Keiner davon ist witzig / 2016–01
Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.
Mit dieser Folge beginnt der zweite Jahrgang von Keiner davon ist witzig. Gelegenheit für eine kurze Zwischenbilanz und Kalibrierung.
Erstens: Der Erfolg hat mich überrascht. Jede Folge ist ausgiebig retweetet worden, was mir einige hundert Leser beschert hat. Das ist ein ungewohntes Gefühl, und es birgt die Versuchung, schon allein deshalb weiterzumachen, weil man dieses Gefühl zurück will. Das wäre mir allerdings zu wenig.
Was mich, zweitens, bei der Sache hält, ist die Möglichkeit, hochpersönliche Texte zu schreiben, ohne gleich von der Bühne gepfiffen zu werden. Dieses Persönliche hat nur oberflächlich mit dem Narzissmus des Autors zu tun, sondern es scheint mir die einzig verlässliche Methode zu sein, kein belangloses Zeug zu schreiben.
Idealerweise stößt ein Tweet mich auf ein Thema, an das ich mich ohne ihn niemals rangetraut hätte. Idealerweise macht der Text, den ich über den Tweet schreibe, etwas sichtbar, auf das ich ohne den Text, und den Tweet, nie gekommen wäre.
Ach ja, und drittens: Wir sind jetzt auf Medium. Wer was wichtiges hat, macht Medium.
Und damit zu Season zwei, Episode eins von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Januar 2016. (Die früheren Folgen sind hier.)
Das klingt beruhigend, allerdings muss ich zugeben, dass ich das Wort Coolness noch nie verstanden habe. Und ich habe es oft gegoogelt. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der cool war, weil ich gar nicht wüsste, wie das aussieht. Ich habe mich meines Wissens noch niemals cool verhalten, weil mir unklar ist, um was für eine Art Verhalten es sich handeln könnte. Mir ist aber schon wiederholt bestätigt worden, dass ich nicht cool bin. Auch wenn ich nicht weiss, was das bedeutet.
Meine Schulzeit war ziemlich schmerzhaft, aber wohl nicht schmerzhafter als die von anderen Leuten auch. Ich vermute, ich habe damals — oder eigentlich erst einige Zeit nachdem die Schule vorbei war — meine Strategien gelernt, um trotz der Ahnungslosigkeit, was Coolness betrifft, einigermassen überleben zu können. Inzwischen sind diese Strategien so in Fleisch und Blut übergegangen, dass man sie für meinen Charakter halten könnte. Daher berührt mich das Problem kaum noch. Ich verstehe Coolness erstens nicht, und zweitens ist mir das ziemlich egal.
Spannender wäre die Frage, ob meine Tweets mich schon mal dazu gebracht haben, meine eigenen Meinungen zu überprüfen. Ich glaube, die Chancen, die Meinung von jemand anderem zu beeinflussen, sind so astronomisch gering, dass es sich nicht lohnt, weiter darüber nachzudenken. Sie sind darum so astronomisch gering, weil nur ein kleiner Teil aller Menschen einen kleinen Teil ihrer Meinungen im Lauf ihres Lebens ändert, und selbst das dauert jeweils viele Jahre. Der Einfluss eines einzelnen Tweets, auch vieler Tweets, ist dabei vorhanden, aber infinitesimal. Es ist besser, sich für die eigenen Meinungen zu interessieren und sie weiterzuentwickeln, da ist man kompetenter. Und hat genügend zu tun.
Auch mal schön, sich als Deutscher so richtig verstanden zu fühlen. Gerade heute Abend hat mich jemand durch Mexico City gefahren, dem ich in erster Näherung sagte, dass ich aus den USA käme. Eine Illusion, die ich höchstens zehn Minuten lang aufrecht erhalten konnte, bevor er sich fragen musste, ob ich ihn wohl veräppeln wollte. Und das lag nicht am Akzent.
Dieser Tweet ist ein sprachliches Kleinod. Man sehe nur, was da alles nicht steht. Es steht zum Beispiel nicht: On the other hand, David Bowie lived, was ein schwaches Einerseits-andererseits wäre, sondern da steht dieses then again, das man als ein erstauntes und dann wieder lesen kann, als sähe man ein Vexierbild, das sich bei jedem Anschauen verändert und nicht zu fassen ist. Noch spektakulärer allerdings finde ich, dass da nicht steht David Bowie lives, was einfach nur billig wäre. Dadurch, dass sowohl died als auch lived in der Vergangenheit steht, hebt der Tweet das Geschehen auf eine überzeitliche Ebene und macht eine Erzählung daraus, die souveränste Art, mit dem Unabänderlichen umzugehen.
Einwand allerdings: Menschen, die wenig Empathie für andere haben und nicht gut zuhören können — ich zähle mich unbedingt dazu — , haben vielleicht am ehesten eine Chance, es zu lernen, indem sie es simulieren. So tun als ob. Irgendwann wird das, was man simuliert, echt.
Seufz. Homo müsste man sein. Zwischen den Geschlechtern scheint die Stimmung inzwischen derart vergiftet, dass man ein Jahrzehnt oder so besser die Klappe hält, um nicht noch Öl ins Feuer zu gießen.
