Landschaft ohne Metapher

Im Grand Canyon

Der Grand Canyon, dachte ich, ist so etwas wie umgekehrte Alpen. Aber das stimmt nicht. Betrachtet man die Flumserberge hinter Zürich, ist es nie einfach nur Landschaft, sondern immer auch Metapher. Solche Bergformationen können gar nicht anders als etwas bedeuten. Man ist ergriffen und nach ein paar Tagen auch beklommen. Avital Ronell erwähnte einmal, dass in früheren Zeiten die Fenster von Pferdekutschen im oberen Drittel verkleidet waren, weil das übermäßige Betrachten der Bergspitzen den ungeübten Gast wahnsinnig machen könnte.

In solcher Umgebung denkt man “die Alpen!” so wie man “der Rhein!” denkt, wenn man in Bingen ist und dann ist das eben nicht nur Sediment oder Flussbett, sondern ein Berg (oder ein Tal) an Geschichte, Assoziationen, Kultur.

Der Grand Canyon hingegen ist eine Landschaft ohne Metapher. Dieser Abgrund bedeutet nichts, nicht in einem kulturellen Sinn. Er ist absolute Natur. Als Europäer steht man am Rand dieser “Großen Schlucht” und es fällt einem nichts ein wie die Alpensinfonie oder das Gestein, das Mahler “alles schon weg komponiert” hat, nicht mal Messner oder Spyri.

Die Alpen blickt man an. Vom Grand Canyon wird man angeblickt, von Jahrmilliarden alter Teilnahmslosigkeit der Natur.


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