Erster sein! Worauf es beim Laufen wirklich ankommt. Und warum das nichts mit Bestzeiten zu tun hat.

Abnehmen, gesund bleiben, fit werden. Schön sein und stark. Ein schlechtes Gewissen ab- oder Selbstbewusstsein aufbauen. Sich selbst und Anderen etwas beweisen. Sich auspowern. Stress abbauen. Anschließend möglichst viel essen können! Bier! Es gibt unzählige, mehr oder weniger gute Gründe für das Laufen. Und jeder Läufer könnte vermutlich mehr als einen nennen. Aber einer ist immer der wichtigste. Ein ganz wesentlicher: Freiheit.

JÄGER UND SAMMLER IM DIGITALEN ZEITALTER

Einst waren die Menschen Jäger und Sammler und oft wird suggeriert, dass etwas davon auch heute noch in uns ist. Exzessives Briefmarkensammeln, sich nur stark fühlen im Schutz der Gruppe, Schnäppchenjagd auf Ebay? Wir können nichts dazu! Jäger müssen jagen. Sammler sammeln. Das ist archaisch, quasi natürlich und wir nutzen diese Art zu denken gerne, um Schwächen zu rechtfertigen und vergessen dabei vollkommen, wie unsere Realität aussieht.

Die ist nämlich in den meisten Fällen ganz und gar nicht archaisch. Das Leben findet für Viele fast ausschließlich in geschlossenen Räumen statt. Wetter spielt höchstens noch bei der Auswahl des nächsten Sommerreiseziels eine Rolle. Wer sich auch diese Mühe sparen will, macht Urlaub mit der Familie im Center Park. Geht es mir eigentlich gut? Moment ich lese mal eben den Fitness-Tracker aus…

Wir sind immer gesünder und werden immer älter. Aber wir werden auch allergischer, gestresster, neurotischer. Rein statistisch gesehen geht es uns gut. Aber sind wir auch noch glücklich in unserer wetterfesten Funktionsbekleidung und hinter unseren Displays?

Draußensein macht glücklich. Tag und Nacht machen glücklich. Jahreszeiten. Und Wetter. Auch das „schlechte“. Und all das bekommt man vollkommen kostenlos, ohne verbuggte Beta-Version und trotzdem im exklusiven Premium-Bundle. Beim Laufen.

DAS BESTE COMING-OUT, DAS DU HABEN KANNST

Laufen ist die einfachste und angenehmste mir bekannte Form von Freiheit. Jederzeit, ohne große Vorbereitung und mit wenig Equipment geht es raus in den Wald oder Park, auf die Straße, zwischen Felder, um den See, an den Strand. Luft, Licht und, ja, Wetter. Auch mal Regen oder Sturm und Zeit mit dir, die dir niemand nehmen kann.

Wer das große Glück hat, in einem Land zu leben, in dem man sicher und satt genug ist, um sich um so etwas wie Laufen Gedanken zu machen und gesund genug ist, um es zu tun, sollte es probieren. Ja, nochmal, weil es sehr wahrscheinlich gesund ist. Aber doch vor allem, weil es das Spektrum dessen, was wir wahrnehmen und genießen ad hoc erweitert und uns ein Stück zurück zu uns selbst bringt.

Auch wenn Apps und Hypes, Trending Topics, Hashtags und dergleichen etwas anderes suggerieren, indem sie das Fitness- und Gesundheitsdiktat befeuern: Laufen ist viel mehr als Selbstoptimierung und Eitelkeit. Laufen ist draußen sein, Natur (die eigene und die uns umgebende) erleben. Laufen ist Wetter und Jahreszeiten. Alles, was wir haben, ist der Moment. Und den spürt man selten so wie beim Laufen in der Natur.

ERSTER SEIN!

Es muss nicht gleich ein Halbmarathon oder Marathon sein. Eine halbe Stunde an frischer Luft in lächerlich langsamem Tempo ist mindestens genauso gut. Es muss nicht wichtig sein, Bestzeiten zu laufen oder Erster zu werden. Denn die ersten sind Läufer ohnehin fast immer.

Wir sind die ersten, die in der Zeit, in der sich der Frühling noch gar nicht richtig erahnen lässt, die ersten Knospen an Bäumen und Sträuchern entdecken. Die ersten, über deren Köpfen die Zugvögel zurückkehren und zu deren Füßen sich die Enten am Teich plötzlich nur noch paarweise zeigen.

