Journalismus auf YouTube: Ein Trauerspiel

YouTube ist bunt, lustig, schön und laut. YouTube bietet für viele unterhaltsame Themen seit Jahren die passende Plattform. Doch Journalismus lohnt sich auf YouTube nicht. Zumindest hier bei uns in Deutschland.

#3sechzich — gescheitert

Gestern gab der WDR die Einstellung des Kanals #3sechzich zum Jahresende bekannt. Zu schlecht war die Resonanz des Projektes, das Anfang 2015 gestartet war. Mit knapp 6.900 Abonnenten auf YouTube, 3.200 Followern auf Twitter und 3.000 Fans auf Facebook konnte man die Erwartungen des WDR nicht erfüllen.

Für mich leider nicht verwunderlich. Vorab muss ich sagen, dass ich ganz zu Beginn des Projektes mit involviert war. Ich sollte moderieren, musste aus zeitlichen Gründen leider passen. Daher kenne ich das Team dahinter und auch einige der Moderatoren. Alles tolle Menschen mit Visionen, Ehrgeiz und dem Willen, aus Fehlern zu lernen.

Die wurden bei #3sechzich definitiv gemacht. Der ganze Kanal wirkte zu sehr wie das WDR Fernsehprogramm — nur in abgespeckter Light-Variante. Das ist sicherlich auch den Strukturen der öffentlich-rechtlichen Statuten geschuldet.

Am Ende bleibt ein Kanal, der super viel Potenzial hatte, sich aber nie zwischen Fisch und Fleisch entscheiden konnte. Die Dokumentationen waren super, beispielsweise die über den AfD-Nachwuchs. Doch auch die wirkte am Ende weniger wie VICE, sondern mehr wie “Aktuelle Stunde On The Road”.

Schade.

Was Geht Ab?! — gescheitert

Ein anderes Projekt, in dem ich zeitweise stark involviert war, hieß Was Geht Ab?!. Diesen Kanal durfte ich dieses Jahr für einige Zeit bei Mediakraft leiten, was mir unfassbar viel Spaß bereitet hat. Nachrichten für jüngere Menschen, spannend und eine tolle Herausforderung.

Vor meiner Zeit von Mediakraft-Partnern LeFloid & Co. gegründet, ging der Kanal sehr schnell durch die Decke. Wobei es auch ein bisschen am YouTube von damals lag. Zu dieser Zeit war es extrem einfach, Reichweite zu generieren. Ein “Daumen hoch” unterhalb des Videos wurde direkt für die eigenen Follower prominent sichtbar. Deshalb konnte man rein theoretisch alles pushen. Auch einen Nachrichten-Kanal.

Die Aufmachung und Themen waren viel mehr YouTube. Gut, man hatte sich hier auch von englischen Größen wie Philip DeFranco und Sourcefed “inspirieren” lassen. Alles legitim.

Der Kanal bekam einen Knacks, als LeFloid und die anderen Gesichter Mediakraft verließen. Das Ganze war zu sehr auf diese Personen aufgebaut gewesen.

Dennoch versuchte man bei Mediakraft, das Ding zu retten. Und ich muss an der Stelle auch anmerken, wir hatten alle Freiheiten. Zumindest für eine kurze Zeit. Doch hier offenbarte sich ein anderes Problem: Das Geld.

Was Geht Ab?! wurde von zwei Redakteuren, einem Kameramann + Cutter gefahren. Pro Monat lag man hier einfach schon bei über 10.000 Euro an reinen Kosten, die man zu kaum einer Zeit durch Klicks und Werbung reinholen konnte.

Nach meinem Weggang versuchte man weiter alles, doch Mediakraft entschied sich sehr kurzfristig dazu, diesen und anderen Kanäle mit sofortiger Wirkung einzustellen. Ohne Kommunikation nach Außen.

2x Schade.

Die Probleme

Journalismus hat auf YouTube einen schweren Stand und ich breche nachfolgend die Hauptprobleme runter:

  • Zielgruppe

Journalismus auf YouTube funktioniert im englischsprachigen Raum sehr gut, weil man eine breite Zielgruppe erreicht. In Deutschland ist man sprachlich extrem limitiert. Auf englisch erreicht man viel mehr Menschen auf der Welt, auf deutsch hingegen muss man mit Deutschland, Österreich, Schweiz und Teilen der europäischen Nachbarländer vorlieb nehmen. Nur logisch, dass man hier weniger weniger Views generieren kann.

