Frei von Sicherheit?

Mein Büroarbeitsplatz an meinem letzten Arbeitstag.

Wie fühlt es sich an “ohne Sicherheit” zu sein? Und bin ich überhaupt ohne Sicherheit?
Als ich meine Stelle als Beamter vor ein paar Monaten aufgegeben habe, war das Hauptargument vieler Bekannter, Freunde und Familie, warum ich das den nicht machen kann, dass ich damit ja jede Form von Sicherheit verliere.
Für mich stellte sich die Frage, ob ich denn überhaupt Sicherheit benötige. Sicherheit ist nur ein menschliches Grundbedürfnis von mehreren und dieses kann verschieden stark ausgeprägt sein. Und es kann ebenfalls verschiedene Dinge geben, die mir Sicherheit geben. Brauche ich eine Stelle als Beamter um mich sicher zu fühlen?

Sollte ich alle anderen Bedürfnisse von mir dem Wunsch nach Sicherheit unterordnen?

Mittlerweile ist meine Kündigung durch, meine Sicherheit endgültig weg. Ich habe vermutlich keine Möglichkeit mehr, wieder zum Staat zurück zu kehren und die Sicherheit einer lebenslange Arbeitsstelle als Beamter zu bekommen.

Sicherheit existiert in den verschiedensten Ausprägungen, für meine Eltern war Sicherheit auf einen rein finanziellen Aspekt begrenzt, die Sicherheit, dass ich jederzeit in der Lage bin, mir eine Wohnung und Essen zu bezahlen.
Ich habe mich in der letzten Zeit in viele Extrem-Bereiche meines Lebens vorgewagt, unter anderem, wie es ist, ohne Wohnung, ohne Geld und ohne Essen zu sein und dabei bemerkt, dass auch das möglich ist und mir nicht unbedingt schadet, sondern mich sogar öffnet und mir neue Emotionen und Erfahrungen erlaubt.

Ich habe für 4 Tage und 4 Nächte allein im Wald gelebt, ohne Essen und ohne ein Dach über den Kopf. Ist nicht auch das eine Form von Sicherheit? Ich weiß jetzt, egal was passiert, ich kann 5 Tage ohne Essen und Unterkunft auskommen. Egal wo ich bin, es gibt keinen Grund für Panik, auch wenn ich kein Dach über den Kopf habe. Ich habe an so vielen Orten geschlafen, dass sich immer eine Lösung findet. Ich habe die Sicherheit, dass ich ein Bedürfnis nur aussprechen muss und es wird sich eine Lösung finden. Z.B. hatte ich auch in der Zeit in Berlin kein Dach über den Kopf, daraufhin habe ich gegenüber ein paar Menschen erwähnt, dass ich gerne ein Dach über dem Kopf hätte, völlig frei von Erwartungen, nicht als Bitte formuliert und nicht bettelnd, einfach dem Glück die Möglichkeit gegeben, zu handeln und es hat jedes Mal funktioniert.

Dies hat alles noch nichts mit der Sicherheit zu tun, die sich meine Eltern für mich wünschen und die gesellschaftlich als Sicherheit akzeptiert ist. Als Beamter hatte ich mein geregeltes Einkommen, dies war nicht besonders hoch, aber ausreichend. Der Schmerz ist gerade so niedrig, dass man sich nur beschwert, den Sprung in die Ungewissheit jedoch meist nicht wagt, wer weiß, ob es einem danach besser geht? Ja richtig, wer weiß das schon und ich bin mir sicher, dass es noch Zeiten in meinem Leben gibt, wo ich mir diese Einfachheit des Geldverdienens zurück wünsche und andere in denen ich froh bin, diesen Schritt gegangen zu sein. Nach 3 Monaten ein Resümee zu ziehen ist definitiv zu früh und ich bin auch derzeit noch nicht in der richtigen Phase um hierüber eine Aussage machen zu können. Derzeit gebe ich nämlich nur angespartes Geld aus und das ist nicht nachhaltig.
Geld generell hat für mich jedoch in der Zwischenzeit an Wert verloren.

Was ist denn eigentlich Geld? Marken verkörpern ein Image, welches wiederum auf unsere Bedürfnisse eingeht. Wir wollen sportlich sein, also kaufen wir Nike-Klamotten, weil diese mit Sportlichkeit assoziiert werden. Aber Geld hat diese Assoziation zu einem Bedürfnis nicht, Geld ist vielmehr ein multipler Bedürfnisbefriediger. Je nachdem an welchem Bedürfnis wir gerade am meisten arbeiten, kann Geld uns dies liefern. Geld ist Sicherheit, Geld ist Macht, Geld ist Zeit, wenn ich Geld habe werden die Leute mich respektieren, wenn ich Geld habe werden die Frauen mich lieben, Geld ist Zeichen meines Erfolgs. Wir versuchen, mit Geld all das zu haben (zu kompensieren), was wir auf andere Weise nicht befriedigen können. Viel mehr spiegelt sich sogar in der Sehnsucht nach Geld ein Bedürfnis: wenn ich erst Geld habe, dann … und wenn ich das Haus abbezahlt habe, dann werde ich …
Sich selbst sagen zu können, ich bin glücklich mit Geld und ich liebe es, ich bin glücklich ohne das Geld und ich liebe es, und dabei mit sich selbst im Reinen zu sein ist meiner Meinung nach eine sehr wichtige Einstellung.
Dies zu schreiben mit einem Puffer, der mich noch mehrere Monate finanzieren kann ist etwas oberflächlich, ich denke derzeit kaum über Geld nach und versuche es dabei zusätzlich sehr wertfrei zu behandeln. Was ist Geld für dich? Was war die erste Antwort, die dir in den Sinn kam? Und überlege jetzt ob Geld wirklich das ist, was du denkst, oder ist es nicht ein anderes Bedürfnis, dass du auf Geld projizierst und ob du dieses Bedürfnis nicht auch anders befriedigen kannst. Schreib mir deine Antwort doch in die Kommentare: Was ist Geld für dich?

Geld kann Sicherheit bringen, genauso kann dies aber auch ein Haus, ein intaktes soziales Netzwerk, ein staatliches System oder eine Survival-Ausbildung.

Es ist richtig, dass ich mit meiner Stelle als Beamter eine Form von Sicherheit aufgegeben habe, gleichzeitig habe ich jedoch erfahren, dass Sicherheit es für mich nicht wert war diese Stelle zu behalten.

Und das war meine Sicht, während des Kündigens, nicht alles ist so eingetreten, wie ich es damals geplant habe: https://medium.com/@WernerHoffmann/warum-ich-meine-stelle-als-beamter-aufgeben-und-was-ich-danach-mache-2b066d1d3c66#.h8tw6ocwt

Danke für die Inspiration zu diesem Artikel an meine Eltern und für den Absatz Geld an Marcel Rasche

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