Emojis: das Esperanto des 21. Jahrhunderts

eMail, der Beginn der digitalen Kommunikation

Ray Tomlinson sendete 1971 die erste eMail und gilt seitdem als deren Erfinder. Zu Beginn tat sich die eMail schwer und wurde als unnötige Spielerei angesehen. Ende der 1980er Jahre begann dann der Erfolgsweg der eMail — sie war eine der ersten Anwendungen, die die Möglichkeiten des Internets nutzten. Die Einführung von eMail wurde nicht gezielt geplant, sondern eroberte das Netzwerk durch das Benutzerverhalten. Die asynchrone, digitale Kommunikation trat ihren Siegeszug an und erhöhte gegenüber Brief, Telegramm und Fax die Kommunikationsgeschwindigkeit enorm. Im Jahr 2014 wurden in Deutschland rund 506,2 Milliarden E-Mails versendet.

Herausforderungen der digitalen Kommunikation

Trotz der offensichtlichen Vorteile stellt die Kommunikation via eMail und, heutzutage immer mehr auch via soziale Netzwerke und Messagingapplikationen, die Menschheit vor eine enorme Herausforderung. Glaubt man Albert Mehrabian, dessen sogenannte 7–38–55-Regel besagt, dass die nonverbalen Elemente in der menschlichen Kommunikation zu 7% durch den sprachlichen Inhalt, zu 38% durch den stimmlichen Ausdruck (Tonalität) und zu 55% durch die Körpersprache bestimmt werden, wird klar, dass die Kommunikation, welche synchron und analog schon „fehleranfällig“ ist, in der digital-textlichen Kommunikation nur noch mit 7% (sprachlicher Inhalt) der dem Menschen zur Verfügung stehenden Verständigungsmöglichkeiten auskommen muss. Ein kleines Wunder, dass es trotz dieser Reduktion der Kommunikationsbreite zu einem Siegeszug der eMail gekommen ist.

Die Geburt des Emoticons

Die Problematik des, in der digitalen Kommunikation, fehlenden stimmlichen Ausdrucks und der Körpersprache wurde Scott E. Fahlman am 19. September 1982 bewusst. Nach einem ironischen Missverständnis und Witzen in einem Bulletin Board der Carnegie Mellon University schlug er vor, aus ASCII-Zeichen, das inzwischen weltberühmt gewordene Signet eines seitwärts nachgebildeten Lachens zu benutzen.

Seine Originalnachricht dazu lautete:

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

I propose that the following character sequence for joke markers:

:-)

Read it sideways. Actually, it is probably more economical to mark things that are NOT jokes, given current trends. For this, use:

:-(

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Was im Deutschen so viel heißt, wie:

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Ich schlage die folgende Zeichenfolge vor, um Scherze zu kennzeichnen:

:-)

Lest es seitwärts. Tatsächlich ist es vermutlich rationeller, Sachen zu markieren, die KEINE Scherze sind. Benutzt dafür:

:-(

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Somit gilt Scott E. Fahlman als der Erfinder des Emoticons, ein Portmanteauwort, gebildet aus Emotion und Icon. Verwendet werden Emoticons, um in der digital-textlichen Kommunikation Stimmungs- oder Gefühlszustände auszudrücken. Interessanterweise musste Scott in seiner eMail noch darauf hinweisen, dass die Zeichenfolge seitwärts gelesen werden muss, damit man verstand, was die Zeichen ausdrücken sollten. Heute baut das Gehirn das automatisch im Kopf um. Wir haben gelernt Emoticons zu „lesen“.

Mit Erfindung des Emoticons, dem Vorläufer der Emojis, eroberte Scott einen Teil der fehlenden nonverbalen Elemente nach Albert Mehrabian zurück. Mit Hilfe der Emoticons konnten Gefühle und Stimmungen in digital-textliche Kommunikation eingebaut werden. Emoticons verändern geschriebenen Kontext massiv und ein Teil der fehlenden 38% Tonalität kann durch sie zurückerobert werden.

Emojis erweitern den Kommunikationsraum

Die Erfindung der Emojis, als grafische Weiterentwicklung der Emoticons, wird Shigetaka Kurita zugeschrieben, der für DoCoMo (größter japanischer Telekommunikationskonzern) Ende der 90er Jahre am i-mode-Projekt mitgearbeitet hat. Ein Emoji (deutsch: Bildschriftzeichen) ist ein Ideogramm, das insbesondere in SMS und Chats längere Begriffe ersetzt. Heutzutage können Nutzer auf eine Auswahl von über 1.500 Emojis zurückgreifen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass textlich-digitale Kommunikation gelingt.

Der Vorteil von Emojis ist, dass sie sprachunabhängig sind und somit international funktionieren. Ein Ansatz, der schon mit der Welthilfssprache Esperanto verfolgt wurde und sich leider bis heute mangels Akzeptanz nicht durchgesetzt hat. Dieses Schicksal wird die Emojis nicht ereilen, vielmehr haben sie sich durch das Benutzerverhalten bereits durchgesetzt.

Allerdings sei vom unbedachten Einsatz der Emojis gewarnt, denn auch, wenn diese sich als weltweite „Hilfssprache“ eignen, werden Emojis je nach Land und Kultur, ja, sogar je nach Betriebssystem (z.B. Apple iOS oder Google Android), anders gedeutet bzw. dargestellt. Dazu muss man wissen, dass Emojis nichts Anderes sind als Schriftsätze (wie z.B. die Times oder Verdana), die auf dem jeweiligen Smartphone oder Computer gerendert werden müssen. Jedes Betriebssystem hat seinen eigenen Emojizeichensatz und somit sehen Emojis über verschiedene Plattformen hinweg anders aus. Wenn ein Google Nexus Inhaber das „Grinning face with smiling eyes“ an einen Freund mit iPhone sendet, wird dieser durch den unterschiedlichen Schriftsatz ein anders aussehendes Emoji angezeigt bekommen:

http://emojipedia.org/grinning-face-with-smiling-eyes/

Problematisch dabei ist, wie in einer Studie der University of Minnesota herauskam, dass nicht nur die Bedeutung des Emojis an sich unterschiedlich gedeutet wird, sondern das der Sentiment ein und dasselbe Emojis vom Betriebssystem abhängt. So wurde das bereits erwähnte „Grinning face with smiling eyes“ durch Apple iPhone Nutzer eher neutral, durch Google Android Nutzer eher positiv bewertet.

http://grouplens.org/blog/investigating-the-potential-for-miscommunication-using-emoji/

Mit diesem Hintergrund, bei entsprechend bewusstem Einsatz und dem Willen, die Besonderheiten der Emojisprache zu lernen, eignet sich diese zur textlich-digitalen Kommunikation ergänzende Hilfssprache als Esperanto des 21. Jahrhunderts. Wenn man einmal nicht weiß, welche Bedeutung ein Emoji hat, kann man unter emojipedia.org die Bedeutung jedes Emojis nachschauen.

In diesem Sinne: Willkommen in der Welt der digitalen Kommunikation 😇.

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