Waldpod zwischen Schwerin und Wismar

In lauten Nächten

Wie es ist, allein in den Mecklenburgischen Wäldern zu schlafen und Rammstein zu hören.

Wenn man Angst hat, soll man laut singen, heisst es. Wenn man Angst und ein iPhone hat, reicht vielleicht auch den Gesang lauter zu drehen, dachte ich, am Waldrand liegend, alleine und wehrlos in einen Schlafsack eingewickelt. Kein Zelt über mir und kein Haus in Sicht, dessen Fenster beruhigend in die Dunkelheit leuchteten und zu dem ich hätte rennen können.

Also drückte ich auf den + Knopf. Die Streicher wurden lauter und der Lautstärkebalken länger. Das Display war das einzige Licht. Eine Männerstimme sang langsam, sanft und laut:

Ich werde in die Tannen gehen
Dahin wo ich sie zuletzt gesehen
Doch der Abend wirft ein Tuch aufs Land
Und auf die Wege hinterm Waldesrand

Ich drückte nochmals + und der Balken wurde gelb und dann rot: «Sehr laut». Konzerthalle im Kopf. Das sollte meine panischen Gedanken in der undurchschaubaren Dunkelheit verdrängen.

Und der Wald er steht so schwarz und leer
Weh mir, oh weh
Und die Vögel singen nicht mehr

Mein Plan war, meinen Kopf mit Musik zu füllen wie einen Ballon mit Helium, damit er leicht wird und aus dem Wald in den Himmel aufsteigt, wo ich meinen Schlaf finden und erst im Morgentau bei Sonnenaufgang wieder aufwachen werde. Rammsteins «Ohne dich» sollte mich beruhigen und betäuben. Die Streicher und das Sternen-Panorama, das sich vor mir über dem abgeackerten Feld erhob, sollten mich davor ablenken, dass ich nicht wusste, was hinter mir war. Nur: Warum sollte mir auf einer Isomatte gelingen, was mir selbst in einem Hotelbett kaum gelingt, nämlich einschlafen? Ausserdem ist der Wald nicht einfach schwarz und leer. Er ist laut. Sehr laut. Und knackst ständig.

Dem Magazin der «Süddeutschen Zeitung» sagte Till Lindemann, Sänger von Rammstein, einmal, dass er oft Tage und Nächte in seinen heimatlichen Wäldern zwischen Schwerin und Wismar verbringe: «Ich schlafe nachts im Wald und horche. Ich höre in die Natur. Sagenhaft, was du nachts im Wald hörst. Das ist unbeschreiblich schön.» Das Bild ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht, weil ich selbst einen guten Teil meiner Jugend zur Musik von Rammstein in Wäldern verbrachte, als Pfadfinder in der Schweiz der neunziger Jahre. Wir hörten Nachts auf dem tragbaren Radio dieses einsame Pfeifen, mit dem «Engel» beginnt, und wussten nicht, ob wir nun Angst haben oder uns stark fühlen sollten, ob wir dieses Pfeifen in den Wald hinaus schallten, es also uns gehörte, oder ob es im Wald etwas eigenes wurde und uns gleich überfallen könnte. Aber nie hatte ich das gleiche alleine gewagt. Nie schlief ich alleine und ohne Zelt im Wald.

Warte bis es dunkel ist

Ich hatte keine konkrete Route, als ich in Schwerin aus der Eisenbahn stieg. Mein einziger Plan war, durch die Wälder zu wandern und meine Isomatte auszurollen, sobald es Nacht wird. In drei Tagen wollte ich Wismar erreichen, dreissig Kilometer entfernt. In Schwerin ass ich meine letzte warme Suppe, kaufte ein paar Konserven und schaute noch ein wenig das Schloss an. Schwerin ist ein beruhigend idyllischer Ort. Man könnte auch in Konstanz am Bodensee sein, wenn man dem Ufer lang geht, an den schmucken Badehäusschen vorbei. Aber man sagte mir, dass die Idylle hinter Schwerin und den Badehäusschen abrupt ende und eine steppenartige Landschaft beginne. Ich ging dem See entlang über eine kleine Brücke, die seltsamerweise über nichts führte. Ich musste wieder an ein Rammstein-Lied denken:

