Keiner davon ist witzig / 2016–02

Der Witz ist in vieler Hinsicht die stärkste Kommunikationsform, die es gibt. Er hat aber auch die Tendenz, alle anderen Formen plattzumachen. Es gehört Mut dazu, auf Twitter, wo eine Menge gute Witze gemacht werden und auch ein paar nicht so gute, einen ernsten Ton anzuschlagen. Dem Witz ist man damit, im direkten Vergleich, immer unterlegen. Aber mir sind solche Töne lieber. Sie sind selten. Ich versuche, sie aufzuspüren.

Dies ist die zweite Ausgabe des zweiten Jahrgangs von Keiner davon ist witzig, mit Tweets aus dem Februar 2016.


Ist das besonders intensive Introvertiertheit? Gar nicht, scheint mir, eher die völlig normale Introvertiertheit. Ich fühle mich jedenfalls häufig so. Und ich ahne, dass es Extrovertierten vielleicht gar nicht anders geht: it’s almost like I am waiting for myself to leave so that I can finally hang out with people. Die Frage ist wohl nur, wie schnell einem langweilig mit sich selbst wird, und was man dann tut, um sich loszuwerden.

Ich hätte diesen Tweet beinahe zum Anlass genommen, meine eigene Meinung zum Thema zum Besten zu geben. Puh, das war knapp. Lieber das hier: Wenn ein Land sich in irgendeiner Hinsicht von allen anderen Ländern auf der Welt unterscheidet, führt das nie dazu, dass es sich schneller an die anderen anpassen würde, eher im Gegenteil.

Das deutsche Klammern ans Bargeld ist so ein Fall. Einschließlich der Tatsache, dass nirgends ein so gereizter Ton zu seiner Verteidigung angeschlagen wird, als ginge es, wie so oft, um die Demokratie und das Abendland schlechthin. Das ist nicht anders als die Frage nach der Krankenversicherung in den USA — der Hinweis, dass es keine andere Industrienation gibt, in der man durch die unmittelbaren Kosten einer Krankheit bankrott gehen kann, hat noch niemanden vom Gegner zum Befürworter von Obamacare gemacht.

Wir halten das Land, in dem wir leben, für etwas besonderes, und das ist, phänomenologisch gesprochen, auch vollkommen richtig: schließlich leben wir da. Perspektivisch gesehen ist der Ort, an dem ich stehe, ohne Zweifel ein besonderer Punkt. Unser Gehirnvolumen ist begrenzt, wir können nicht gleichzeitig an mehreren Orten sein, kognitiv nicht; nur mit viel Training und Aufgeschlossenheit werden wir langsam besser darin.

Würde Weltbürgertum darin bestehen, in jeder Frage so denken zu lernen, wie es sich allgemein als Konsens unter der Mehrheit der Menschen herausbildet? Das setzt ein ziemlich optimistisches Verständnis der Menschheit voraus.

Warum nicht?

Ich würde das fortgeschrittenen, kultivierten Neid nennen. Gibt es eine Stufenfolge des Neids? Zuerst Neid auf äußerliche Dinge, auf Geld und Erfolg. Dann die Einsicht, dass reiche Menschen sehr unglücklich sein können, also verfeinert sich der Neid und richtet sich genauso auf den glücklichen Hedge-Fund-Manager wie den Schuhputzer am Straßenrand, deren Ausstrahlung in beiden Fällen Zufriedenheit bezeugt. Und schließlich, als nächste Stufe, verschwindet der Neid, weil sich die Einsicht durchsetzt, dass wir alles nötige entweder in uns selbst haben oder nirgends.

Das klingt plausibel, aber es deckt sich nicht ganz mit meiner Erfahrung. Ich war im Leben nie neidisch auf Menschen, die mehr Geld haben als ich, vierzig Jahre lang nicht. Das hat sich geändert, als ich nach New York City gezogen bin, wo wesentlich mehr Geld erforderlich ist, um auch nur annähernd so gut leben zu können wie in Deutschland. Auch für so selbstlose Dinge wie die Ausbildung der eigenen Kinder. Vermutlich liegt ein großer Teil der Energie von New York City in diesem Neid begründet, der einen unweigerlich zu infizieren scheint, wenn man hier wohnt. Ich arbeite daran und halte diesen Neid auch nicht für besonders bestimmend bei mir, aber der Unterschied zum Leben in Deutschland ist spürbar.

Also ändern sich mit den Jahrzehnten nicht nur unsere Ansichten, sondern auch das Substrat, auf dem diese Ansichten existieren. Das »selbst« in »wir selbst« ist keine feste Größe. Weswegen Sätze der Form »Ich werde niemals!« keine so kluge Idee sind. Meine klügsten Sätze waren jeweils die, bei denen ich einem früheren Selbst widersprochen habe. Oder vielleicht kommen sie mir nur gerade jetzt so klug vor.

