Eine deutsche Geschichte

Über das Glück hier zu leben und die Verpflichtung daraus. Ein Beitrag zu #bloggerfuerfluechtlinge


Mein Name ist ziemlich deutsch. Deutscher geht das eigentlich gar nicht. Ich bin in Düsseldorf geboren und auf halber Strecke zwischen Düsseldorf und Köln aufgewachsen. Ich habe einen roten Pass, mit dem ich überall hinreisen kann und mache das auch ziemlich häufig. 2014 habe ich mir die Seele aus dem Leib gebrüllt, als “wir” endlich wieder Weltmeister wurden.

Meine Geschichte hätte eine ganz andere sein können. Wenn sie denn überhaupt geschrieben worden wäre. Meine Geschichte beginnt irgendwann in den 1930-Jahren. Auf dem Balkan. In einem kleinen Dorf im heutigen Dreiländereck Serbien, Kroatien, Ungarn auf kroatischer Seite. Damals Königreich Jugoslawien. Je nachdem, welcher Ethnie man angehörte hieß das Dorf Palovec oder Palovci.

Meine Oma und ihr Bruder sagten Palovec. Allerdings nur, wenn niemand zuhörte. Die Prügelstrafe in der Schule fürs Ungarisch sprechen hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Wie mein Opa das Dorf nannte, weiß ich nicht. Seine Heimat, ein paar Kilometer weiter im heutigen Serbien heißt allerdings wahlweise Кикинда (serbisch), Nagykikinda (ungarisch), Kikinda (deutsch und slowakisch) oder Chichinda Mare (rumänisch).

Die Muttersprache meines Opa war Deutsch, sein Ungarisch aber offensichtlich gut genug, um meine Oma von sich zu überzeugen. Seine anderen Sprachkenntnisse reichten, um miteinander Geschäfte zu machen.

1938 wurde meine Mutter in Palovec geboren. In den 1940-Jahren kamen deutsche Soldaten und blieben. Für meine Großeltern änderte sich dadurch etwas. Sie gehörten plötzlich wieder zu den herrschenden Ethnien. Welch schreckliches Wort. Nazi-Deutschland übte die Macht in Europa aus, Ungarn war verbündet und Palovec wurde Jugoslawien weggenommen und Ungarn angeschlossen. Der Bruder meiner Oma fand sich plötzlich auf dem Bürgermeistersessel wieder.

Im Frühjahr 1945 klopfte es an der Tür meiner Großeltern. “Wir ziehen uns zurück, sie haben zwei Stunden zu packen”. Als “Volksdeutscher” wurde mein Opa mit seiner ungarischen Frau und seiner Tochter evakuiert. Mein Großonkel, der Bürgermeister, wurde nicht informiert. Im Morgengrauen wurde er vom Widerstand abgeholt. Man hat ihn nie wieder gesehen.

Sein 17-jähriger Sohn bestieg ein paar Wochen später einen Dampfer nach Australien. Meine Großeltern wurden in Österreich im Waldviertel bei Bauern einqaurtiert. Meine Oma und meine Mutter verbrachten ihre Zeit damit Deutsch zu lernen, während sie versuchten, nicht zu verhungern. Später ging die Familie nach Wien.

1972 heiratete meine Mutter meinen Vater. Dessen Onkel wiederrum trug im Krieg zwei Uniformen. Erst die polnische und dann die deutsche. Auch auf dieser Seite gibt es eine Geschichte von Flucht und Migration.

Ich weiß nicht, ob es einen Grund braucht, sich für Flüchtlinge einzusetzen, ob Menschlichkeit nicht ausreichen sollte. Aber vielleicht hilft diese Geschichte anderen dabei, zu verstehen, dass Flucht und Vertreibung auch für Deutsche noch nicht so lange her ist.

Karla Paul, Paul Huizing, Nico Lumma und Stevan Paul haben nach meiner Wutrede vom Freitag #bloggerfuerfluechtlinge ins Leben gerufen. Macht dort mit und spendet. https://www.betterplace.org/de/fundraising-events/bloggerfuerfluechtlinge

Wer in Köln Sachspenden abgeben möchte, kann das beim Deutschen Roten Kreuz in der Oskar-Jäger-Straße tun. Ich habe mich gewundert, dass man zwar einen ganzen Kofferraum voll Kleidung spenden kann und trotzdem keinen nennenswerten Platzgewinn im Schrank verbuchen kann.

Auf Facebook organisieren sich Helfer und Spendewillige im Erzbistum Köln in der Gruppe Neue Nachbarn.

Und Maxim Loick beschreibt hier, wie wenig Aufwand eine gute Tat doch ist.

Und: Keinen Fußbreit den Faschisten.

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