Havanna — nicht nur das Kapitol putzt sich heraus.

Die Kamerateams aus aller Welt treten sich hier momentan gegenseitig auf die Füßen. Der Tenor ihrer Reportagen und Dokumentationen wird lauten: In Havanna wird im Vorfeld des symbolträchtigen Besuchs von US-Präsident Barack Obama mit Hochdruck gearbeitet. Es werden die aufgerissenen Straßen vor dem Kapitol, das Plakat des Bauunternehmers “Projektmanagament.de”, dagegen die einfallenden, einst prächtigen Wohnhäuser, die knallbunten Oldtimer und ein Sundowner im mondänen Hotel National zu sehen sein.

Der morbide Charme und der rasche Wandel, das macht Havanna derzeit aus. Hoffnungen und Ängste mischen sich.

110 Flüge soll es bald täglich aus den USA nach Kuba geben, statt wie bisher Null. Zehn internationale Flughäfen sollen das in der Karibikinsel auffangen, die schon jetzt nicht genug Hotelkapazität hat. Für viele US-Amerikaner ist Kuba aber immer noch eine No-Go-Area. Bisher war das Land ein Paradies für Kanadier, die in drei Flugstunden von Toronto in dem für sie günstigen Karibikland waren.

Sozialismus unter Palmen

Wie das kanadische Paar in Santa Clara, die sich wie die Patrone der Privatpension benehmen. Er brät die besten und größten Schweinekotelettes der Welt, die kein Mensch aufessen kann, und beruhigt: “Keine Sorge, die Reste essen die Freunde der Kinder.” Sie nutzt in ihrem Aufenthalt das weltberühmte kubanische Gesundheitssystem, um sich billig impfen — gegen Hepatitis und mit Vitaminen — zu lassen. Die Segnungen des Sozialismus — sie kennen das, er ist in Rumänien geboren, sie in Bukarest.

Hausärzte in Deutschland schwärmen vom kubanischen System der Familienärzte. Kubaner sind rundum versorgt, kostenlos — theoretisch. Wer kein Geld hat, für den ist allerdings nicht immer das passende Medikament verfügbar. Selbst Schmerztabletten gibt es oft nur gegen harte Währung. Kuba gilt weltweit als vorbildlich in der Medizinerausbildung. Kuba bildet Ärzte aus und exportiert sie im Austausch gegen Waren nach Venezuela. Eine Reaktion auf das Embargo der USA.

Überleben mit Nebenjobs und Geschenken

Das System der Geschenke ist auch an Schulen üblich. Bildung ist kostenlos, doch mit einem Geschenk am Schuljahresanfang — ein T-Shirt oder Kosmetika — läuft es glatter.

Lehrer und Ärzte sind die einzigen Berufsgruppen, die keinen Nebenjob ausüben dürfen. Umso wichtiger ist für sie die Unterstützung der Verwandten aus dem Ausland. Die Tante in Hamburg, die gelegentlich auch mal Nutella schickt. Die Schwester, die über Argentinien nach USA ausgewandert ist und dem Fahrer Original-Ersatzteile von Chevrolet für sein Oldtimer-Taxi zukommen lässt.

“Viele Kubanerinnen wollen Touristen heiraten, weil sie denken, alle Touristen sind reich ….”

Das verrät eine Reiseleiterin — sie lässt die Bemerkung offen im Raum stehen.

Kubaner haben in den letzten Jahrzehnten gelernt, zu improvisieren, zu überleben. Der junge Informatiker findet, das hat sie egoistisch gemacht. Der 26-Jährige macht sich Sorgen: “Alle denken nur an sich und das tägliche Überleben, keiner denkt global und langfristig.” Er spricht gut Englisch und ist ehrgeizig. Internet fehlt ihm, um Anschluss an die Welt zu haben.

Internet ist auch für Touristen schwer zugänglich. Zugangscodes werden bei — manchmal zwielichtig wirkenden — Straßenhändlern oder im Hotel gekauft, dass dies funktioniert, ist nicht garantiert. Geduld ist gefragt. Kubaner haben sie.

Beispielsweise der coole Kellner, der auch um Mitternach auf der Terrasse am Malecon noch mit Sonnenbrille serviert. Er wartet seit Wochen auf den Lack für seinen Oldtimer, der ansonsten fertig ist und darauf wartet, dass er ins lukrative Taxi-Geschäft einsteigt. Zwei Jahre hat die Renovierung gedauert.