Ich wollte das Original zu dieser Variation von @Fritz nachschauen und stelle fest, dass auch das vermeintliche Original schon eine Variation über einem Satz von Victor Hugo ist. On résiste à l’invasion des armées ; on ne résiste pas à l’invasion des idées, schrieb Hugo. (Man widersteht der Invasion von Armeen, man widersteht nicht der Invasion von Ideen.) Daraus wurde, man weiß nicht genau wann und durch wen: »Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.«

Also ist eine Idee, deren Zeit gekommen ist, besonders stark und unwiderstehlich. Was natürlich die Frage aufwirft, worin dieses »deren Zeit gekommen ist« genau besteht und woran es sich erkennen lässt. Etwa daran, dass eine Idee plötzlich besonders stark und unwiderstehlich wird? Und umgekehrt, dass eine Idee, deren Zeit vorüber ist, sich dadurch verrät, dass sie brutal wird? Gibt es keine neuen Ideen, die sich brutal durchsetzen? Sind absteigende Ideen brutaler als aufsteigende?

Bedrückende Nachricht. Trotzdem ist dieser hier der für mich spektakulärste Tweet zum Nachweis der Gravitationswellen. Keiner macht deutlicher, was das Unternehmen Wissenschaft bedeutet. Wie groß ist der Abstand zwischen einem Physiker in den Computerräumen des LIGO und einem Physiker in einem Altersheim, im kosmischen Maßstab gesehen? Sehr klein, und sehr groß.

Das erklärt, warum die Bösewichte in Filmen immer solche Schießbudenfiguren sind. Es sind Bösewichte, die keine Aura des Guten um sich herum aufbauen. Sie halten sich selbst für böse. Oder sie haben jedenfalls nichts dagegen, böse zu sein. Das tut keine reale Person. Es sind solche Bösewichte, die wir brauchen, um unsere eigene Aura des Guten herzustellen.

Etwas Lustiges zuerst: Als Obama gewählt wurde und allen eine Krankenversicherung gab, als er außerdem gleiche Steuern für Reiche forderte, schauten die Amerikaner ängstlich in ihre Wörterbücher und schlugen nach, was Sozialismus und Kapitalismus nochmal genau bedeuten.

Das weniger Lustige, aber Interessantere ist, dass diese Dinge — Elternzeit, Krankengeld, Urlaub — aus amerikanischer Sicht tatsächlich ein bisschen unheimlich aussehen. Sie bedeuten, dass ein Unternehmer mit jedem Angestellten eine Menge Risiken übernehmen muss. Unternehmer und Angestellter begegnen sich damit nicht mehr auf Augenhöhe — ich arbeite für dich, weil und solange wir beide ein Interesse daran haben — sondern der Unternehmer wird gezwungen, dem Angestellten gewisse Rechte einzuräumen, was paradoxerweise die Rolle des Angestellten und das Machtgefälle zwischen ihm und dem Unternehmer eher zementiert.

In dem hoffnungsvollen Startup, für das ich arbeite, habe ich keine Kündigungsfrist (nicht einmal einen Arbeitsvertrag), keine Rente (jedenfalls keine vom Arbeitgeber), aber zum Beispiel unbegrenzten Urlaub: Jeder kann soviel nehmen, wie er möchte und wie er glaubt, dass angesichts der eigenen Produktivität und der Gesamtsituation der Firma gerade angemessen ist. Wenn der Vorgesetzte anderer Meinung ist, wird er das sagen. Wer auf Dauer anderer Meinung ist als sein Vorgesetzter, sollte vielleicht lieber woanders arbeiten. Bezahlte Elternzeit gibt es übrigens auch — nicht weil es irgendein Gesetz verlangt, sondern weil es zum guten Ton gehört und der Firma hilft, gute und loyale Mitarbeiter zu finden.

Ich bin mir bewusst, dass ich hier von der privilegierten Softwarebranche und ihrer Startup-Kultur spreche. Es gibt Leute, die im amerikanischen System weitaus schlechter dastehen, zum Beispiel die Autobauer, die halb so viel verdienen wie ihre deutschen Kollegen. Ich will ja nur anmerken, dass es Gründe gibt, warum das amerikanische System so ist, wie es ist, und dass diese Gründe nicht reine Ignoranz oder Verachtung der Arbeitnehmer sind. Und ich wäre ganz froh, wenn Amerika auch unter einem Präsidenten Bernie Sanders nicht ganz so würde wie Deutschland oder Skandinavien. Wird’s aber wohl auch nicht.


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