Letzter Halt: Staatsexamen

Jurastudenten wie Sarah richten sich regelrecht zugrunde. Aber wofür?

Anna Kolumna
May 28, 2016 · Unlisted
Funktioniere oder du bist raus. [Quelle: RyanMcGuire, Pixabay.com]

Früher war Sarah (26) die Macherin, die Ehrgeizige, die Allesschafferin. Erfolg war ihr zweiter Vorname. Was sie anpackte, verwandelte sich in Gold. Das war früher. Wenn sie sich heute im Spiegel anschaut, fragt sie sich, wo ihr früheres Ich geblieben ist. Ein völlig fremder Mensch blickt ihr entgegen.

Dabei käme ihr ein kleines Fünkchen Erfolg gerade sehr gelegen, denn sie steht kurz vor ihrem Jura-Staatsexamen — die Tage bis zum Termin im September sind gezählt. Jeden Morgen, auch am Wochenende, geht Sarah um 8 Uhr in die Unibibliothek, setzt sich mit ihren Gesetzen an ihren Stammplatz und steht in der Regel erst wieder auf, wenn sie ihr Pensum geschafft hat: Fall durcharbeiten, Problem verstehen, Karteikarten zum Wiederholen beschreiben. Auszeiten zum Abschalten gibt es nicht.

Auch wenn Sarah bewusst ist, dass sie sich kaputt macht, wenn sie ab und an zu Aufputschmitteln greift, sieht sie keinen anderen Ausweg. Nur so schafft sie es, den Tag zu überstehen und sich von einem Fall zum nächsten zu hangeln. Ob das richtig oder falsch ist, irrelevant. Fakt ist, dass das Examen keine Rücksicht darauf nimmt, dass sie ihr Lernpensum aufgrund von Panikattacken und Schlafstörungen nicht immer schafft. Niemand hält das Taschentuch bereit, wenn sie mit einem Blackout vor einem leeren Blatt Papier sitzt. Im Examen heißt es nur: Funktioniere oder du bist raus.

Raus aus ihrem Leben, so fühlt Sarah sich schon länger. Soziale Kontakte sind seit Monaten auf Sparflamme reduziert. Unternehmungen mit Freunden sind völlig ausgeschlossen. Zwischen dem Herunterschlingen des Käsebrots und der Tasse Kaffee gegen das nahende Nachmittagstief bleibt in der Mittagspause nicht viel Zeit. Mehr als ein kurzes Gespräch mit Kommilitonen über den letzten Fall aus dem Examenscrashkurs ist nicht drin. So schnell wie möglich eilt jeder zu seinen Paragraphen zurück. Bloß keine Zeit verlieren. Das soziale Highlight in Sarahs Woche ist das mitleidige Lächeln der Kassiererin, wenn sie Freitag Abend kurz vor Ladenschluss in den Supermarkt stürmt, weil sie endlich die abgelaufene Milch in ihrem Kühlschrank ersetzen will.

Hätte ihr damals jemand gesagt, dass sie irgendwann an der Schwelle zur Depression stehen und das Leben eines Einsiedlers führen würde, hätte Sarah nur ungläubig gelacht. Wie aus der erfolgreichen Allesschafferin ein Wrack werden konnte, kann sie sich nicht erklären. Es war ein schleichender Prozess. Das Jurastudium hat über Jahre still und heimlich an ihren Kräften gezehrt und ihr in der Examensvorbereitung den letzten Funken Leben ausgehaucht. Übrig bleibt eine leere Hülle ohne Inhalt. Eine Hülle, die sich jeden Tag in die Bibliothek schleppt, auf das Examen vorbereitet und irgendwie versucht zu funktionieren. Selbst ihre 500 Kilometer entfernt lebenden Eltern haben keinen Schimmer, dass Sarah nicht mehr sie selbst ist. Sie sehen nur die Ergebnisse. Sarahs Freunde, ebenfalls Juristen, machen das Gleiche durch und kommen als Unterstützung erst recht nicht in Frage.

Wer glaubt, dass es im Jurastudium um Intelligenz geht, irrt sich. Letztlich kommt es nur darauf an, dass man funktioniert und Ergebnisse abliefert — vor allem so kurz vor dem Staatsexamen. Sarah muss Fälle lösen und Probeklausuren schreiben. Mindestens 60 sollte sie bis zum Examen schaffen, sonst fehlt ihr die nötige Routine, um sich während der fünfstündigen Examensklausuren auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Dass Sarah immer öfter darüber nachdenkt, ob sich dieses Zugrunderichten überhaupt lohnt, behält sie für sich. Dabei ist sie nicht die Einzige, die das System hinterfragt. Selbst in der Öffentlichkeit erheben sich Stimmen, das Jurastudium zu reformieren und das Staatsexamen abzuschaffen. In Anbetracht der vom Bundesamt für Justiz kürzlich veröffentlichten Statistiken für 2014 keine Überraschung: Fast 30 Prozent der Prüflinge fallen deutschlandweit jedes Jahr durch das Erste Juristische Staatsexamen.

Mit den Zweifeln wächst auch die Angst, es nicht zu schaffen — durchzufallen und dazu psychisch reif für die Klapse zu sein. Dann wären all die Panikattacken, die schlaflosen Nächte und die depressiven Zustände umsonst gewesen. Je näher das Examen rückt, desto größer wird Sarahs Angst. Dass ein Studium ihr das Menschsein nimmt, ist für sie unbegreiflich. Würde sie es nicht selbst erleben, würde sie es nicht glauben. Dabei sollen Jurastudium und Examen doch das Ticket in ihr zukünftiges Leben sein. Was bringt ihr allerdings diese Eintrittskarte, wenn sie keine Kraft mehr hat, sie festzuhalten? Ein Fehler im System.

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