochzeiten erlauben mir die Codes zu entschlüsseln und für andere verständlich weiterzugeben.
  10. Interessanter für andere Menschen. Dieser Punkt dürfte zum Teil Einbildung sein. Allerdings finden Generalisten bei fast jedem Menschen einen echten Anknüpfungspunkt. Der Gegenüber freut sich — Gemeinsamkeiten verbinden.

Wo Licht ist…

Da ich an meiner generalistischen Ausrichtung nichts ändern kann, versuche ich mir einzureden, dass es genau so perfekt ist. Dennoch gibt es einen großen Nachteil.

In sozialen Gruppen mit Regelmäßigkeit (Unternehmen, Sportteams, Freundeskreise) habe ich es oft schwieriger. Ich definiere mich nicht durch eine oder zwei Tätigkeiten, sondern durch 20. Gruppen könnten das fälschlicherweise als Desinteresse deuten. Oder man wird nicht von der Gruppe als vollwertiges Mitglied akzeptiert, weil man eben kein Spezialist in dem jeweiligen Thema ist.

Und selbst wenn man akzeptiert ist, kann man nicht überall mitreden und eine Meinung haben (das finde ich persönlich nicht schlimm — je nach eigener Veranlagung kann das aber auch schmerzhaft sein).

Wie man sich selber einordnen kann

Dieser Artikel klingt, als ob eine klare Unterscheidung zwischen Spezialisten und Generalisten existiert. In betriebswirtschaftlichen Büchern finden sich vermutlich wohlklingende Definitionen. Doch was hilft es zu wissen, dass man einer Definition nach dieses oder jenes ist?

Ich habe einen einfachen Tipp:

Versuchen Sie in einem Satz zu beschreiben wie Sie sich anderen vorstellen würden. Versteht Ihr Gegenüber dann schon ziemlich genau, wer Sie sind und was Sie machen, dürften Sie eher als Spezialist unterwegs sein.

Ein Beispiel: Ich bin Katzenfreund und betreue als Administrator die Server der örtlichen Grundschule.

Das ist ziemlich klar.

Wie sieht das bei mir aus?

Auf meiner Website steht als Selbstbeschreibung: Autor, Denker & Macher. Das Ganze dann auf dem Feld der Wirtschaft. Das kann ja ungefähr alles heißen. Aber das ist der größte gemeinsame Nenner meiner Tätigkeiten (beruflich und persönlich).

Aber die Welt braucht doch Spezialisten?

Ob das so ist, weiß ich nicht. Und selbst wenn — dieser Artikel soll Generalisten und solche die noch nicht wissen, dass sie welche sind, ermutigen, die Stärken davon zu sehen.

Fallen Ihnen noch weitere Stärken oder substantielle Nachteile ein? Ich bin gespannt!


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