Im Schatten der Märtyrer: Impressionen aus Srebrenica

10. August 2016

© Tarek S. 10.08.2016

Wir halten in Potočari, einem engen Talkessel, umgeben von satt grünen und dicht bewaldeten Bergen tief in Ostbosnien, nahe an der serbischen Grenze und in der sogenannten Entität „Republika Srpska“. In Potočari ist die bekannte Gedenkstätte und der Friedhof für die Opfer von Srebrenica. Als wir ankommen ist es 30 Grad im Schatten, die Luft steht, der Schweiß läuft. Merk-würdige Stimmung. Über dem Ort herrscht eine Ehrfurcht einflößende Stille. Von den Bergen blicken die vielen Bäume wie stumme Zeugen der Grausamkeit des unschuldigen und sinnlosen Sterbens auf einem herab. In dieses Bild reihen sich tausende kleine weiße Gräber auf saftig grünem Boden.

© Tarek S. 10.08.2016
© Tarek S. 10.08.2016

Immer wieder tauchen Frauen oder ganze Familien auf, wickeln sich lose Tücher um den Kopf und fangen an vor den Gräbern, im Schatten der Märtyrer, für die Ermordeten zu beten.

Überreste, gefunden in einem Massengrab in Srebrenica (Links ein Koran) / Srebrenicia Memorial Room

Am 11. Juli 1995 überrennen serbische Truppen unter General Ratko Mladic die damalige UN-Schutzzone Srebrenica und massakrieren innerhalb der nächsten Tage 8.372 muslimische Jungen und Männer im Alter von 12 bis 77 Jahren.

Was hier vor 21 Jahren und einem Monat geschah, war organisiert, systematisch und hatte Ideologie. Hier lässt sich auch nichts zu bloßem ‘Kriegsgeschehen’ relativieren. Im Februar 2007 wurde der größte Massenmord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg vom internationalen Strafgerichtshof in Deen Haag als Genozid bewertet.

Links: Namen und Geburtstage namentlich bekannter Opfer (mehr als 8000) © Tarek S. 10.08.2016

Ein Genozid unter den Augen der UN. Zwar hatten die niederländischen Blauhelmsoldaten den Auftrag die Bewohner zu schützen, aber als die serbischen Milizen vorrückten, schritt man nicht entschieden ein, um die Morde zu verhindern.

Auf dem Gelände einer stillgelegten Autobatterie-Fabrik befand sich das holländische UN-Bataillon „Dutchbat“. © Tarek S. 10.08.2016
Ganz links Mladic und Mitte Karreman

Bilder symbolisieren hier mehr als Worte. Ein Foto zeigt den ehemaligen Kommandeur der Blauhelme Ton Karreman zusammen mit dem serbischen General Mladic beim Sektempfang, während die Männer von Mladic’s tausende Menschen unweit massakrieren. Heute weiß man mehr über jenes Versagen. Schon bereits vier Monate vor dem Fall von Srebrenica hatten führende Militärs der NATO konkrete Informationen über die Angriffsziele und Eroberungspläne der Serben. Darüber hinaus hatte Human Rights Watch im Nachgang mehrfach der NATO schwere Versäumnisse bei der Suche nach den als Kriegsverbrecher angeklagten Ratko Mladic und Radovan Karadzic vorgeworfen. Ein kleiner aber verspäteter Trost: Karadzic wurde dieses Jahr am 24. März 2016 vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag für den Völkermord schuldig gesprochen und zu insgesamt 40 Jahren Gefängnis verurteilt.

Von links Pavel, Karadzic und Mladic

Ein anderes Foto versinnbildlicht die zweifelhafte Rolle der Serbisch-orthodoxen Kirche. Dieses zeigt den Patriarchen Pavle, den höchsten Geistlichen jener Kirche wie er Karadzic und Mladic in Sokolac bei Sarajevo geweihtes Brot reicht.

