Ich bin Agnostiker! Darf ich mit Ihnen über Gott reden?

Strenger Atheist zu sein ist ganz schön hart! Richard Dawkins, seines Zeichens ein eben solcher, wusste das, als er 2006 in Der Gotteswahn sinngemäß und nur halb im Scherz schrieb, ihm sei ein schöner Streit mit einem überzeugten Katholiken lieber als das Herumdrucksen der feigen Agnostiker, die sich immer eine Hintertür offen halten, wenn es um die Frage nach der Existenz Gottes geht.

Doch so einfach ist es nicht. Für eine Seite entscheiden, und dann Augen zu und durch? Das kann ich nicht. Deswegen bezeichne ich mich nicht als strengen Atheisten, der mit glühendem Herzen davon überzeugt ist, dass es keine Instanz geben kann, die auf einer höheren Ebene existiert.

Um eines klarzustellen: Ich bin ziemlich weit oben auf der Atheisten-Skala. Naturwissenschaften (und Psychologie) sind für mich die einzig sinnvolle Methoden, unsere Wirklichkeit zu erklären, ohne Ausnahmen und Hintertüren. Doch gerade die Mathematik als die reinste Naturwissenschaft, einer bestimmten Betrachtungsweise nach, macht mich regelmäßig fertig. Die Kernfrage, welche mich nervös macht, betrifft immer wieder die drei Dimensionen, in denen wir unser Leben fristen, und etwaige höhere Dimensionen, die wir uns vorstellen (oder eben nicht vorstellen) können.

Es gibt dazu eine wunderbare Passage im Wunschpunsch von Michael Ende. Beim Brauen des satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsches war es notwendig, sich vorübergehend in eine höhere Dimension zu begeben, weil nur dort eine bestimmte Zubereitungsanweisung ausgeführt werden konnte. Man musste außerdem die korrekten Berechnungen für diesen Dimensionssprung sehr exakt vornehmen, da man sonst möglicherweise aus Versehen in der zweiten Dimension landete. Dort fristete man sein Leben so flach wie auf einem Filmstreifen und hätte noch nicht einmal eine Rückseite. Traurig.

Diese Vorstellung hat mich als Jugendlicher sehr beeindruckt und tut es bis heute. Ein Leben in der zweiten Dimension! Das ist kein reines Gedankenexperiment. Es gibt ein solches Leben. Kleinste Organismen lassen sich zwischen zwei Glasplatten unter dem Mikroskop dabei beobachten, wie sie ein ganz normales Kleinstlebewesenleben führen. Auch Super Mario und sein Bruder Luigi sprangen bis 1996 in einer flachen 2D-Welt umher und konnten nicht einfach vorne oder hinten an einer Schildkröte vorbeilaufen. Und das interessante daran: Wir Bewohner einer dreidimensionalen Welt können das gut nachvollziehen. Unser Hirn versteht diese Einschränkung, wir arbeiten in Kunst und Kultur sogar sehr stark damit, uns die Komplexität der dritten Dimension zu ersparen, um Dinge pointierter darzustellen.

Doch zurück zur Mathematik. Wer in einer, zwei oder drei Dimensionen Formeln lösen kann, macht an dieser Stelle natürlich nicht halt. Mathematiker rechnen in beliebig vielen Dimensionen. Das ist ihr gutes Recht, denn als reine Logikwissenschaft wissen wir, dass diese Rechnerei natürlich formal korrekt ist. Allein, die Vorstellungskraft fehlt uns. Höhere Dimensionen sind zwar auf abstrakter Ebene keine besondere Herausforderung für den gebildeten Menschen, aber sie sind eine Zumutung für die Vorstellungskraft, genau wie astronomische Entfernungen oder Größenverhältnisse im atomaren Kontext. Genauso muss es den Lebewesen in der zweiten Dimension gehen — sofern sie sich für Logik und Mathematik interessieren. Sie ahnen, dass es neben der ersten und zweiten Dimension noch etwas anderes geben mag, das sie nicht begreifen können.

Spätestens jetzt wird der geneigte Leser wissen, worauf ich hinaus will. Was, wenn auch unsere drei Dimensionen nur eine Art Filmstreifen bilden, der innerhalb einer vierten Dimension vorhanden ist, und dort eine untergeordnete Ebene bildet? Auch in dieser Dimension könnten Instanzen existieren, die bewusste oder unbewusste Handlungen vollziehen, ihren Spaß mit uns haben, oder uns einfach nur ignorieren. Man erinnere sich an die letzten 10 Sekunden des ersten Men-in-Black-Kinofilms:

Tja, damit habe ich dann wohl die maximal realste Form einer Gottesidee beschrieben, zu dessen Anerkennung ich unter Umständen bereit wäre. Wichtige Einschränkung: Wenn ich von Gott spreche, meine ich damit nicht Allmacht, Barmherzigkeit oder gar Dreifaltigkeit. Dies sind nur folkloristische Ideen der Religionsgeschichte.

Völlig unklar ist natürlich, nach welchen Spielregeln eine höhere Dimension funktionieren mag. Und eventuell lässt sich der Begriff der Allmacht ja ein wenig modifizieren. Ist eventuell unser Gott innerhalb seiner eigenen höheren Dimension alles andere als allmächtig, sondern ein ganz normaler Typ von nebenan, der zufällig für unser Universum zuständig ist? Doch bezogen auf unsere minderwertige Dimension ist er in der Tat allmächtig? Damit verwässere ich natürlich die absolutistische Implikation des Begriffes Allmacht! Aber mal ehrlich: Würde diese Art von kontextbezogener Allmacht nicht für eine durchschnittliche Gottes-Definition, inklusive Kreationismus und Ablasshandel, locker ausreichen?

Um den Gedankengang zum Abschluss zu bringen: Im Wechselspiel zwischen wissenschaftlicher Neugierde, philosophischem Denktrieb und schlichtem Pragmatismus siegt für mich ganz klar letzterer. Es ist mir im Grunde völlig egal, was in der vierten Dimension abgeht, denn ich werde es außerhalb einer mathematischen Formel sowieso nicht verstehen können — dafür sind unsere Hirne nicht gemacht.

Von daher, ja. Ich bin Agnostiker in dem Sinne, dass ich eine höhere Instanz nicht grundsätzlich ausschließen möchte. Aber ich lebe mein Leben mit angemessenem Erfolg auf eine Weise, dass diese Restunsicherheit keinerlei Rolle spielt. So leid es mir tut: Wenn die Viertdimensionler irgendwann einmal beschließen, unser Universum auf Grund von Unwirtschaftlichkeit abzuwickeln, ist es halt so; Ich werde sie nicht kaum aufhalten können, am allerwenigsten mit Gebeten, dem Opfern eines Tieres oder gar dem Töten von Menschen, die eine geringfügig andere Art haben, sich Gedanken über unsere höherdimensionalen Freunde zu machen.

In diesem Sinne: Frohe Ostern!


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