Ich kriege keinen Vertrag bei Vodafone — weil ich 24 Jahre alt und männlich bin

Foto: Kevin Spilker

Ich bin ein Schufa-Opfer. Und das, obwohl ich vor zwei Jahren noch nicht einmal wusste, dass die Schufa überhaupt existiert. Dann erwähnte ein Bekannter sie nebenbei und es interessierte mich nicht. Mittlerweile interessiert es mich doch: Denn Vodafone will aufgrund meiner Schufa-Auskunft keinen Vertrag mit mir abschließen.

„Wir haben ihre Bestellung geprüft und können sie leider nicht annehmen“, stand unter meiner Bestellung. Ende Mai wollte ich die Prepaid-Karte hinter mir lassen und einen richtigen Erwachsenen-Vertrag abschließen. Die Wahl fiel auf den Red-3-Tarif von Vodafone in Verbindung mit dem neuen iPhone. Doch Vodafone wollte mich nicht. Viermal versuchte ich es, viermal wurde meine Bestellung abgebrochen. Vom Kundendienst wusste auch keiner warum. Jeder Mitarbeiter riet mir, es einfach nochmal zu probieren.

Irgendeine freundliche Service-Stimme wusste schließlich doch, woran der Vertragsabschluss scheiterte: negative Bonität. Ich verstand gar nichts mehr. Mein Kontostand war bei über 1000 Euro. Nach kurzer Google-Suche wusste ich: Es musste an irgendwelchen Einträgen bei der Schufa liegen.

Ich war natürlich einigermaßen panisch, weil ich mich nicht daran erinnern konnte, irgendwann mal eine Rechnung nicht beglichen zu haben. Ausschließen konnte ich es aber nicht. Deshalb kam ich nicht drum herum, mich doch noch mit der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung auseinanderzusetzen.

Fast in jeder Schufa-Kategorie liegt meine Erfüllungswahrscheinlichkeit bei weniger als 90 %.

Die erste Hürde: Den Antrag für die kostenlose Auskunft meiner Daten auf der bewusst wirr gehaltenen Homepage finden. Seit dem 1. April 2010 ist die Schufa dazu verpflichtet, diese einmal jährlich kostenlos rauszugeben. Sie versteckt die Umsonst-Auskunft aber gekonnt hinter ähnlichen Leistungen, mit denen sie Geld machen kann.

Trotzdem schickte ich meinen Antrag raus. Zwei Wochen später war sie in meinem Briefkasten: die erste Schufa-Auskunft meines Lebens. Ich freute mich nur kurz.

Das, was ich vom kryptischen Durcheinander verstand, schockte mich. Viele doppelte Minuszeichen und „sehr bedenklich“. Fast in jeder Kategorie liegt meine Erfüllungswahrscheinlichkeit unter 90 %, bei den Telekommunikationsanbietern sogar nur bei 81.14 %. Der Vodafone GmbH wurde auf Anfrage bezüglich des möglichen Vertragsabschlusses eine Wahrscheinlichkeit von 49,22 % kommuniziert: sehr kritisches Risiko.

Nur beim Schufa-Score für Hypothekengeschäft sieht es etwas besser aus: Geringes bis überschaubares Risiko. Genau mein Humor.

Wie diese Zahlen wohl zustande gekommen sind? Denn von irgendwelchen Schufa-Einträgen stand nichts in den Unterlagen. Ich war sauer und ziemlich verunsichert. Deshalb rief ich bei der Schufa-Hotline an, um Widerspruch gegen die Werte einzulegen. Die Dame am anderen Ende erklärte mir dann, wieso ich ein solches Risiko bin: Die Schufa habe nach der Vodafone-Anfrage am 31.05.2015 zum ersten Mal von meiner Existenz erfahren. Sie interessierte sich also genau so wenig für mich wie ich mich für sie.

Die Frau versicherte mir, dass keine negative Einträge zu meiner Person vorliegen. Leider aber auch keine positiven. „Darum geht man hin und gleicht den Datenbestand mit dem von anderen Herren Ihres Alters ab.“, sagte sie. Außerdem sei wichtig, wer um mich herum wohne. Meine Nachbarn in der Calenberger Neustadt scheinen es mit den Rechnungen von Telekommunikationsanbietern nicht so eng zu sehen.

Und so komme man dann auf die Werte. Das einzige, was ich machen könne, ist abzuwarten. Mit der Zeit kämen ja positive Einträge hinzu und meine Werte gingen nach und nach hoch. Ich legte auf. Später ließ ich mir ihre Aussage, dass über mich keine negativen Einträge vermerkt sind, noch einmal schriftlich bestätigen.

Jedenfalls wusste ich danach: Vodafone entscheidet auf Grundlage einer nicht vorhandenen Datenbasis darüber, ob jemand einen Vertrag bekommt oder nicht. In meinem Fall: nicht.

Also schrieb ich eine staatstragende Mail an Vodafone, in der ich fragte, wie das alles sein kann und das Team bat, dem Irrsinn nachzugehen.