Der Wahnsinn
Ist nur eine schmale Brücke
Die Ufer sind Vernunft und Trieb

Und da begann sie tatsächlich: Karge Landschaft aus Wiesen und Wäldern, in dumpfen, verstaubten Grün- und Brauntönen. Nur der See glitzerte noch blau. Ich wollte ihm gerade den Rücken kehren, als am Ufer der Triebe ein Mann, muskulös und tätowiert, und eine Frau sich arrangierten. Sie zog ihr letztes Stück aus, legte sich in die Wiese und spreizt ihre Beine. Er legte sich, bereits entblösst, zwischen ihre Schenkel. Falls sie mich sahen, war ich ihnen egal. Oder wie es Rammstein sagen würden:

You’ve got a Pussy
I have a Dick ah
So what’s the problem
Let’s do it quick

Die Szene war so komisch plump, dass ich lachen musste. Niemand wird mir glauben, dass sich das so zugetragen. Es passte zu unwahrscheinlich gut. Aber auf einer tagelangen Wanderung erlebt man nun mal — statistisches Geschick — unwahrscheinliche Szenen. Sie zu verschweigen würde heissen, zu lügen. Ausschlachten muss man sie aber auch nicht. Ich liess also die beiden womit auch immer weitermachen und zog in Richtung der Wälder.

Meistens sind die Berge die Erhebungen einer Wanderung. Um den Berg drehen sich beim Wandern alle Gedanken. Auf dem Berg verspricht man sich einen neuen Geisteszustand, ein Gefühl von Grösse vielleicht oder von Demut. Bei dieser Wanderung war nicht der Berg die Erhebung, sondern die Nacht. Wie ein Berg sah ich die Nacht vor mir. Verängstigt und erwartungsvoll. Ich suchte nicht nach Dörfern, in denen ich pausieren konnte, nicht nach Wegen, die mir einen schönen Ausblick offerieren. Ich suchte nach Routen, Dörfer zu umgehen, und hielt Ausschau nach Wäldern, in denen ich eine reine Nacht erleben konnte, die etwas aus mir machen sollte, das ich von mir noch nicht kannte.

Meine Wanderung sollte mich in den nächsten Tagen an Seen vorbei und durch Sümpfe führen, durch Baugruben, in denen Motocross gefahren wird, und durch Naturschutzgebiete, in denen einem Libellen verfolgen. Aber eigentlich war ich immer nur auf der Suche nach der Nacht. Stundenlang folgte ich Wanderwegen, die kaum bewandert werden, und ärgerte mich, als ich mich nach einer falsch interpretierten Strassenkreuzung wieder in eine Siedlung mit Klinker-Häuschen und Kindern auf Ponys verirrte und Stunden bis zum nächsten verlassenen Wald gehen musste. Ich hatte es mir einfacher vorgestellt, in Mecklenburg alleine zu sein.

Laute Nacht

Ich riss die Kopfhörer aus meinen Ohren. Nur wenige Meter vor mir hatte sich ein Schatten vor dem Sternenhimmel abgesetzt und ging lautlos an mir vorüber. Ich zog hastig meine Arme aus dem Schlafsack und stützte mich auf die Ellbogen. Hatte ich nicht gelesen, dass sich Tiere von mir fern halten? Ich hörte, wie das schwarze Etwas in den Wald trat. Das Unterholz knackte. Mein Wissen über das Verhalten von Tieren ist zugegebenermassen bescheiden. Freunde hatten mich vor vielem gewarnt, bevor ich los zog. Vor Rehen, Wildschweinen, Wölfen und schiesswütigen Jägern. Im Internet las ich dann, dass — bis auf die Jäger — alle Waldwesen scheu seien. Angst habe müsse man lediglich vor einem Tier, vor dem mich niemand meiner Freunde warnte: Zecken. Das beruhigte mich. Nichts ist so verführerisch wie eine Erkenntnis, die einem klug wirken lässt. Dass alle meine Freunde Angst vor Wildschweinen hatten, obwohl sie sich eigentlich vor Zecken fürchten müssten, gefiel mir so gut, dass ich gar nicht weiter über Rehe und Wildschweine recherchierte.

