Er weiß, nach welch harten Regeln das Leben spielen kann: Der Preetzer Streetworker Rüdiger Wiese. Foto (c) 2016 Kay-Christian Heine

Halt am Rand des Abgrunds

Der Preetzer Streetworker Rüdiger Wiese im Porträt

Rüdiger Wiese nimmt sich als Streetworker in Preetz junger Menschen an, die vor dem Abgrund stehen: Ein fehlendes Elternhaus, Alkohol, Drogen, Schulden, Straftaten, Arbeits- und Wohnungslosigkeit — nur ein bisschen mehr davon und sie würden fallen. Dabei stand Wiese, als er mit seiner Arbeit begann, selbst auf der Schattenseite des Lebens. Eben diese Erfahrung hilft ihm, seine „Kunden“ vorm Absturz zu bewahren. In einer Filmdoku zeigt das NDR-Fernsehen, wie Rüdiger Wiese zwei seiner „schweren Jungs“ vorm Fall rettet.

von Kay-Christian Heine (Fotos & Text)


Es ist wohl einer jener Tage, die Rüdiger Wiese nicht so mag. Klar ist es schön, wie die Preetzer Prominenz aus Kirche und Verwaltung anerkennende Worte für das findet, was er, auch und gerade mit Hilfe seiner „schweren Jungs“, hier geschafft hat: Das integrative Begegnungscafé „Haus am Sandberg“ ist jetzt von oben bis unten renoviert. Seit Rüdiger Wiese es vor Jahren übernommen hat, steht es jungen Männern offen, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Und nun, seit der feierlichen Neueröffnung, vermehrt auch jungen Geflüchteten. Ein „Zeichen gelungener Integration“ sei das, findet Bürgermeister Björn Demmin. Und Erich Faehling, Propst der Propstei Plön im Kirchenkreis Plön-Segeberg, wo Wiese sein offizielles Büro hat, erkennt in diesem Projekt „viel Menschlichkeit und Fürsorge“.

Doch Rüdiger Wiese steht nicht gern im Mittelpunkt. Als alle Reden gehalten, die Geschenke überreicht und die Gäste in Gespräche vertieft sind, zieht er sich immer mal wieder zu seinen Jungs in den Garten zurück, um mit ihnen zu rauchen und zu scherzen.

Was junge Männer aus der Bahn wirft, hat Rüdiger Wiese von ganz nahe erlebt: „Man glaubt nicht, auf welche Biografien kaum Zwanzigjährige schon blicken können“, erzählt er leise und mit Bedacht. Sein Blick aus dunklen Augen im braun gebrannten, zerfurchten Gesicht zeugt von Entschlossenheit, Wärme und Anteilnahme, mitunter von Trauer. „Der Job ist nicht ohne“, sagt er. „Man kriegt alles mit, auch den Tod.“ Denn nicht immer gelingt es ihm, absturzgefährdete junge Leute von der Straße zu holen.

Meistens aber doch. Gut 70 Menschen, die vor dem Aus standen, hat er in Arbeit und ein geordnetes Leben gebracht. „Wichtig ist, dass die Jungs selbst aus ihrer schlimmen Lage herauswollen“, sagt Rüdiger Wiese, atmet durch und bekräftigt: „Wer nicht will, schafft es nicht.“

„Zuhören und nicht bloß heiße Luft pumpen“

Schwere Arbeitsunfälle, Arbeitslosigkeit, eine kaputte Beziehung: Wie schnell man abrutschen kann, hat der gelernte Dachdecker Rüdiger Wiese selbst erfahren. Damals, 2004 war das, hat er einfach ein Konzept für die Stelle eines Streetworkers geschrieben und sich damit beim damaligen Preetzer Bürgermeister vorgestellt. „Ich bin zwar ein stinknormaler Handwerker, kein Studierter“, sagt Rüdiger Wiese. „Aber ich durfte loslegen“. Aus der anfänglichen Teilzeit ist längst ein Vollzeitjob geworden.

Seine besonders schweren „Kunden“ — er nennt sie so, weil jeder Hilfesuchende für ihn zunächst ein unbeschriebenes Blatt ist — haben keinerlei Lebensperspektive. Wie bloß kommt Rüdiger Wiese an sie heran? „Indem ich so bin, wie ich bin“, sagt er. „Zuhören, jeden ernst nehmen, sich auch mal anschweigen, nicht bloß heiße Luft pumpen und immer da sein — das schafft Vertrauen.“ Selbst wenn es, wie schon vorgekommen, drei Jahre braucht. „Jeder Mensch hat ein Talent“, ist Wiese überzeugt. „Das gilt es zu finden und zu fördern — Schritt für Schritt.“

Der Filmemacher Tim Boehme hat Wiese sieben Monate lang mit der Kamera begleitet und ist beeindruckt von der Arbeit des Streetworkers. Er weiß jetzt: „Rüdiger gibt niemanden auf.“

Das NDR-Fernsehen zeigt die Doku „Rüdiger und seine schweren Jungs“ am Freitag, 29. April, ab 21.15 Uhr. Informationen und Kontakt im Netz unter bit.ly/1rakN5U (NDR) und bit.ly/1VvUBiI (Kirchenkreis Plön-Segeberg).

Der Autor dieses Porträts hat Rüdiger Wiese anlässlich der Neueröffnung des „Hauses am Sandberg“ in Preetz getroffen, um mit ihm im Auftrag der „Evangelischen Zeitung“ über seine Arbeit zu sprechen. Dabei hat er auch den Filmemacher Tim Boehme kennengelernt und etwas über die Dreharbeiten zu der NDR-Doku erfahren.

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