Liebes Vodafone-Team,
im vergangenen Monat habe ich viermal versucht einen Handyvertrag bei euch abzuschließen. Nachdem meine Bestellung die ersten beiden Male abgelehnt wurde, ohne, dass mir ein Mitarbeiter sagen konnte, warum, bekam ich irgendwann über den Kundendienst den Hinweis, dass es an einer negativen Bonität läge.
Ich hatte vorher mit der Schufa noch nie etwas zu tun. Deshalb bekam ich natürlich Angst, dass ich irgendwann vergessen hatte, eine Rechnung zu begleichen — ohne, dass mich jemand von dem Schufa-Eintrag informierte. Meine Hoffnung war, dass ich einfach verwechselt wurde. Denn mein angegebenes Konto war mehr als gedeckt für den Vertrag. Trotzdem versuchte ich noch einmal einen Vertragsabschluss bei euch, diesmal den kleineren Red-1,5-Vertrag statt des Red-3-Vertrags. Auch das scheiterte leider.
Daraufhin forderte ich von der Schufa meine Daten an. Letzte Woche kam endlich die Antwort: lauter “deutlich erhöhtes Risiko” und “sehr kritisches Risiko”. Darin stand auch, dass am 31.5.2015 mein Schufa-KI-Score für Telekommunikation an die Vodafone GmbH übermittelt worden war. Nachdem ich mit einer Schufa-Mitarbeiterin telefoniert hatte, erfuhr ich auch, warum mein Score so mittelmäßig ist:
Bis zum 31.5.2015 — also bis zu eurer Abfrage — hatte die Schufa noch nie von mir gehört, weil mein Bank nicht mit ihr kooperiert und ich auch sonst noch keine Abfrage oder Meldung erhalten habe. Die Mitarbeiterin sagte mir auch, dass ich dementsprechend noch nie einen negativen Eintrag erhalten hatte — was mich wie gesagt auch stark gewundert hätte. Stattdessen sei das einzige Problem, dass ich auch noch keine positiven Einträge vorliegen habe, weil die Schufa gerade erst von mir erfahren hat.
Was das Problem ist: […] Der Score-Wert, auf den ihr euch bei der Ablehnung meines Vertrags bezieht, ist überhaupt nicht aussagekräftig und bezieht sich auf überhaupt keine Erfahrungswerte. Gleichzeitig werde ich aber aufgrund von wenigen Demografika als Vertragspartner ausgeschlossen. […]
Damit ihr mich im System findet, schicke ich hiermit meine Bestellnummern mit: 358XXXX, 358XXXX, 1594XXXX, 358XXXX — wie gesagt: alle (meines Wissens nach) abgelehnt, wegen eines nicht aussagekräftigen Schufa-Scores.
Vielleicht irre ich mich und ihr habt wirkliche Beweggründe, mich nicht als Vertragspartner haben zu wollen: Dann würde ich mich freuen, wenn ihr mir diese einmal offenlegt. Ansonsten würde ich um eine andere Begründung für euer Vorgehen bei der Prüfung von Verträgen bitten und fragen, warum ich ungeeignet bin und ob ich irgendetwas machen kann, um meine Glaubwürdigkeit zu beweisen.
Es würde mich freuen, wenn sich eine passende Ansprechperson möglichst zeitnah um mein Schreiben kümmern könnte — denn ich brauche dringend ein neues Smartphone.
Vielen Dank und herzliche Grüße,
Martin Wiens

Zurück kam ein lebloser Haufen Standard-Blabla, der weder klar Bezug zu meinem Anliegen nahm noch irgendwie anders weiterhalf: Es könne entweder an einem Eintrag bei der Schufa oder beim Fraud Prevention Pool (FFP) liegen, schrieb der Kundendienst.

Die Schufa konnte ich ja bereits ausschließen. Den Fraud Prevention Pool nach kurzer Google-Suche auch. Dabei handelt es sich nämlich um eine Meldestelle, bei der Telekommunikationsanbieter Verstöße von Vertragspartnern angeben. Aufgrund der Tatsache, dass ich in meinem Leben noch nie einen Vertrag abgeschlossen hatte, ist ein Eintrag dort unwahrscheinlich. Weiter hieß es in der Mail, dass ich doch am besten in einen Vodafone-Shop gehen und es da noch einmal versuchen solle. Das ist Quatsch. Denn auch im Laden werden bloß die Vertragsdaten aufgenommen, ehe alles im Irgendwo geprüft wird. Wo genau, wissen die Vodafone-Mitarbeiter selbst nicht so recht.

Das ist vielleicht das Traurigste an der ganzen Sache: dass diese furchtbar freundlichen Kundendienst-Menschen ja genauso wenig Ahnung wie ich haben.

Vor dreieinhalb Monaten versuchte ich zum ersten Mal einen Vertrag bei Vodafone abzuschließen. Bis heute habe ich immer noch keinen. Warum Vodafone kein Geld von mir will, weiß ich nicht so richtig. Wahrscheinlich bloß, weil ich 24 Jahre alt und männlich bin — und weil die falschen Leute um mich herum wohnen.

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