Liebe. Sex. Internet. Diese drei.

Jede Woche erscheint ein neuer Essay aus der Perspektive von jungen Erwachsenen, die Bilanz ziehen: Beziehungen seien schwierig, langfristige mit einer Perspektive besonders, lautet der Grundtenor. Die Suche nach Ursachen endet beim Smartphone: Tinder bringe eine Effizienz und Wahlmöglichkeit ins Spiel um Anziehung, Attraktivität, Intimität und Liebe, welche dem Spiel die Grundlagen entzieht. Dank digitalen Tools optimierten sich junge Menschen, statt sich zu finden. Sie wählten, statt sich zu entscheiden. Sie experimentierten, statt sich zu finden.

Diese Klagen kennt man aus der Kritik an der japanischen Jugendkultur: Nicht nur empfinden junge Japanerinnen und Japaner Beziehungen als anstrengend, auch Sex werde ihnen zunehmend fremd. Eine Einsamkeit, die darin gipfle, dass sich einige junge Japaner zuweilen in ihren Zimmern einschließen, sei die Konsequenz. Ein Horrorszenario, das auch in Europa Einzug halten könne.

Diesen Befunden könnte man mit einem Gedankenexperiment begegnen: Nehmen wir an, die so genannte »Generation Y« sei die erste, für welche die bürgerliche Beziehung lediglich eine Option unter anderen darstellt. Wäre das nicht generell einmal ein Zuwachs an Freiheit? Und weshalb nehmen all diese jungen Menschen und ihr Publikum an, nur diese bürgerliche Beziehung könne zur Erfüllung führen? Vielleicht, so habe ich heute etwas lakonisch auf Twitter kommentiert, ist »die Liebe ja gar nicht so toll«. Gemeint habe ich damit: Vielleicht blenden viele Menschen den Preis einer exklusiven, langfristigen Beziehung aus — genau so wie sie den Preis von Sex ausblenden.

Junge Menschen würden dann lediglich erleben, dass nicht alle bereit sind, diesen Preis zu zahlen, wenn sie die Wahl haben. Denjenigen, die aus freien Stücken auf »die große Liebe« verzichten, einen Vorwurf zu machen, erscheint mir zu normativ.

Selbstverständlich wäre es aber genau so falsch, anzunehmen, wir hätten es mit völlig freien Entscheidungen zu tun. Selbstoptimierung und Flexibilität sind nicht Vorstellungen, auf die Menschen spontan gekommen wären. Sie sind tief in der Tendenz verankert, Menschen in Wettbewerb zu anderen treten zu lassen. Diese Entwicklung oder Ideologie von der Idee der romantischen Liebe aus kritisieren zu wollen, ist aber eine Sackgasse: Diese ist ideologisch ebenso besetzt.

Technologie ist oft ein guter Spiegel für Ideologie. Sie bestimmt den Handlungsspielraum, auch im zwischenmenschlichen Bereich. Zu denken, sie verhindere Treue oder spontanes Kaffee Trinken mit Fremden, ist zwar veführerisch, aber wohl falsch. Aber sie ist Teil der Kultur, die uns zu den Subjekten macht, die wir sind. Und das bedeutet heute, dass wir bürgerlichen Beziehungen in unserer Sehnsucht mehr Wert zuschreiben als in unserem Leben.

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