Hey AfD, ihr bekommt meine Empörung nicht!

Denn jetzt ist nicht die Zeit für Hass, sondern für Empathie.

“Twitter ist ein Medium, um Journalisten zu triggern. (…) Meine Twitter-Nachrichten haben schon zig Zeitungsseiten gefüllt.” Sagt Marcus Pretzell — und hat leider recht.

Marcus Pretzell. Verfluchte Heuchelei. Merkels Tote.

Jeweils zwei Wörter reichen, und ihr wisst, wovon ich rede. Der Landesvorsitzende der NRW-AfD hat sein Ziel erreicht: maximale Aufmerksamkeit.

Trotzdem schreibe ich darüber. Genau deshalb schreibe ich darüber. Warum? Dafür gibt es (mindestens) drei Gründe, hier in chronologischer Reihenfolge:

  1. “ Um sich medial Gehör zu verschaffen, sind daher pointierte, teilweise provokante Aussagen unerlässlich.”
    Frau Petry in einer internen Mail an AfD-Mitglieder, 7.3. 2016
  2. “Durch eine Personifizierung zukünftiger Anschläge soll [das Ziel erreicht werden] die Bundeskanzlerin möglichst schnell zum Rücktritt zu bewegen/ihres Amtes zu entheben.”
    Antrag der hessischen AfD-Spitze an den Bundeskonvent, 17.9.2016
  3. Mit „sorgfältig geplanten Provokationen“ wolle man die anderen Parteien zu nervösen und unfairen Reaktionen verleiten. Je mehr die AfD von ihnen stigmatisiert werde, „desto positiver ist das für das Profil der Partei“, heißt es in dem Papier.
    Internes Strategiepapier des AfD-Bundesvorstandes

Als ich gestern Pretzells Tweet gesehen habe, hatte ich den gleichen Impuls wie viele andere: Screenshot und einen empörten Kommentar dazu.

So viel menschenverachtender Zynismus darf schließlich nicht unwidersprochen stehen bleiben. Es braucht Kontra. Wir* müssen den rechten Hetzern zeigen, dass sie nicht die schweigende Mehrheit, sondern höchstens eine schreiende Minderheit sind.

(*Wir, im Sinne von: Menschen, die in der AfD keine Alternative, sondern eine Bedrohung sehen.)

Dann habe ich nachgedacht — und meine Empörung heruntergeschluckt.


Einen Tag und viele Gespräche später glaube ich, dass die richtige Reaktion auf bewusste Provokation zweistufig verlaufen muss: souveräne Ignoranz, gefolgt von entschiedenem Widerspruch.

Souveräne Ignoranz: Wenn populistische Brandstifter in einem strukturell auf Emotionalität und Eskalation angelegten Medium wie Twitter zündeln, hoffen sie auf einen Flächenbrand. Wer Idioten retweetet, teilt ihre Botschaft. Wer Screenshots von Idioten macht, verbreitet deren Hetze.

Entschiedener Widerspruch: Wenn Pretzell von “Merkels Toten” spricht, wenn Petry politische Korrektheit (a.k.a. anständiges Verhalten) verurteilt, wenn der saarländische Innenminister einen “Kriegszustand” herbeiredet, wenn Horst Seehofer bereits nach wenigen Stunden eine “Neujustierung” der Flüchtlingspolitik fordert, dann braucht es kluge Kommentare. Stimmen wie die von Kurt Kister:

Ja, “wir” sind den Opfern etwas schuldig. Wir sind ihnen schuldig, diese Gesellschaft nicht mit Hass und Gekeife zu verändern, sondern die oft unbequeme Freiheit, zu der auch politische Fehler gehören, mit Leidenschaft zu verteidigen.

Ich halte solche ausgeruhten Erwiderungen für die angemessenere Reaktion als kurzfristige Empörung. Bereits nach der Wahl in Berlin hat Heribert Prantl Sätze geschrieben, die heute nach wie vor Gültigkeit besitzen.

Die AfD ist eine Retropartei, sie ist eine Rauspartei: Raus aus der EU, dem Euro, der Nato, raus aus der Toleranz, zu der dieses Land gefunden hat. (…) Wenn nicht ständig “Ogottogott!” gerufen würde, wenn nicht jede Blähung als Donnerschlag Beachtung fände — dann wäre die AfD, bei allem verbreiteten Unbehagen über die Flüchtlingspolitik, nur halb so interessant.

Seit gestern steht endgültig fest, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird. Obwohl fast alle Medien fast jede seiner Äußerungen skandalisiert haben. Vielleicht aber auch: Weil fast alle Medien fast jede seiner Äußerungen skandalisiert haben.

2017 wird ein wichtiges Jahr. Im April entscheidet Frankreich über den Nachfolger von François Holland. In Deutschland stehen Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen an, außerdem die Bundestagswahl im Herbst.

2017 könnte das Jahr von Marine Le Pen und Frauke Petry werden. Die AfD wird die kommenden Monate nutzen und jedes Ereignis in ihrem Sinne instrumentalisieren. Es wird Selbstbeherrschung erfordern, besonnen auf ihre Provokationen zu reagieren. Diese Selbstbeherrschung ist wichtig. Lasst uns 2017 nicht zu einem Festjahr für Populisten machen.


Ich schreibe diese Zeilen nicht als Redakteur der SZ. Ich habe mir bis Donnerstag frei genommen und genieße das Privileg, das Internet ausschalten zu können. Statt am Newdesk live zu tickern, konnte ich Bücher lesen (danke, Leo), Podcasts hören (danke, Eva) und Gin trinken (danke, Ben). Ich bin meinen Kolleginnen und Kollegen dankbar, dass sie in diesen Tagen so einen tollen Job machen. Ich bin froh, dass ich Zeit habe, auf andere Gedanken zu kommen.


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