Selten eine so fundamentale philosophische Aussage in einem Tweet gelesen. Es ist vielleicht die wichtigste Frage für die Menschheit im nächsten Jahrtausend. Selbst wenn wir voll auf den Transhumanismus einsteigen, stellt sich ja immer noch die Frage nach der Identität dessen, was sich da weiterentwickelt. Entwickeln wir uns weiter, um dann selber diejenigen zu sein, die sich weiterentwickelt haben (und unsere Kinder sind in diesem Sinne wir selbst), oder geht es um die Entwicklung überhaupt, und wir sind belanglos?
Die Studie, auf die Christoph Kappes sich hier so intelligent bezieht — nach der Deutschland das einzige Land in Europa, vielleicht der Welt ist, in der die Nutzung von Social Media mit steigendem Bildungsgrad sinkt — , war ein großer Augenöffner für mich. Wer in den Neunzigern den Fehler gemacht hatte, sich mit gebildeten, intelligenten Menschen zu befreunden, musste in den Zweitausendern feststellen, dass sie fast alle verschwanden. Nach E-Mail war Schluss. Ich vermisse diese Menschen, ihre Ideen und Qualitäten, noch immer sehr.
Die erwähnte Studie lindert den Schmerz in zweifacher Hinsicht. Erstens, weil sie zeigt, dass man mit dieser Erfahrung nicht allein ist, sie ist im Gegenteil typisch für Deutschland. Zweitens, sie ist es zum Glück nur in Deutschland. Es ist nicht etwa so, dass Menschen, die gegenüber den neuen Medien aufgeschlossener sind, allgemein eine durchgeknallte Minderheit bilden, dass sie einen fundamentalen Denkfehler begehen, auf den die Intelligenteren nur zu höflich sind, hinzuweisen. Nein, das ist nicht so, zumindest wenn man sich die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung anschaut. Es sei denn, die sind auch alle durchgeknallt.
Aber Christoph Kappes dreht das ja noch eine Umdrehung weiter und behauptet, dass die wenigen Intelligenten, die sich — in Deutschland — doch in die Sozialen Medien verirren, da den eigentlichen Quatsch schreiben. Das allerdings mag durchaus stimmen, und es ist auch gar nicht so überraschend. Es ist ja alles so neu hier. Kathrin Passig sagte neulich in einem schönen Radiofeature, wenn das World Wide Web ein Mensch wäre, hätte es gerade sein Studium abgeschlossen. Das, was wir Social Media nennen, ist dagegen ein Zehnjähriger, noch nicht mal in der Pubertät. Natürlich haben wir da noch kaum mehr gemacht, als uns zu räuspern und die neue Akustik auszuprobieren. Dass dabei mitunter Quatsch herauskommt: geschenkt. Ich würde sogar behaupten, um in den sozialen Medien Gehversuche zu unternehmen, braucht man eine gewisse Bereitschaft, sich zum Affen zu machen, ungewohnte Wege einzuschlagen und an der falschen Stelle herauszukommen. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum es in Deutschland den Intelligenten so schwer fällt.
Ich erinnere mich, wie ich als junger schreiben-wollender Mensch mal ein paar richtigen Künstlern zuhörte und einer sagte: Das Schwerste so aussehen zu lassen, als ob es ganz einfach wäre, das ist das Wichtigste. Ich hätte die Wände hochgehen können dafür. Arschlöcher, wollte ich rufen. Ihr lügt doch. Ihr gaukelt den Leuten was vor. Was ist denn das für ein Mummenschanz hier.
Inzwischen stelle ich fest, dass ich einen beträchtlichen Teil meiner Kraft und Zeit darauf verwende, meine Sätze zu schleifen, zu schleifen und nochmal zu schleifen, so lange, bis sie nicht mehr gestelzt klingen, sondern als wären sie einfach so dahin gesagt. Ich habe keine Ahnung warum, aber vielleicht beginne ich zu begreifen, was diese idiotischen Künstler damals gemeint haben.
Beeindruckend hier vor allem der präzise Gebrauch des Wortes Wichser, das nicht nur als oberflächliches Schimpfwort erscheint, was selten vorkommt.
Touché. Der Erfolg dieser Reihe hier ist weit größer, als mein bescheidener Twitter-Account eigentlich hergibt. Das hat zu großen Teilen mit dem schönen Brauch zu tun, dass Leute, deren Tweets hier besprochen werden, den Link retweeten. Nicht alle tun das, aber es sind manchmal ganz populäre Twitterer, die es tun. Ich war schon versucht, einfach mal einen Tweet von Sascha Lobo zu besprechen, aber der twittert so selten.
Ich habe also einen Weg gefunden, die Eitelkeit guter Twitterer umzulenken und für meine eigenen Zwecke zu nutzen. Das ist alles? Vielleicht nicht ganz. Bei Keiner davon ist witzig hat man die Gelegenheit, seinen eigenen Tweet zu retweeten, ergänzt um ein seltsames, verfremdendes Echo, das ensteht, wenn der Tweet in einem ungewohnten Raum abgespielt wird.
Was soll man da machen?
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