Lasst die Hosen runter -
Warum es sich lohnt, die Hüllen fallen zu lassen


Habe ich das Essen für morgen schon zusammen? Wann kaufe ich dem Kleinen neue Gummistiefel? Meine Haare bräuchten unbedingt ‘nen neuen Schliff. Und die alten Klamotten müssen aus dem Schrank. Geht es Mama gut? Wie stelle ich am besten sicher, dass meine kleine Schwester einen Weg geht, der sie glücklich macht? Wann hab ich eigentlich das letzte Mal meiner besten Freundin geschrieben, gebadet, etwas anderes als Fachbücher gelesen und relaxt? Sex wird zwischengeschoben, falls es zeitlich passt, zuhause tobt das Chaos und der Kunde fragt: „Und, Frau Muh, wie geht’s?“ „Alles bestens, danke! Und Ihnen?“ — „Alles bestens auch bei mir.“ — dann Schweigen.

Eigentlich würden wir am liebsten schreien: „Mein Mann sucht verzweifelt einen Job, der uns regelmäßig über die Runden bringt — ganz nach dem Motto ‘Dem Ingeniör is nix zu schwör’. Der Schwiegerpapa kämpft gegen bedrohliches Zellwachstum. Mein Sohn ist froh um jede Minute, die er Mama und Papa für sich hat. Es wäre toll, mal wieder einen Abend nicht mit Arbeit am PC zu verbringen, die Wäsche zu waschen, die einer von uns schnell vor dem Schlafen gehen noch ach so gerne aufhängt, den nächsten Tag zu planen, die Küche zu putzen. Zwischendurch die aktuellsten Posts lesen, dass wieder jemand an der Warschauer Brücke abgestochen wurde, obwohl er nur feiern gehen wollte oder den aktuellsten News-Feed „Wieder 1000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken“. Die eigene Firma verschluckt alles, was von der freien Zeit noch übrig ist. Aber so ist das doch mit der Selbstverwirklichung! Oder?! — Die Liste lässt sich endlos fortführen.

Der ganz normale Wahnsinn.

Ich fühle mich erschlagen, japse nach Luft, der Luft der Freiheit.

Nein, wir schreien nicht. Wir sind nach wie vor bestens gelaunt, nett und freundlich, ob vor dem Chef, dem Kunden, manchmal sogar vor den engsten Freunden. Man will ja schließlich nicht der Schwächling sein.

Doch es lohnt sich, die Hüllen fallen zu lassen. Es lohnt sich deshalb, weil es für unser Gegenüber so unglaublich befreiend ist einmal von jemand anderem zu hören, dass es ihm genauso geht wie einem selbst, dass auch der andere vom ganz normalen Alltag völlig ausgebrannt ist. Das schluckt auf einen Schlag den ganzen Mist, den wir Tag für Tag mit uns rumschleppen und lässt ihn von einem auf den anderen Moment als kinderleicht erscheinen.

Unsere Welt ist so schnell geworden. Die zur Verfügung stehende Zeit ist immer noch dieselbe, wir sind immer noch dieselben, doch die Maßstäbe der Zeit, in der Dinge zu erledigen sind, haben sich verändert. Wir haben an irgendeinem Punkt verpasst die Hosen runter zu lassen und einfach mal zu sagen „Ich kann nicht mehr. Das geht mir alles viel zu schnell.“ und mit den Konsequenzen zu leben ohne zu denken wir würden wieder irgendwas nicht rechtzeitig mitbekommen. Oder wir haben an irgendeinem Punkt verpasst den Menschen um uns herum genau zuzuhören, um zu merken, dass es ihnen genauso geht. Hätten wir das nicht verpasst, wären wir vermutlich heute nicht an dem Punkt, an dem es jedem ach so gut geht und dennoch jeder zweite zum Psychologen rennt, weil er denkt mit ihm sei was nicht in Ordnung. Wir sind nur erschöpft — nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Leute, lasst die Hosen runter. So wie es ist kann es nicht weitergehen. Wir entwickeln uns nicht so schnell wie die Welt um uns herum. Es knallt irgendwann, nur, weil wir, die diese Entwicklung angetrieben haben, sie nicht wieder abbremsen.

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