Eine Morgenroutine für Menschen, die Morgenroutinen hassen

By PicJumbo

Vor wenigen Monaten war ich der festen Überzeugung, dass Menschen die Artikel über Morgenroutinen schreiben, lesen oder sogar weiterempfehlen, irgendetwas in der kognitiven Entwicklung und vor allem beim gesunden Menschenverstand verloren gegangen ist. Da man seinen Feind immer kennen sollte, probierte ich trotz zynischer Abneigung* eine eigene Morgenroutine und mittlerweile weiß ich wieso schillernde Persönlichkeiten wie Patrick Bateman ein festes Ritual für jeden Tag besitzen.

Statt einfach eine Routine von einem fremden Menschen, mit vollkommen anderem Leben und dementsprechend auch anderen Anforderungen zu kopieren, stellte ich meine eigene Routine auf. Klingt wissenschaftlicher und komplizierter als es dann schlussendlich war. Die einzige Denkarbeit lag in der Beantwortung der Frage: Was will ich am Morgen alles hinter mich gebracht haben?

Meine Anforderungen:

  • Zeit für Workout
  • Ruhiges Frühstück
  • Zeit zum Lesen
  • Erreichen der Arbeit zwischen 08:00 und 08:30

Mein Weg zur Arbeit nimmt ca. 20 Minuten in Anspruch, wenn es die BVG gut mit mir meint und keine spontane Großbaustelle in der Dimension einer mittleren Kleinstadt dazwischen kommt. Das bedeutet, dass ich zwischen 07:40 und 08:00 das Haus verlassen muss und da ich auch nicht mehr als 2 Stunden jeden Morgen in die Routine investieren wollte, ergab sich für mich, dass meine Tage exakt 6 Uhr beginnen. Schöne Scheiße.

Routine

22:00 Meine Morgenroutine beginnt schon am Vortag, nämlich um exakt 22 Uhr. Richtige Overperformer werden nun müde lächeln, aber sobald ich weniger als 8 Stunden Schlaf bekomme, merke ich das relativ deutlich. Somit heißt es für mich 10 Uhr schlafen gehen, damit ich am kommenden Tag keinen Durchhänger habe.

05:55 An Werktagen klingelt mein Wecker 5 vor 6. Direkt nach dem Aufstehen trinke ich ein kleines Glas Wasser, schmeiße mich in Sportklamotten und begebe mich nach draußen für mein Workout.

06:10 Ich jogge zu einem naheliegenden Bolzplatz, was gleichzeitig meine Aufwärmung für die folgende Tortur ist. Gerade direkt nach dem Aufstehen ist mein Kreislauf noch tief im Standby, da hilft ein kurzer und entspannter Lauf, den Körper einigermaßen auf Betriebstemperatur zu bringen. Ich würde jetzt gern schreiben, dass das anschließende Freeletics Workout eine sehr erfrischende Art und Weise ist, energiegeladen in den Tag zu starten, aber die Wahrheit ist: Freeletics ist auch nach vielen Burpees immer noch die Hölle und mehr als einmal habe ich gehofft, dass Gott Erbarmen zeigt und mich einfach mit einem Blitz niederstreckt, damit ich mich nicht weiter durch das Programm quälen muss.

07:00 Zuhause angekommen bringe ich meinen Flüssigkeitshaushalt mit 1 Liter Wasser wieder auf Kurs und beginne damit mein Frühstück zuzubereiten. In der Regel esse ich jeden Morgen das Gleiche: Porridge mit Früchten, Erdnussbutter, Leinsamen und irgendein Super Food, das gerade angesagt ist. Für das Essen nehme ich mir ausgiebig Zeit, die ich so effizient wie möglich nutze, indem ich nebenbei lese. Ist angeblich nicht gut, aber und für mich funktioniert essen und lesen recht gut, weshalb ich keinen Grund sehe es anders zu machen. Während dieser Ruhezeit kann sich mein Körper akklimatisieren. Gerade als leidenschaftlicher Vielschwitzer gerate ich so nicht in die Falle, dass ich direkt nach dem Sport duschen gehe, mich anziehe und dann direkt die frischen Klamotten wieder vollschwitze.

07:30 Während ich früher während des gesamten Morgen Musik gehört habe, gehe ich nun in vollkommener Stille duschen und Zähne putzen. Vielleicht werde ich einfach nur alt, aber ich merke wirklich, dass laute Musik am Morgen tatsächlich Stress erzeugt hat.