Wir sind die ersten, die bemerken, dass es nachts nicht mehr kälter wird. Die ersten, die schwitzen und den Sommerregen feiern. Wir hören die ersten Frösche und essen ihnen beim Einatmen aus Versehen die ersten Mücken weg. Wir sind die ersten, die im Vorbeilaufen die ersten roten Kirschen entdecken. Und klauen.

Als erste sehen wir, dass das Licht golden und die Blätter bunt werden. Wir sind die ersten, die den Waldboden riechen, die Pilze, das Leben, das geht, um im nächsten Jahr einfach so wieder da zu sein. Wir sind die ersten, die voller Überzeugung erklären, wie gut es tut, durch Wind und Regen zu laufen, wenn es für Spaziergänger längst zu ungemütlich geworden ist.

Die ersten, die das Knirschen des ersten Schnees hören, sind ebenfalls wir. Und die, denen die kalte, klare, unverbrauchte Luft in die Lungen strömt, wenn die Bäume längst so aussehen wie Kafka schreibt.

Wir sind die ersten, die den Vollmond zwischen den Häuserwänden entdecken und uns von ihm leiten lassen, in die Dunkelheit der Parks, die die Sternbilder sichtbar macht, die der Stadt verborgen bleiben.

Die ersten Schritte, die die Imbettgebliebenen am Sonntagmorgen unter ihren Fenstern hören, kommen ebenfalls von uns. Während die Stadt noch tief und fest schläft, spüren wir die Freiheit, die trotz und inmitten der sogenannten Zivilisation möglich ist. Die Ersten, die sich von der Morgensonne wärmen lassen. Innen und außen.

In the depths of winter, I finally learned that within me there lay an invincible summer. Albert Camus

LAUFEN — EIN FETTFLECK AUS AUTONOMIE UND FREIHEIT

Laufen ist vor allem eins: Rhythmus. Mit Tag und Nacht. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der Rhythmus des Atems. Und der der Schritte. Und das stets und überall, wenn Körper und Geist können und wollen. Was real und wertvoll ist, ist der Moment. Was durch Laufen aber möglich wird, ist seine Ausweitung. Diese punktuelle, ganz persönliche, weil in der Begegnung mit dem Selbst erlaufene Freiheit, die sich erst ganz still im Hintergrund, dann aber unaufhaltsam wie ein Fettfleck auf dem gesamten Leben ausbreitet. Einer der guten Fettflecken. Einer, den man niemals auswaschen will. Fette Autonomie. Einfach so. Vieles mal das sein lassen, was es ist: egal. Vieles in andere Relation setzen — nämlich nicht nur in Relation mit unseren Meilensteinen, Zielvereinbarungen, Sonderangeboten, Selfies, self optimization, Gofuckyourself 4.0.

Stattdessen eröffnet Laufen den Blick für die Relation drumherum. Tageszeiten, Jahreszeiten, Wetter, Natur, Licht, Weite, die Welt, andere Welten, zusammengesetzt aus Atomen, aus Energie, die schon immer da war und von der ein zufällig zusammengewürfelter winzig kleiner Teil, der jetzt gerade mal kurz Du ist, durch den Wald joggt. Was kümmert uns der Kleinkram, wenn wir das große Ganze im Kopf und im Herzen haben?

DIE FORELLE (EPILOG)

Etwa drei Kilometer von meiner Wohnung entfernt befindet sich ein kleiner See und an dem See steht ein Haus und in dem Haus wohnt jemand, der Fisch verkauft. Wenn ich am späten Nachmittag einen längeren Lauf mache, halte ich manchmal dort an und kaufe mir eine kleine geräucherte Forelle. Der Fischverkäufer schlägt sie ein in rosa Papier — jenes, das es in meiner Kindheit beim Fleischer gab — und sagt: „So, das Abendessen haste dir jetzt aber verdient“. „Gleich.“, antworte ich, „Danke. Und schönen Feierabend“. Und dann laufe ich die letzten Kilometer nach Hause. Die pinkfarbene Forelle wie einen Staffelstab in der Hand. Ich weiß, das sieht albern aus. Aber das ist mir egal. Es ist meine Freiheit, lächerlich auszusehen. Nach dem Duschen zerlege ich den Fisch, sorgfältig und dankbar, und esse ihn mit frischem Brot. Ein bisschen Jäger. Ein bisschen Sammler. Sehr viel Läufer.

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