Und jetzt war da ein Tier, das offenbar keine Angst vor mir hat und markant grösser war als eine Zecke. Ich hörte dem Knacken weiter zu, wie es sich bewegte, um mich herum, wie es scheinbar hinter mir plötzlich halt machte. Mit meiner Stirnlampe leuchte ich in den Wald, so weit aus dem Schlafsack, dass ich gleich hätte aufspringen können. Ein silbernes Augenpaar blitzte auf und starrt mich an, keine zehn Meter entfernt. Dann wandte sich das Reh wider dem Vegetation zu und graste den Waldboden ab.

«Oh wie süss, Bambi», sagte ich leise zu mir selbst.

Wenn man Angst vor Tieren hat, kann man laut singen. Oder die Musik lauter drehen. Oder an Disney-Filme denken. In dem Moment, in dem ich «Bambi» flüsterte, wurde der Wald niedlich, eine Phantasie, in dem sich Hasen und Füchse und Menschen und Rehe Gutnacht sagen. An ungezähmteren Orten als den deutschen Wäldern hat diese Illusion zwar manchen das Leben gekostet. Menschen, die glaubten, die Bären seien ihre Freunde oder die Wildnis ein Zuhause. Doch Deutschland kann man so denken.

Wieder steckte ich die Kopfhörer ein, blickte auf die Sterne, den brennend aufsteigenden Mond, die zahlreichen Sternschnuppen, und hörte weiter Rammstein. Bin ich zu voreingenommen, oder spielen deren Lieder wirklich sehr oft im Wald zwischen Mensch und Tier? Alle Ängste, die einem im Wald verfolgen, findet man in diesen Texten wieder. «Du riechst so gut» zum Beispiel:

Ein Raubtier das vor Hunger schreit
Witter’ ich dich meilenweit
Du riechst so gut / Gleich hab’ ich dich
Ich warte bis es dunkel ist
Dann fass’ ich an die nasse Haut

Die erste Nacht im Wald ist wie die erste Nacht in einer unbekannten Grossstadt. Es fehlt einem das Vertrauen in alles. Noch wusste ich es nicht, aber ich sollte die nächste Nacht in einem Jagdsitz schlafen. Es sollte eine gute Nacht mit tiefem Schlaf werden. Aber es war ein ganz anderes Gefühl. Die Geräusche in den vier Wänden eines Jagdsitzes sind die gleichen wie auf dem Boden. Aber man nimmt sie nicht persönlich. Man differenziert sie im Kopf, isoliert jedes einzelne und versucht sie zuzuordnen. Ein intellektuelles Spiel. Man will dann ständig durch das Fenster nachsehen, was so klingt. Ohne Wände aber ist alles Terror. Es kreischten Vögel und Enten. Es zirpten Grillen. Bei einem erneuten Knacken fuhr ich vor Schreck hoch. Wahrscheinlich müsste man im Schlafsack versinken wie in einem Kokon und sich seinem Schicksal ergeben, wie wenn man in ein Flugzeug steigt und nur noch vertraut. Dann wird aus dem Lärm aus dem Wald wohl dieser «unbeschreiblich schöne» Klang, von dem Lindemann sprach und in den er sich flüchtet, wenn Berlin ihn runterzieht. Noch traue ich diesem Wald nicht, höre nur:

Sehnsucht versteckt
Sich wie ein Insekt
Im Schlafe merkst du nicht
Dass es dich sticht

Ich machte die Musik aus und versuchte wieder zu schlafen, rutschte aber nur in dieses Delirium zwischen Wachsein und Schlaf. Meine Isomatte, auf der mein Ohr lag, wurde zum Verstärker des Waldbodens. Ich vermutete unter der Matte einen Käfer, der sich schabend durch den Schaumstoff frisst. Ich hob die Matte hoch, aber da war kein Käfer. Ich legte mich wieder hin und es kratzte weiter. War ich das womöglich? War es mein Puls, mein Herzschlag, den ich da hörte? Konnte ich ernsthaft nicht mehr zwischen mir und einem Käfer unterscheiden? Hätte ich statt Lindemanns Gedichtband «In stillen Nächten» vielleicht besser Kafka mit in den Wald nehmen sollen? Es war wie damals mit dem Pfeifen bei den Pfadfindern. Bin das noch ich selbst, der liegt und denkt, oder macht der Wald aus meinen Gedanken etwas, das mich gleich überfällt? Dann endlich dämmerte es.

Hier kommt die Sonne

Erschienen leicht gekürzt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Weitere meiner Reportagen unter http://herrfischer.net

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