Foto: Markus Spiske / raumrot

Ihr seid mir fremd

Guten Tag,

ich bin eine von denen aus dem Osten, von denen dieser Tage so viel geschrieben wird. Wissen Sie, uns oben in Mecklenburg waren die Sachsen schon früher suspekt. Das haben sich die Leute nicht erst jetzt ausgedacht. Die Sachsen, das vermeintliche “Staatsvolk der DDR”, kamen in Scharen zu uns an die frische Luft. Sie hatten ja keine richtigen Seen oder ein Meer. Und wie die sich aufführten! Konnten die nicht leise sächseln?

Aber die Wessis wollten die Sachsen anscheinend auch nicht. Das zeigt dieser Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1962. Da wird ein Menschenrechtler zitiert, Fritz Korn heißt er. Fritz Korn macht sich Sorgen, weil so viele Bundesbürger gegen die Sachsen hetzen:

“Wenn die These vom sächsischen Ursprung der meisten SED-Funktionäre nicht widerlegt werde, ‘könnte dies zu einer Verfemung und Verketzerung des obersächsischen Stammes unseres deutschen Volkes führen’.”

Und weiter heißt es im Text,

“daß Korns vorbeugender Feldzug wider den ‘unheilvollen Sachsenhaß’ und die ‘untergründige Saxophobie’ beinahe verspätet erscheint: In Berlin werden die Sachsen schon lange als fünfte Besatzungsmacht bezeichnet.”

Was heute vielleicht kaum ein Berliner noch sagen würde, da sie ja jetzt die Prenzelschwaben haben. ;-) Aber nicht nur die Berliner: Wir Deutschen mokieren uns allgemein gern über “die da” von anderswo: Ossis, Wessis, Neigschmeckte, Ausländer, Sachsen, Fremde. Ach ja, und die Griechen, erinnert sich noch wer?

Deshalb wundert es mich schon sehr, wenn Thomas Schmid bei “Welt.de” schreibt, dass Fremdenhass eben “doch” ein Ost-Problem sei. Dass wir in den vergangenen Jahren die deutsche Einheit schöngeredet und Unterschiede verschwiegen hätten. Wie etwa die unterschiedlichen Mentalitäten. Mag sein. Aber ich hatte die Einheit eigentlich so verstanden, dass wir ein Volk sind. Ein Volk, das Probleme eben nicht dadurch löst, dass es Störenfriede in die Ecke stellt, aus der sie erst herauskommen dürfen, wenn sie sich ausreichend geschämt haben oder kein Pack mehr sind. Deutsche Einheit bedeutet für mich, dass Probleme — egal ob in Heide, Heidelberg oder Heidenau — uns alle etwas angehen und nicht nur “die da” auf der anderen Seite der ehemaligen Grenze betrifft.

Thomas Schmid räumt fairerweise ein, dass es auch im Westen Ausländerfeinde gebe. Aber wenn jemand im Westen ein Flüchtlingsheim anzündet, so seine Argumentation, dann geschieht das “im Schutz der Nacht”. Er schreibt weiter:

“Tagsüber trauen sie sich das (noch?) nicht. Aus einem einfachen Grund: In der alten Bundesrepublik sind Rechtsradikalismus und Antisemitismus geächtet. Die Mehrheit der Bürger […] würde sich daher nie offen mit ausländerfeindlichen Hetzern und Schlägern solidarisieren.”

Mit Verlaub, das ist großer Mist. Der vorurteilsbehaftete Ossi möchte da gern rufen: Das ist typisch Wessi, sich nach außen hin gut verkaufen und hinten rum doch ein Nazi sein. Aber so kommen wir nicht weiter. Jeder in Deutschland, der sich offen oder im Stillen mit Hetze und Gewalt gegen wen auch immer solidarisiert, verstößt gegen die Grundsätze unseres Zusammenlebens: Anstand, Nächstenliebe, Toleranz, Friedfertigkeit. Das gilt für alle: für diejenigen, die in Heidenau Steine und finstere Worte schleuderten, aber auch für all jene, die sich jetzt angeekelt abwenden und mit “denen da im Osten” nichts mehr zu tun haben wollen — hallo Säxit. Das gilt für diejenigen, die Asylbewerberunterkünfte brennen sehen wollen, und für alle, die mit ihrer Zeit, ihrem Geld, ihren Habseligkeiten dafür sorgen, dass Flüchtlinge sich bei uns willkommen fühlen.

