Europa der Menschen

von Franz-Reinhard Habbel

Partnerschaft zwischen der schottischen Stadt Thurso und der deutschen Stadt Brilon (Foto: Habbel)

Dass dieser Text, am Tag zwei nach dem Brexit geschrieben in Schottland, die Leser in wenigen Sekunden wo auch immer erreicht, ist das Ergebnis freier und direkter Kommunikation über Grenzen hinweg.
Nicht Grenzen ziehen, sondern Grenzen überwinden und Freizügigkeit garantieren, das ist die Leistung der Europäischen Union. In anderen Bereichen ist die EU aus den Fugen geraten. Zentralisierung und Bürokratie, demokratische Defizite, mangelnde Kommunikation der Politik und eine Sklerose der Institutionen lassen Zweifel an der Wirksamkeit aufkommen. Der Brexit und damit das Ausscheiden eines wichtigen Mitglieds aus der Union ist ein Weckruf an uns alle, in Europa jetzt neue flexible und damit anpassungsfähige Fundamente in einer sich durch Globalisierung und Digitalisierung ständig verändernden Welt zu legen. Das gilt für alle Institutionen und Einrichtungen. Eine neue Zielbstimmung ist notwendig.

Nichts ist ewig, die Veränderung ist die Normalität

Die neuen flexiblen Bausteine heißen Subsidiarität, Vernetzung, Offenheit, Zusammenarbeit und Partnerschaften. Wenn Menschen sich begegnen entstehen neue Ideen, Innovationen und Solidarität. Nicht die Abschottung ist das Ziel, sondern das Zusammenleben in Verschiedenheit. Nur in einer offenen Gesellschaft entstehen Respekt und Vertrauen. “Eine Gesellschaft als geschlossene Systeme ist instabil und anfällig — zu unflexibel um auf Veränderungen zu reagieren”, sagt der Soziologe Richard Sennett, der in London lebt. Das gilt besonders für Städte.

Europa muss jetzt von unten und damit von den Menschen gebaut werden. Ein Europa der Menschen findet auch Ausdruck in vitalen Städtepartnerschaften, die die Herausforderungen wie Klimaschutz, Energie, Mobilität, Bildung, Sicherheit und Gesundheit mutig aufgreifen. In Städten tauschen sich Menschen aus. Hier sind die öffentlichen Plätze und öffentliche Räume, die den Diskurs möglich machen.

Wick in Nordschottland (Foto: Habbel)
Städte und Gemeinden müssen für junge Leute attraktiv sein

Die Zukunft der jungen Menschen beginnt in den Städten, in denen sie aufwachsen und leben. Die Städte sind das Basislager für den Start in Ausbildung und Beruf in verschiedenen Ländern. Städte sind der Ausgangspunkt für Reisen zu Freunden bis hin zum Abenteuer. Junge Menschen sind kosmopolitisch. 73 Prozent der 18- bis 24-Jährigen Referendum-Wähler in Großbritannien waren Brexit-Gegner und wollten in der EU bleiben. Diese Easy-Jet Generation macht Hoffnung. Sie reist per Flugzeug und Hochgeschwindigkeitszug quer durch den Kontinent, trifft sich mit anderen jungen Leuten aus verschiedenen Ländern, genießt Freizügigkeit und kann sich den Studienort oder den Arbeitsort in der EU weitgehend aussuchen. Viele von ihnen nehmen Europa als einen durchlässigen und offenen Lebens- und Arbeitsraum wahr. Die damit verbundene Lebensweise macht Europa attraktiv.

Europäische Städte sollten jetzt stärker zusammenarbeiten

Aufgabe der Politik ist es, durch mehr Gestaltungsfreiheit, weniger Bürokratie und mehr Plattformen die notwendigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Städte im Zeitalter der Digitalisierung zu schaffen. Die Zusammenarbeit aller Kommunen auf dem Kontinent und damit auch mit Großbritannien, sollte eine der Antworten auf die Ängste der Globalisierung sein. Zusammenarbeit schafft Vertrauen. Gerade die Chancen und die neuen Möglichkeiten der Globalisierung und der Digitalisierung müssen stärker durch die Politik herausgestellt und den Menschen vermittelt werden. Denn kein Stein bleibt auf dem anderen.

Wie wir leben, arbeiten uns bilden oder unsere Freizeit verbringen, wird immer mehr vom Internet und den sozialen Netzwerken bestimmt. Die Digitalisierung stellt Instrumente zur Verfügung, die es möglich machen weltweit zu kommunizieren und Wissen zu tanken und zu teilen. Die Welt öffnet sich, Grenzen werden überwunden. Offenheit wird Realität und bringt Menschen mit Menschen, Ideen mit Ideen und Menschen mit Ideen zusammen. Nicht der Rückzug ins Nationale ist die Lösung, sondern das Offene, das Miteinander und das Verbindende. Zu einem solchen neuen Europa der Menschen gibt es keine Alternative. Die Städte sind hierfür der richtige Ort.

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