Weltgeschehen und Hühner beim kubanischen Kaffee

Auch die ältere Dame in der Pension hat Zeit. Sie plaudert beim besten Kaffee der Welt in ihrem Gartenpavillon, um den Hühner und Schweine streunen, über das Weltgeschehen und über den Wandel, in dem Kuba mittendrin steckt. Der Papst und Obama — für sie zwei markante Besucher ihrer Heimat, an die sie Hoffnungen, aber auch Befürchtungen knüpft. Sie ist stolz auf ihren Sohn, der in Leipzig studiert hat, in dem damals noch geteilten Deutschland. Er bietet heute Wandertouren durch die Natur für deutsche Touristen an.

Viele haben im Tourismus ihre Nische gefunden. Die Taxi-Fahrer oder die Betreiber der Casa Particulares, Privatpensionen unter staatlicher Aufsicht, oder die Paladars, Privatrestaurants — beide müssen hohe Abgaben zahlen und weit in Vorleistung gehen. Oder die Nichte der Casa-Betreiberin. Sie singt in den Badeorten mit einer Band. Alles zwischen Guantanamera und modernen Songs.

“Ihr habt das in Deutschland gut hingekriegt”, lobt ein Kubaner im Café die Wiedervereinigung. Er hofft auf die Annäherung zu den USA.

Auch Deutschland ist in Kuba gut vertreten. Die Restaurierung des Kapitols überwacht eine deutsche Firma, in Santa Clara erzählt ein deutscher Ingenieur davon, dass er eine Chemiefabrik aufbaut. Zwei Jahre ist er dazu vor Ort. Sonst ist er vor allem im nahen Osten tätig.

Die Kubaner sind mitteilungsfreudig. Jetzt dürfen sie. Wie dieser Passant irgendwo zwischen dem “Havanna Libre” und dem “Hotel National”:

“Sozialismus ist eine große Lüge, erzählt das zuhause. Hoffentlich ist das bald vorbei.”

Die Angst vor Spitzeln, die noch vor zehn Jahren allgegenwärtig war, ist verschwunden, ebenso die zahlreichen Soldaten.

Der weltberühte kubanische Kaffee macht das Plaudern leicht. Wie für die Großmutter, die in der Sierra Maestra gekämpft hat. Die 25jährige berichtet in perfektem Deutsch:

“Meine Oma erzählt immer beim Frühstückskaffee von Che und Fidel und wie die beiden gestritten haben.”

Kuba gilt als das sicherste Land Lateinamerikas. Einstürzende Häuser in Havanna und Salmonellen dürften die größten Gefahren sein. Die Kontraste stechen derzeit krass ins Auge: Beeindruckende restaurierte Barock-Paläste oder Art déco-Bauten neben Schutthaufen, die eher an Kriegsgebiete erinnern denn an die prächtigen Häuser, die es einst waren.

Kubaner sind selbstbewusst. Trotz Mangel und langer Schlangen vor Lebensmittelläden und Apotheken gibt es neue Geschäftsideen. Vereinzelte junge, unabhängige Designer-Boutiquen blühen in dem Land, in dem auch Stoff Mangelware ist.

Reggaton statt Guantanamera

Statt “Guantanamera” hört man immer mehr Reggaeton, der lateinamerikanischen Variante von Hiphop mit einem großen Schuss Salsa, statt Domino spielen immer mehr Kubaner am Handy. Der Santeria-Kult — eine Religion der Nachfahren der Sklaven — findet starken Zulauf in dem ansonsten sehr säkularen Land. Viele zeigen das durch ihre makellos weiße Kleidung — von Kopf bis Fuß. Und das ist schwierig in einem Land, in dem das Wasser nicht immer aus der Leitung fließt und Waschmittel rar ist. Es geht um das individuelle Glück, um Liebe, Geld, Erfolg.

Immer noch zieren unzählige Graffiti von Che Guevara, von Fidel Castro, den “Miami Five” und der allgegenwärtige Spruch “Hasta la victoria siempre” die bröckelnden Mauern. Die Kubaner sind stolz, sprechen von “meinem Präsidenten”, “meinem Land”, “meiner Regierung”. Es gibt genügend Kubaner, die die Revolution von 1953 noch miterlebt haben. Freie Bildung auf hohem Niveau, eine umfassende kostenlose Gesundheitsversorgung für alle — die Ideen sind gut — es gibt in Kuba so vieles, das bleiben sollte, wie es ist. Und manches, von dem es gut ist, wenn es verschwindet.


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Maria Magdalena Held

Written by

Journalistin. Themen: Sozialpolitik, Bildung, Familie, Erziehung, Unterhaltung.

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