Gibt es einen unschuldigen Pop-Nationalismus?

Es fühlt sich an, als würde eine Diskussion bei jedem Fußball-Großanlass von neuem beginnen: Nicht die Diskussion über den philosophischen Gehalt langweiliger Spiele, sondern die über Nationalismus.

Die Lager sind gebildet: Pop-Nationalismus, finden die einen, schade niemandem. Im Gegenteil: Wer Freude bei Fussballspielen ausdrücke, tue sich und anderen Gutes. Nationen seien per se ja nichts Schlechtes, sondern helfen den Menschen zu einer Identifikation über positive Werte.

Die anderen werfen jede Form von Nationalismus in denselben Topf. Letztlich resultiere daraus Ausgrenzung: Auch die scheinbar harmlosen Fähnchen, die Fans an Autos mitführen, zögen eine Grenze. Hier sind wir und da seid ihr. Eine Grenze, für die letztlich auch Armeen einstehen, die Menschen töten, welche sie bedrohen. Eine Grenze, die ein Klima schaffe, in dem Rassismus gedeihen könne.

Ich vertrete das zweite Lager. Damit unterstelle ich Fußballfans, die ein Nationalteam unterstützen, keine Sympathien für einen hässlichen, ausgrenzenden Nationalismus. Ich setze auch das Zeigen einer Flagge nicht mit rassistischen Übergriffen gleich. Mir ist bewusst, dass die Symbolik vieler nationaler Symbole bewusst pazifistisch oder demokratisch gewählt ist — zu denken ist etwa an Schwarz-Rot-Gold. Wer Fahnen schwingt, ist kein Nazi.

Und doch steht die Fahne für einen emphatischen Begriff der Nation. Die Fußballer müssen sich entscheiden, zu welcher Fahne sie sich bekennen. Als gestern die Schweiz auf Albanien traf, gab es für Spieler Pfiffe — weil sie sich in den Augen einiger Fans dem falschen Nationalteam angeschlossen haben. Die beiden Brüder Xhaka spielen in verschiedenen Mannschaften — die nationale Symbolik trennt sie.

Diese Form des Ein- und Ausschlusses vollziehen Nationen auf anderen Ebenen mit anderen Mitteln. So entscheiden unterschiedlichste Verfahren, wer Bürgerrechte erhält. Dasselbe gilt für die Regulierung von Ein- und Auswanderung. Psychologisch ist der Mechanismus auch die Grundlage für Kulturkampf, Xenophobie, rassistische Übergriffe. Er sagt: Wer sich mit diesem Symbol identifiziert, ist mehr wert als die anderen. (Und genau das sagen auch die Fahnen im Stadion.) Wer davon betroffen ist oder war, wird die nationalen Symbole nicht unbelastet wahrnehmen — sondern als Markierung der eigenen Entwertung.

Zudem sind die nationalen Symbole nicht zu lösen von der Praxis und Geschichte der Staaten, die sie verwenden. Die Tricolore steht auch für die Vertreibung von Sinti und Roma aus Frankreich, Schwarz-Rot-Gold für den Krieg in Afghanistan und das Schweizer Kreuz für die Ausschaffung von in der Schweiz geborenen Kindern nach Tschetschenien.

Die Absichten der casual Fans, die sich vor der EM in die Farben ihres Landes hüllen und ein Fähnchen ans Auto kleben, mögen tadellos sein. Ich bin sicher, es sind mehrheitlich friedliche Menschen, die niemandem Böses wollen. Und doch verwenden sie für ihre Freude am Fußball keine unbelasteten Symbole, deren Bedeutung sie autonom festlegen können. Es sind dieselben, die auch für die Formen von Nationalismus verwendet werden, die direkten Schaden anrichten und Menschen traumatisieren. Z.B. bei den Gewaltausbrüchen vor den Spielen in Marseille und Lille. Die dahinter stehenden psychologischen Effekte, Strukturen und Symbolik unreflektiert zu unterstützen und fortzuschreiben, ist für mich keine Option. Ihr Wirkung ist wissenschaftlich erforscht. Wer das erkennt, kann sich nicht auf die Position zurückziehen, dass es doch lediglich um die Freude am Fußball gehe, die mit all den anderen Verwendungen derselben Symbole doch bitteschön nichts zu tun habe.

Es gilt, ein Bewusstsein zu entwickeln und entsprechend zu handeln. Das traue ich allen zu. (Selbstverständlich kann man sich auch gegen die Erkenntnis sträuben und sich über die lustig machen, welche solche Kritik äußern. Als ob Fußball, Massen, Männlichkeit oder Nationen völlig unproblematische Konzepte seien.)

via Vertikalpass/Twitter
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