Wer auf Menschen herabsieht oder sie ausgrenzt, weil er sie nicht versteht oder nicht kennt, darf sich nicht wundern, wenn sie sich gegen ihn wenden. Deshalb hilft es nicht, wenn der Social-Media-Chef des Spiegel, Torsten Beeck, twittert (und den Tweet wieder löscht):

Oder Twitter-Spitzfindigkeiten wie: “Kann jemand die Flüchtlinge aus #Heidenau retten und dann eine Mauer bauen?” Oder wenn ARD-Hauptstadtkorrespondent Arnd Henze mit Verweis auf die “Bild”-Zeitung in die Sachsenschelte einstimmt:

Auch Amelie Fried hilft nicht, wenn sie im Cicero (07/2015) angesichts der mauen Wahlbeteiligung in ostdeutschen Bundesländern schimpft:

“Hey Ossis: Erst wollt ihr zur Bundesrepublik gehören — und jetzt, wo ihr merkt, dass der Kapitalismus genau die Nachteile hat, vor denen euch die DDR-Oberen gewarnt haben, pfeift jeder zweite von euch auf die Demokratie? Stattdessen marschiert ihr bei Pegida gegen Flüchtlinge auf, obwohl man bei euch Ausländer mit der Lupe suchen muss?”

Lieber Herr Schmid, lieber Herr Beeck, lieber Herr Henze, liebe Frau Fried und liebe andere, ich bin ein echter Ossi und in den “neuen Bundesländern” 13 Jahre zur Schule und 6 Jahre in die Uni gegangen — letzteres übrigens in Sachsen. Vielen Dank für die A20 und die A38. Ich habe noch keine Kommunal-, Landtags-, Bundestags- oder Europawahl verpasst. Jedes Mal, wenn ich über die ehemalige innerdeutsche Grenze fahre, wenn 9. November oder 3. Oktober ist, wenn ich meine Koffer packe und ins Ausland fliege, bin ich dankbar dafür, dass wir alle wieder ein Volk in einem gemeinsamen, freien Land sind.

Jetzt wohne ich im Südwesten Deutschlands. Hier treffe ich Menschen, die noch nie in ihrem Leben im Osten waren. Ich treffe Menschen, die — sobald sie etwas über oder gegen Ossis sagen wollen — mit hoher Fistelstimme sächseln. Und manche gebrauchen die Bezeichnung “aus dem Osten”, wenn ihnen zum Beispiel nicht passt, was ein neigschmeckter Politiker plant.

Wir alle sind irgendwann einmal fremd gewesen oder Fremdem begegnet. Wir alle kennen das Gefühl der Unsicherheit, der nervösen Erwartung oder gar Angst. Wer sind wir, dass wir anderen das vorwerfen? Wir alle können ein wenig Herzensbildung gebrauchen, wie “kopfkompass” in der Community von “Der Freitag” schreibt. Denn “wenn sich Menschen mit kontroversen Meinungen im bürgerlichen Debattenkanon nicht gehört oder gar verspottet fühlen, wenden sie sich ab und sprechen anderswo” — oder hauen einfach drauf.

Wenn wir also etwas für Flüchtlinge tun wollen, heißt das auch, dass wir, die wir schon hier sind, nicht ständig mit dem Finger aufeinander zeigen. Wir müssen anerkennen, dass Fremdenhass ein Problem unserer Leute ist — unser Problem ist. Und wenn wir jemanden zum Schämen in die Ecke gestellt haben, müssen wir da auch hineingehen und ihn wieder herausholen.

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