Flüchtling tut dies, Flüchtling macht das

Warum das Wort “Flüchtling” im Mediengebrauch problematisch ist

Das Wort “Flüchtling” mag richtiger sein, als zum Beispiel Asylant, wenn wir über vor Krieg flüchtende Menschen sprechen. Dennoch frage ich mich seit einigen Monaten, was wir mit dem Begriff bei denen auslösen, die keine “Flüchtlinge” persönlich kennen. Es ist ja so. Jede Begrifflichkeit erzeugt Assoziationen. Die “Asylantenflut” suggeriert, eine alles vernichtende Welle würde sich über das Land legen. Der “Flüchtling” dagegen ist immer auf der Flucht, er hat keine Vergangenheit und keine Zukunft, er bleibt immer in Bewegung.

Die homogene Gruppe “Flüchtling” ist eine klassische Outgroup (soziol.: “Outgroup” als Gegenteil der “Ingroup” von Menschen, mit denen man etwas teilt, zB. Sprache, Erlebtes, Interessen) im Gegensatz zu “den Deutschen”. Und in sich geschlossen pflegt diese Gruppe demnach eigene Rituale. Korrekt? Quatsch.
Wenn ich bei Kaufland an Schlange 7 anstehe, diese plötzlich in einem Raum isoliert wird und ich mit 20 fremden Menschen, einer davon Veganer, gefangen bin, dann bin ich auch Teil einer Gruppe. Nennen wir uns “Gruppe 7”. Ein Mitglied aus Gruppe 7 ist vierfach vorbestraft, eines ein rechter Spinner und dann ist da noch die Oma, die heute noch einen Friseurtermin hat und darum gar keine Zeit, eingesperrt zu sein. Ich habe mit niemandem in Gruppe7 je gesprochen. Vier Mitglieder der Gruppe sprechen keine mir bekannte Sprache.
“Gruppe 7” wird nun also in den Medien genannt. Gruppe 7 besteht aus “Ausländern”, die aber “rechts” sind und “vorbestraft”. Und Rentner. Ich bin kein Ausländer, kein Rechter, nicht vorbestraft, nicht pensioniert, aber — mitgehangen, mitgefangen? Nein.

Die Masse der “Flüchtlinge” umfasst einige Millionen Menschen aus zig Ländern. Die meisten davon verstehen sich nicht, weil sie keine gemeinsame Sprache finden, viele stehen anderen Mitgliedern der Gruppe ebenfalls feindlich gegenüber. Aber “Flüchtling löst Massenschlägerei aus”, “Flüchtling belästigt (blonde, deutsche) Frau”, “Flüchtlinge reißen Grenzzaun ein”, “Flüchtlinge stören sich an Feldbetten”. Auf der anderen Seite “Flüchtling findet 3.000 Euro”, “Flüchtling rettet Absturzopfern das Leben”, “Flüchtling startet Integrationsprojekt”. Und nun? Wie lautet das Image dieser Gruppe? Ist es -wirklich- eine geschlossene Gruppe, die wir hier betrachten?

Die Ingroup-Outgroup-Thematik kann nur durchbrochen werden, indem die Schlagzeile “Flüchtling rettet Absturzopfern das Leben” korrekt titelt: “Irakischer Tierarzt rettet Absturzopfern das Leben”. Und das ab sofort für jeden Fall. Wenn wir schon unbedingt unterscheiden wollen zwischen Deutschen und Nichtdeutschen. Den “Flüchtling” kann es so nicht geben.


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