Gallery 11/07/95, Sarajevo 2016

Der Bundesvorsitzende der Gesellschaft für bedrohte Völker Tilman Zülch schreibt diesbezüglich, dass Pavle „engste freundschaftliche Beziehungen zu den beiden bosnisch-serbischen Hauptkriegsverbrechern Ratko Mladic und Radovan Karadzic gepflegt (hatte) , als diese über 200.000 bosnische Muslime und Katholiken in Konzentrations- und Internierungslagern festgehalten hatten und 20.000 bosnisch-muslimische Frauen von serbischen Milizen systematisch vergewaltigt wurden”.

Gallery 11/07/95, Sarajevo 2016

Seine Stimme jedenfalls hatte er nicht erhoben als serbische Truppen jahrhundertalte Moscheen und Madrasen (insgesamt über 1000) und dazu über 500 katholische Kirchen und Gemeindehäuser zerstörten.

Über Srebrenica mag alles hinlänglich bekannt und gesagt worden sein. Aber es bleibt als eine Chiffre des Schreckens und als Mahnung bestehen. Der Eindruck verstärkt sich durch einen persönlichen Besuch. Srebrenica ist dabei jedoch nur der traurige Höhepunkt eines ideologisch begründeten und rücksichtslos geführten Vernichtungsfeldzuges gegen die nichtserbische Bevölkerung in Bosnien und Herzegowina.

Gefundene Hinterlassenschaften bei den Massengräbern (Links und Rechts: Gebetsketten) / Srebrenica Memorial Room
Links: Eines der vielen alten Häuser in Sarajevo mit Einschusslöchern. Rechts: Steintafel mit einem Gebet der höchsten muslimischen Autoritäten aus Bosnien. Bemerkenswert der Verzicht auf Revanche für gerechte Prozesse © Tarek S. 10.08.2016

Denn dazu gehört auch die mehr als drei Jahre andauernde Belagerung von Sarajevo und die damit zusammenhängende alltägliche Terrorisierung der Zivilbevölkerung mit mehr als 10.000 Toten sowie die ethnischen Säuberungen in anderen bosnischen Städten wie Visegrad, Zvornik, Foca oder Prijedor.

Zu solchen historischen Tatsachen kann man sich schlussendlich nicht geistig indifferent verhalten. Ferner gehört es zur moralischen Verpflichtung bei der Bewertung sauber und klar Aggressor und Opfer voneinander zu trennen.

© Tarek S. 10.08.2016

Zwar brachte das Daytoner Abkommen Frieden, aber die menschenverachtende und ultra-nationalistische Ideologie wurde zugleich anerkannt, indem man in einem Teil von Bosnien und Herzegowinas die Entität «Republika Srpska» geschaffen hat. Allein der Name verweist auf die Idee eines Territoriums für ein einziges Volk. Bis heute werden die Verbrechen an den muslimischen Bosniaken und anderen Nichtserben in der Republika Srpska von führenden Politikern, staatlichen Institutionen und Medien geleugnet, vermieden oder relativiert.

Als wir am Abend von Srebrenica wieder zurück in Richtung Sarajevo fahren wollen, zieht ein Unwetter auf. Die Straßen werden überschwemmt, die Stimmung apokalyptisch. Die vorbeiziehenden serbischen Landstriche und Dörfer wirken verarmt. Auffallend hier nur die stets präsenten und großen Nationalflaggen.

© Tarek S. 10.08.2016

Am Ende eines Dorfes werden wir, es ist bereits Nachts, von zwei serbischen Polizisten angehalten. Wir sind uns keiner Schuld bewusst, uns wird jedoch via Smartphone und Google Translator mitgeteilt, dass wir den Seitenstrich überfahren und nicht-angeschnallt gewesen wären. Beide Vorwürfe waren völlig aus der Luft gegriffen. Nichtsdestotrotz verlangten die latent aggressiven Polizisten 70 Euro oder eine Nacht auf der Polizeiwache. Wir geben nach, schütten ihnen die Reste aus unseren Portemonnaies und dürfen weiterziehen durch die nächtlich verregneten Gebirgspässe.

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