  • Themen

YouTube Deutschland ist noch relativ jung. Ebenso ist es die Zielgruppe. Unterhaltsamer Content teilt sich viel besser, als ernste Themen.

ABER LEFLOID IST ERFOLGREICH!

Ja, das ist er. Definitiv. Aber die Leute schauen sich die Videos zunächst wegen seiner Person an. Die ist Kult. Und er selbst kommentiert Nachrichten. Er “recherchiert” keine neuen Problematiken. Das ist ein Unterschied zu dem, was beispielsweise #3sechzich versucht hat.

Das ist auch das Problem, dass ich mit meinem Kanal habe. Die Zuschauer wollen die kuriosen, abgefuckten Themen sehen. Oder was mit Brüsten. Ein Blick auf meine meist gesehenen Videos zeigt das. Leider:

  • Geld

Recherche, Skripten etc. kostet Geld. Journalismus ist nicht günstig. Und genau hier ist das Problem: Mit Klicks kann man die Kohle nicht reinholen. Produktplatzierungen funktionieren bei journalistischen Inhalten ebenfalls nur schwer, bzw. so gut wie gar nicht.

  • YouTube selbst

Der YouTube Algorithmus ist entscheidend, ob ein Kanal groß wird oder nicht. Je besser die Inhalte zu den internen Bewertungskriterien passen, desto eher werden die eigenen Videos rechts am Rand anderen Nutzern vorgeschlagen. Und in Sachen Performance sind Gaming- und Beauty-Videos kaum zu schlagen. Oftmals leichte Inhalte, die man gerne teilt und von denen man sich auch zehn Stück hintereinander anschaut. Je nach Thema, brauch man bei journalistischen Inhalten im Anschluss erstmal eine Pause.

Tödlich auf YouTube.

Die Lösung

Ich habe mich jetzt lange mit dem Thema beschäftigt und es gibt für mich eigentlich nur eine wirkliche Lösung.

Passend dazu auch das Video von Martin Giesler, der mir zum Thema einige Fragen gestellt hat:

Um den Journalismus auf YouTube in Deutschland voranzubringen, benötigen wir einen starken Partner. Einen Partner, der genügend Geld, aber auch die Geduld hat, den Dingen seinen Lauf zu lassen.

Die 14-jährigen, die heute mit YouTube aufwachsen, werden in 3–4 Jahren immer noch ganz natürlich die Plattform besuchen. Nur dann werden sie auch Interesse an erwachseneren Themen haben.

Wenn man sich jetzt etabliert, kann man auf lange Sicht die Früchte ernten. Doch das geht nur mit Geld und Geduld.

Hinzu kommen die Inhalte selber. Man darf nicht einfach versuchen, Spiegel TV auf YouTube zu spielen. YouTube zeichnet sich durch seine Authentizität aus. Durch die Nähe zum Protagonisten. Das muss auch hier im Vordergrund stehen.

Gute Leute gibt es bereits. MrWissen2Go, Stör/Element, DailyKnoedel sind nur ein paar kluge Köpfe, die zumindest versuchen, etwas mehr Journalismus auf YouTube zu bringen. Ich biete mich an dieser Stelle auch an, denn es ist in meinen Augen unfassbar wichtig, die jüngeren Zuschauer sehr früh zu erreichen, um Fehlinformationen durch fragwürdige Parteien oder Facebook-Seiten zu vermeiden.

Auch hier bedarf es wieder Geld, um den “Gesichtern” eine langfristige Perspektive zu ermöglichen und um sie zu halten.

Aktuell sehe ich da die öffentlich-rechtlichen weiter in der Pflicht, sie haben das Geld. Aber leider auch zu viele Gehirn-Mumien, die bis heute keine Ahnung haben, was dieses YouTube ist.

Auf der anderen Seite zeigen auch VICE oder Business Insider, dass man nicht nur YouTube, sondern auch alle anderen sozialen Netzwerke mit Videos bespielen sollte und dadurch extreme Erfolge verzeichnen kann.

Aber wer soll diesen Part in Deutschland einnehmen? Ich weiß es nicht. Zumindest habe ich die Hoffnung auf die “Jugendbestrebungen” von ARD & ZDF. Der verantwortliche Mensch dahinter — Florian Hager — habe ich als sehr kompetente Person kennenlernen dürfen. Seine Ansichten stimmen und wenn er es schafft, den alten Menschen ganz Oben die Sache gut zu verkaufen, könnte das ganze Projekt ein echt dickes Ding werden.


Warten wir es ab. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Journalismus auf Youtube in Deutschland nur ein Trauerspiel. Leider.


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