07:40 – 08:00 Ich fahre mit der U-Bahn zur Arbeit. Früher habe ich dabei Musik gehört und gehofft, dass mich das Berliner U-Bahn-Publikum einfach in Frieden lässt. Mittlerweile nutze ich auch diese Zeit um zu lesen, was zwar etwas hakelig ist, da ich einmal umsteigen muss. Dennoch schaffe ich je nach Buch so auf einer Fahrt 4 Seiten, was hochgerechnet bedeutet, dass ich pro Woche 40 Seiten zusätzlich lesen kann (Rückfahrt einberechnet). 40 Seiten, die ich früher einfach hab liegen lassen.

08:00 – 08:30 Mit dieser Uhrzeit bin ich der Erste im Büro, was mir erlaubt in Ruhe meinen Tag zu plan und schon erste Aufgaben erledigt zu haben, bevor meine Kollegen auf Arbeit erscheinen.


Besonders am Anfang hat mich das ungewohnt zeitige Aufstehen wirklich fertig gemacht. Ich war nie eine ausgiebiger Langschläfer, aber kurz vor 6 aufstehen ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer gewesen. Irgendwie musste ich also einen Antrieb finden, der mich dazu bringt auch wirklich aufzustehen, statt die Snooze-Funktion meines Smartphones weit über den Point of no Return auszureizen. Ein recht einfaches Denkmuster hat mir aber geholfen, diese anfänglichen Probleme relativ effektiv zu lösen. Auf Englisch würde ich nun schreiben: “This hack helped to rewire my brain for more top notch productivity and high level success.”

Einerseits habe ich meinen Weckton auf so unangenehm wie möglich gestellt (Allen iOS-Nutzern kann ich die quakende Ente empfehlen), sodass ich direkt eine maximal mögliche Phase des Wach-Seins erreiche. Wenn ich dann überlege die Snooze-Taste zu drücken, stelle ich mir einfach schlaftrunken die Frage: “Was wäre jetzt in diesem Moment die richtige Entscheidung?” Interessanterweise lautete die Antwort bisher kein einziges Mal “Weiterschlafen”, weshalb ich bisher auch immer aufgestanden bin. Übrigens eine Herangehensweise, die mir mittlerweile im Alltag wirklich oft hilft die richtigen Entscheidungen zu treffen (Stichwort: Fast Food).

Ich sage nicht, dass mich meine Routine zu einem besseren Menschen gemacht hat und ich will auch nicht versprechen, dass sie gut für andere Menschen ist oder man mit ihr irgendwelche Superkräfte erhält oder Batman wird. Jedoch habe ich für mich persönlich festgestellt, dass die vorhandene Struktur mir jede Menge Vorteile bringt und ich bisher keinen Nachteil erkennen konnte. Ich treibe regelmäßig Sport, lese mehr Seiten pro Woche, schlafe ausreichend und starte immer entspannt auf Arbeit. Was man als Leser dieses Artikels mitnehmen sollte ist: Überlege dir deine Anforderungen an deinen Morgen, stelle demnach eine Morgenroutine auf und versuche einfach mal eine Woche danach zu leben. Tut es dir gut, mach es weiter, ist es dir nur ein Klotz am Bein deiner persönlichen Freiheit, dann lass es sein.


  • Zynische Abneigung gegen Morgenroutinen: Mein generelles Problem mit Morgenroutinen und Bloggern die darüber berichten ist recht schnell auf den Punkt gebracht. Solche Artikel sind oftmals nur aufgeblasener Bullshit mit geiler Headline und stets dem gleichen Muster: Man nimmt die Morgenroutine eines erfolgreichen, super disruptiven Serial Enterpreneurs und stellt es so dar, als ob ein einfaches Kopieren dieser Routine einen persönlich zu einem ebenso erfolgreichen bzw. übermenschlichen Wesen machen würde. Solche Autoren verkaufen hier über eine falsche Kausalität etwas, was sich nicht verkaufen lässt, statt ihren Lesern einen wirklichen Mehrwert zu bieten. Statt diesen Schwindel aber zu sehen, nehmen Leser dieses lächerlich einfache Versprechen mit Kusshand auf und freuen sich über ein einfaches Rezept für ein ultra komplexesProblem. Eine Win-Win-Situation, in der alle glücklich sind und dumm bleiben ¯\_(ツ)_/¯
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